Der neulich von Sophia geschriebener Artikel über „Klemmlesben“ beinhaltet eine Thematik, die mich ebenfalls mein Leben hindurch begleitet hat. Frauen, die mit Männern leben (gesellschaftlich) und diese auch zu lieben/begehren vorgeben- aber sich dennoch emotional wesentlich stärker zu Frauen hingezogen fühlen und es – generationsabhängig – manchmal auch auszuleben schaffen. Aber dieses zumeist heimlich und ohne sich dabei als lesbisch zu definieren. Normalerweise wird dieses als Bisexualität bezeichnet, aber meiner Meinung nach trifft der Begriff nicht so ganz den Kern der Sache. Würde er vielleicht tun, wenn Männer und Frauen zwei gleichwertige Existenzformen auf der Erde wären, und nicht durch ein Machtgefälle getrennt- und wahrscheinlich auch durch ihr körperlich/seelisches (Anders) Sein. Es ist also zum gegenwärtigen Zeitpunkt nicht ganz so egal, wer wen liebt, daher will ich mich in diesem Text also ein wenig mit Lesben, Heterofrauen, Rollen und Sexualität auseinandersetzten.

Wie schon in „Ein exemplarisches Leben“ beschrieben, habe ich (nach meinen Coming-out) zwischen den „normalen“ (Hetero) Frauen und den Frauen, die sich selbst als Lesbe definierten eine schier unüberwindbare Differenz vorgefunden. Es waren zwei völlig unterschiedliche Welten und Existenzformen, die offenbar nichts miteinander zu tun zu haben schienen, äußerlich wie innerlich. Die Frisuren waren anders (kurz und praktisch) der Kleidungstil (bloß keine weiblichen Reize offenbaren) eine andere Mimik, Gestik und Körpersprache (wenig Gefühle zeigen und nicht zu sehr das Gesicht verziehen, immer beherrscht) -und auch das Verhalten untereinander schien so gänzlich verschieden zu sein -so kam es mir damals zumindest so vor. Ich konnte kaum Verbindung zu meiner eigenen Welt herstellen, so sehr ich mich auch bemühte und z. B. Unmengen an feministischer Literatur verschlang, in Lesbentreffs ging und mich dort zeitweilig anzupassen versuchte. Aber es ging einfach nicht, mein ganzes Wesen sträubte sich dagegen denn die, die mir gleichen sollten, waren einfach zu verschieden.

Ich dachte sehr viel nach, kam irgendwie lange Zeit nicht dahinter, warum ich mich so von „ihnen“ unterschied. Für die meisten Lesben (ich schreibe jetzt bewusst nicht lesbische Frauen) schien dieses vollkommene Weglassen jener als weiblich/feminin definierten Attribute ein Ausdruck von Freiheit zu sein- weg von der so gehassten „Weibchenrolle“, der Sklavin und Dienerin des Mannes- mir erschien es als Unfreiheit und zunächst völlig unverständlich. Wenn ich mich z. B. nicht mehr um mein Äußeres kümmerte oder meine Gesten zu kontrollieren versuchte (auf Weiblichkeit hin) fühle ich mich nicht freier, sondern plötzlich in einem System gezwängt, dem ich vorher durch meine relativ unkonventionelle Erziehung fast ein wenig entronnen schien. Sprich: Ich empfand die Lesben (Szene) und ihre ganze Struktur wesentlich einengender/frauenfeindlicher als das, was mir im eigenen Elternhaus an Rollenvorbildern (Mann/Frau) vorgelebt wurde. Und auch fehlte mir dort die Schönheit und Sinnlichkeit- warum sonst begehrte ich denn Frauen- doch nicht aus politisch motivierten Gründen oder gar „Männerhass“ alleine!?

Ich blieb also eine Wanderin zwischen den Welten (in keiner der beiden wirklich Zuhause) und verliebte mich weiterhin in die sogenannten Heteras, mit schlechtem Gewissen und oft zunächst völlig hoffnungslos. „Ich brauche Männer in meinem Leben, sonst wäre es ja völlig langweilig.“ Oder „In Frauen verlieben ja, aber Sex- ne dazu brauche ich einen Mann.“ Waren Sätze, die ich von ihnen meistens zu hören bekam. Ich knickte (entgegen meines eigenen besseren Wissens/ inneren Gefühls) oft ein und dachte: Ja, zu einer Frau gehört ein Mann, so muss es sein, du bist diejenige, die anders ist, und du musst ihre Heterosexualität akzeptieren, darfst dich da nicht einmischen, sie nicht begehren, nix von ihnen wollen, sie nicht so angucken. Nur noch an die „richtige“ Lesben wollte ich mich künftig halten, denn da schien ich wohl hinzugehören – so nahm ich es mir zumindest fest vor.

