… neulich im Brigitte-Forum entdeckt:

Warum entdecken viele Frauen ü40 “plötzlich” ihre Liebe zu Frauen?


Beitrag 1:

Die Frage wurde im Anne Will & Miriam Meckel-Strang gestellt, gehört aber eigentlich nicht so recht dort hinein und droht deshalb auch ein wenig unterzugehen.
Ich finde es aber bemerkenswert und deshalb diskussionswürdig, dass viele Frauen, die heute mit um oder ü40 mit Frauen leben wollen, zuvor in konventionellen heterosexuellen Beziehungen und Ehen lebten.
Einige davon waren, wie Maxima8 im Anne Will Strang schrieb, wahrscheinlich bereits ihr Leben lang lesbisch und lebten sozusagen nur aus Angst vor Repressalien in einer gesellschaftlich anerkannten Hetero-Beziehung, bis sie endlich den Mut fanden, sich von ihrem Joch zu befreien und ihrer “wahren” Bestimmung zu folgen.
Aber ist das nicht zu eindimensional gedacht? Kann es nicht sein, dass bei manchen Frauen die heterosexuelle Vergangenheit durchaus glücklich war und es sie dennoch in einem gesetzteren Alter plötzlich zu Frauen zog?


Beitrag 2:

Es ist wohl beides richtig. Viele Frauen haben schon in jüngeren Jahren einen erotischen “Draht” zu Frauen gehabt, aber diesen nicht ausgelebt. Teils vielleicht, weil sie sich nicht getraut haben, aus Angst vor den Repressalien der Gesellschaft oder des eigenen Umfeldes, teils auch weil sie Kinder haben und ihren Wunsch nach einer Frauenbeziehung lange unterdrückt haben, um die Kinder zu “schonen”.
Man mag das verurteilen. Aber wenn man sich vor Augen hält, wie viele Frauen ähnlich agieren in Bezug auf zum Beispiel eine Affäre mit einem Mann, die man sich verkneift, um die Familie nicht zu gefährden oder eine berufliche Selbstverwirklichung in größerem Umfang oder einen Ortswechsel, stellt man fest, dass das Thema Frauenliebe hier nur eines unter vielen ist.
Aber dann gibt es auch die Frauen, die genau das leben, was Du, Renee_Kwon, in dem von mir oben zitierten Satz beschreibst: Sie haben schlicht nie daran gedacht, dass sie sich einmal erotisch für Frauen interessieren könnten. Ich gehöre zu Letzteren. Ich bereue keine meiner Männerbeziehungen (jedenfalls nicht aus dem Grund, dass meine Partner Männer waren), ich habe mit Männern zum Teil eine schöne und erfüllte Sexualität gelebt und ich würde mich selbst verleugnen, wenn ich heute, wo Männerbeziehungen für mich nicht mehr vorstellbar sind, behaupten würde, dass mein vorheriges, heterosexuelles Leben “falsch” war. Das war es nicht. Aber genauso sicher bin ich mir heute, dass ich den für mich richtigen Weg beschritten habe, als ich mich den Frauen zuwandte. Das war kein bewusster Akt. Es ist einfach passiert. Ich habe mich in eine Frau verliebt, habe wahrgenommen, dass die Gefühle die gleichen waren, wie ich sie vorher immer bei Männern empfunden hatte und habe mich mit der Frage nach dem Warum nicht aufgehalten, da ich denke, dass diese Frage nicht zu beantworten und für mein Leben auch nicht relevant ist. Ich war mir jedenfalls sehr schnell sicher, dass ich diesen Weg ausschließlich gehen werde, d.h. kein bisexuelles Leben führen möchte.
Ich verstehe aber jede Frau, die bisexuell lebt. Eine Freundin von mir brachte es auf den Punkt, als sie sagte: Das Geschlecht des Menschen spielt für mich in Bezug auf die Praktiken beim Sex eine Rolle, ansonsten ist es wurscht. Ich verliebe mich in den Menschen, nicht in ein Geschlecht. Das stimmt für sie und für viele andere.
Für mich stimmt es nicht. Für mich ist es wichtig, dass der Mensch eine Frau ist. Aus verschiedenen Gründen. Ob es tatsächlich so ist, dass “es” vor allem Frauen Ü40 “trifft”, weiß ich nicht. Bei mir war es mit Mitte 30, ich kenne mehrere Frauen, die mit Mitte/Ende 20 “auf den Trichter kamen”. Vielleicht sind viele dabei, die einfach mal ausprobieren wollen.
Nach meinem Coming Out im Freundeskreis war ich überrascht, wie viele meiner heterosexuellen Freundinnen mir plötzlich anvertrauten, “es” schon mal ausprobiert zu haben, dann aber zu dem Schluß gekommen zu sein, dass es bei dem Versuch bleiben wird. Man liest davon ja hier im Forum auch immer wieder. Auch das ist in meinen Augen nicht zu verurteilen, solange dabei nicht bewusst in Kauf genommen wird, dass Herzen brechen könnten. Aber ich denke, dass die Zahl derjenigen, die lange und völlig glücklich hetero gelebt haben und dann die Liebe zu den Frauen für sich entdeckten und heute damit glücklich sind, nicht so klein ist. Mein Bekanntenkreis ist wohl nicht unbedingt repräsentativ, aber darin sind einige dieser Frauen zu finden. Warum das so ist? Ich weiß es nicht. Dafür gibt es vielleicht so viele Gründe wie es Frauen gibt.
Bei mir persönlich war es schlicht Gelegenheit. Vielleicht wäre es schon früher passiert, wenn mir die Richtige über den Weg gelaufen wäre. Aber das tat sie eben erst spät.