Aber da ich mich an meine eigenen Vorsätze oft nicht gehalten habe, bekam ich im Laufe der Zeit doch einige Heterofrauen „rum“ und auch ins Bett. Alles schön gut und bestens? Mitnichten, denn dort offenbarte sich mir oft eine enorme Passivität, Angst und Regungslosigkeit, die mich gänzlich überforderte. Die Frauen lagen dann neben mir, erstarrt oder zitternd, wollten sich nicht ausziehen nicht anfassen lassen und auch nicht selbst anfasse, flüchten manchmal gar panisch aus dem Bett, ins Nebenzimmer oder am besten gleich aus der Wohnung hinaus, auch wenn es ihre eigene war. (Siehe auch Kurzgeschichte: “Die Amaryllis“)

Diese Spielchen zogen sich manchmal über Wochen oder Monate hin, Annäherungen in Endlosschleifen, und keine von uns beiden war fähig darüber zu reden, was da so schief lief. Mich plagte oft ein Minderwertigkeitsgefühl gepaart mit schlechtem Gewissen, dachte mir, ok, sie steht eben auf Männer, da kann sie wohl nicht mit einer Frau wie mir und ich habe auch kein Recht sie auf meine Seite zu ziehen, denn sie „gehört“ (zu) den Männern und in ihrer Welt. Fragte mich andererseits aber auch, warum hatte sich mit mir eingelassen – und all die anderen vor ihr-habe ich sie alle nur geschickt überreden können, wollten sie sich mit mir ihre eigentliche Heterosexualität beweisen, Enttäuschungen verarbeiten, oder was auch immer? Es schien fast so.

Jahre vergingen und ich gab es auf mich nach irgendwelchen Frauen umzusehen, verlor das Interesse an ihnen, denn die Lesben hatten ihr Frausein aufgebeben zugunsten einer Art männlich schwulen Identität – und die anderen (die nicht unter dem Label lesbisch liefen) die Heteras waren ja für Männer da.
Aber halt, irgendetwas schien daran nicht stimmig zu sein-an diesem System- hatten denn nicht die ganzen Frauen mit mir geflirtet und war da nicht immer jene Art von Energie zwischen uns geflossen, die man Liebe nennt? Ja, sie war, aber warum dann diese Handlungsunfähigkeit im Bett, dieses „nicht hinkriegen“?
Im Laufe der Zeit bekam ich noch etliche andere Geschichten zu hören, die meinen Erlebnissen sehr ähnelten – von Frauen, die in sexuellen Dingen/im Bett ihre Passivität nicht überwinden konnten, Angst vor dem Eindringen hatten, vor der eigenen Aktivität und dabei ihre Identität zu verlieren fürchteten, sich wieder in Rollen flüchtete- und vieles, vieles mehr.

Und mir kam auch der Gedanken, ob es da nicht einen Zusammenhang gab, zwischen den männlich/schwulenidentifizierten Lesben auf der einen Seite – und femininen Schrank/Klemmlesben auf der anderen? Keine andere Welt, sondern nur die andere Seite der Medaille? Könnte es sein, dass Frauen ihre jahrtausendelange Unterdrückung, das weibliche Rollengefängnis nur dadurch aufzubrechen glauben, wenn sie sich die gegengeschlechtliche Identität aneignen? D.h. nur in der Verkleidung/Haut eines Mannes schaffen sie den Sprung aus der Passivität heraus und aktiv in die Welt hinein. Und Passivität im Bett spiegelt oft die Passivität im Leben wider, denn nichts offenbart das wahre Wesen eines Menschen besser als diese intime Situation und das macht Angst.

Mann und Frau können sich an (gesellschaftlichen) Rollen festhalten, zwei Frauen schwimmen und müssen sie/sich neu erfinden. Was liegt da näher als zu gucken was Männer machen, die die Welt von je her bestimmt haben? Mann/Frau (Butch/Femme), Mann/Mann (Butch/Butch) sind Konstellationen, die auch bei Lesben sehr beliebt sind – aber Frau/Frau scheint in diesem Kosmos nur als Femme/Femme vorzukommen – und ist ein aus der Schwulenwelt übernommenes Weiblichkeitsbild. (Mit dem Männer wiederum aus ihrem eigenen „aktiven“ Rollengefängnis auszubrechen versuchen, das z .B. nur wenig sexuelle Hingabe zulässt…) Aber zwei Frauen, die sich nicht am Mann orientieren? In ihren Beziehungen, der Sexualität und dem Leben. Als Frau, sich z. B. die eigene Sexualität anzueignen, sie zu entdecken – denn tut mir leid, aber Praktiken wie Anal, Fisting, SM, wie in der Lesbenszene so gerne als queere Sexualität propagiert, und dergleichen halte ich für schwulen Männersex, der mit weiblichen Bedürfnissen nur peripher was zu tun hat- scheint immer noch enorme Schwierigkeiten zu bereiten. (Konnten wir sehr schön an unserem Artikel „Dildos benutzen“ sehen und welche Kontroversen er hervorgerufen hatte.)

Mein Fazit: Sex = Leben und gehört dem Mann – und die Frau auch (der Körper als sein Besitz). Diese Einstellung zeigen sowohl die „Klemmlesben“ durch ihre sexuelle Passivität, das „nicht hinkriegen – als auch die „richtigen“ Lesben durch ihre Identifizierung mit dem Mann. Als Frau trauen es sich nämlich beide nicht zu, andere Frauen zu lieben und zu begehren – ein Tabu in einer patriarchalen Männerwelt, dass beide Gruppen nicht wirklich zu durchbrechen schaffen.

Hier noch ein schönes Beispiel für die Aussage einer „Klemmlesbe“:
Im Übrigen sei sie mehr als einmal in eine Frau verliebt gewesen. Dennoch sei die intensivste erotische Beziehung, die sie je hatte, mit einem Mann gewesen – der im Prinzip homosexuell ist. Obwohl sie nicht lesbisch sei, habe sie oft gedacht; „das wäre so praktisch. Wenn ich so sehe, wie sich eine Frau bewegt. Der Popo oder die Brüste, dann verstehe ich, was Sexualität für Männer ist“, erklärte die Schauspielerin.

Christine Kaufmann

Christine Kaufmann

(Artikel über Christine Kaufmann, Süddeutsche.de, vom 05.04.2007)