Beitrag 3:

Dankeschön! Was für mich ganz und gar unverständlich ist, ist dieses Denken mancher “alteingesessener” Lesben, die gleich geringschätzig auf Bi-Frauen oder “Spätberufene” schauen. So als empfänden sie beinahe schon Ekel vor Frauen, die sich tatsächlich einmal mit Männern eingelassen haben (oder es noch tun) und das nicht einmal bereuen. Es wird nach klaren Statements verlangt, obwohl es dafür überhaupt keine Notwendigkeit gibt.
Ich empfinde die Intoleranz gegenüber Anderslebenden in der Szene fast noch stärker als die Intoleranz Heterosexueller Homosexuellen gegenüber. Bei einem Lesbenfrühlingstreffen (findet jährlich in einer bundesdeutschen Großstadt statt) vor einigen Jahren diskutierten die Organisatorinnen sogar, ob man den Info-Stand der Bi-Frauen nicht lieber ausschließen sollte. Engstirniger geht es kaum.
Ich hoffe, dass junge Frauen es da wirklich einfacher haben. Schön finde ich, dass die jungen Mädels teils sehr selbstbewusst sind sowie dieses weitverbreitete Schubladendenken älterer Lesben, was z.B. das Äußerliche angeht, zu einem hohen Prozentsatz überwunden haben und nicht mehr meinen, mit Karohemd und Kurzhaarschnitt ihre Gruppenzugehörigkeit ausdrücken zu müssen.
Leider ist das bei den Älteren immer noch sehr weit verbreitet und es ist nicht einfach, wirklich attraktive und unverkrampfte lesbische Frauen jenseits der 40 kennen zu lernen.
Ich selbst bekomme desöfteren zu hören, man sähe mir ja gar nicht an, dass ich lesbisch sei. (Von Lesben, wohlgemerkt!) Ich möchte dann immer fragen, wie ich denn wohl auszusehen hätte, damit die Lesbenwelt mich ernst nimmt. Aber eigentlich kenne ich die Antworten ja bereits.
Anne Will und Miriam Meckel sind da ein sehr schönes Positivbeispiel, wie ich finde: Zwei schöne, stilvolle, kluge und lebensfrohe Frauen, die zeigen, dass lesbische Frauen im Gegensatz zu den Vorurteilen in vielen Köpfen (Männer wie Frauen) keine grauen Mäuschen sein müssen und denen ich wirklich alles Gute wünsche.

Zum Weiterlesen: http://www.brigitte.de/foren/showthread.html?t=74565