In der aktuellen Ausgabe der L-Mag (Oktober 2008) stolperte ich über einen Artikel, in welchem Fotografien von Femmes präsentiert werden. Anschließend folgt ein Interview mit dem Fotografen Del LaGrace, einer zum Mann umoperierten Lesbe (!), zum Thema Femmes und femininen Lesben. Dieser äußerte folgenden Satz:

„Ich persönlich finde feminine Lesben nicht anders als die durchschnittliche Heterofrau, die sich der Heteronorm anpasst.“

Erst einmal hatte ich überhaupt Probleme zu verstehen, was der Unterschied zwischen Femmes und femininen Lesben sein sollte – die meisten Frauen auf den Fotos sahen für mich aus wie ganz normale, mehr oder weniger attraktive Frauen. Mit Szenevokabular tu ich mir in der Tat immer noch schwer, soweit ich weiß, steht der Begriff Femme nicht für sich alleine, sondern ist die Rollenbezeichnung für eine Lesbe mit femininen Attributen, die sich auf ihr Gegenstück, die Butch, eine Lesbe mit maskulinen Attributen, bezieht. Nach Meinung der Lesbenszene soll eine Femme Weiblichkeit nur parodieren (wie eine „Transe“??) und eine feminine Lesbe unterwirft sich, auch wenn sie auf Frauen steht, dem heteronormativen Schönheitsideal, wie es angeblich alle Heterofrauen machen…

Als ich zum ersten Mal in der L-Mag blätterte, Deutschlands einziger Zeitschrift für Lesben, wusste ich nicht einmal, dass es so etwas wie eine „Heteronorm“ gibt. Ich war im Prozess meines Coming-outs, und gerade erst dabei, mich selbst als feminine Lesbe zu finden/zu erkennen und dies zu akzeptieren. Ich wusste, dass ich Frauen liebte, und dass diese Frauen keine typischen Lesben waren, geradezu das Gegenteil – sinnlich, schön, gebildet, kultiviert, künstlerisch und meistens waren sie einige Jahre älter als ich. Ich brachte mich selbst mit Lesben einfach nicht in Verbindung, da sie mir völlig fremd erschienen – beim Christopher Street Day und bei der Gay Parade in New York hatte ich sie beobachtet und so meine Schlüsse gezogen – solche Frauen waren definitiv nicht mein Beuteschema, mit ihrer farblosen Erscheinung, ihren kurz geschorenen Haaren, ihren linkischen Bewegungen und dem unsicheren Blick erschienen sie mir wie Aliens – wenn das Lesben waren, so konnte ich keine sein.

Zurück zur L-Mag – auch diese Zeitschrift – erst seit 2003 und seit 2006 im A4-Format erhältlich, kam mir wie eine andere Welt vor, was unter dem Label lesbischer Ästhetik lief, erinnerte mich eher an schwule Schönheitsideale. Die dort abgebildeten Frauen waren/sind natürlich nicht alle maskulin, aber dennoch wird eine androgyne Lesbe eher als Vorbild gesehen, als z .B. eine Frau wie Anne Will. Und als ich mich bei meiner besten Freundin durch einige neue und ältere Exemplare las, um einen Überblick zu bekommen, wurde mir klar, dass Androgynität, Maskulinität, Transsexualität in der L-Mag regelrecht verherrlicht werden und dass Weiblichkeit, Weichheit und Sinnlichkeit in der Werteskala eher unten stehen. Die einzigen femininen Frauen, die in der Lesbenszene akzeptiert werden, sind die Femmes, die aber in den meisten Fällen auf Butches stehen.

Was immer wieder hindurchscheint, ist eine Feindlichkeit gegenüber femininen Lesben, also feminine Frauen, die feminine Frauen lieben, die gerne als „Schranklesben“ bezeichnet werden, da sie sich nicht zur Szene bekennen. Diese latente und auch teilweise offensichtliche Diskriminierung von Frauen (siehe der obere Kommentar) findet in vielen Formen statt, egal, ob das späte Outing von Anne Will eher kritisiert als gefeiert wird, eine Schauspielerin dafür verurteilt wird, weil sie sich nicht outen will, feminine Frauen auf den Covern und in der Zeitschrift selbst unterrepräsentiert sind (und wenn sie erscheinen, dann nur als stilisierte Femmes) und dass es nur sehr wenige Artikel aus der Sicht femininer Lesben gibt (höchstens empörte Leserbriefe). Es fehlt außerdem eine differenzierte und tiefer gehende Behandlung von Frauenthemen, es werden zwar interessante Thematiken wie z. B. „Bisexualität“ vorgestellt, aber nur oberflächlich ausgeführt und sie enden meistens sehr unkritisch mit Aussagen wie: „Alle Geschmäcker sind unterschiedlich“ oder „Jedem das Seine“. Die L-Mag tut sich schwer, eine Position zu beziehen – außer eine eindeutig Maskulinität-und Rollenbilder Beführwortende – und klammert leider auch Heterofrauen völlig aus, bei denen es doch gerade anfängt, interessant zu werden…
Man hat außerdem das Gefühl, dass Lesben Heterofrauen – ohne dies zu hinterfragen – als Eigentum der Männer betrachten, sich selbst sehen sie als eine Art Frauen von anderer Rasse an und glauben sich von der Herrschaft der Männer befreit – in Wirklichkeit hat man bei ihnen oft den Eindruck, dass sie sich viel mehr mit Männlichkeit beschäftigen, als es die Heterofrauen jemals tun.

Ich würde mich nicht so sehr über dieses Magazin aufregen, wenn es nicht das einzige Lesbenmagazin in Deutschland wäre und da ich mich selbst mittlerweile dazu notwendigerweise durchgerungen habe, mich als lesbisch zu bezeichnen, ist es mir nicht völlig egal, was in einer Zeitschrift für Frauen, die Frauen lieben, geschrieben wird.
Was einfach nicht in meinen Kopf hineingehen will ist, warum in einem Lesbenmagazin vor Maskulinität/Männlichkeit regelrecht gekniet und als Maßstab, an welchem sich alles orientiert, genommen wird und warum feminine Lesben als „heteronormativ“ – was auch immer das genau heißen mag – bezeichnet werden. Denn warum bin ich heteronormativ, wenn ich eine ganz normale Frau bin, die Ebensolche liebt, einen Job habe, also unabhängig von einem Mann bin – warum werde ich andauernd mit Heterofrauen verglichen? Ist es nur das „sich morgens ein bisschen zurecht machen“ und figurbetonte Kleidung zu tragen (das kann man übrigens auch für andere Frauen machen ;-) und mittlerweile putzen sich auch viele Männer richtig raus)? Oder versteckt sich mehr hinter dieser Unterstellung?

Vielleicht liegt die Angst in der Aufhebung des Dualismus von hetero und lesbisch begraben. Frauen sind Frauen. Claudia und ich sehen uns als lesbische Frauen, ohne uns dabei als Lesben zu separieren und als eine Art von eigener, höherer „Rasse“ zu sehen, wie viele Lesben das unbewusst machen. In unserem Blog stellen wir uns die Frage, wie es sein kann, dass heterosexuelle Frauen und „Klemmlesben“ (siehe letzter Artikel) uns ähnlicher sind, als die Lesben, die offen leben und als solche zu erkennen sind.
Dies spiegelte sich auch virtuell wieder – als wir Links auf unsere Seite in einem lesbischen Forum posteten, wurden wir beschimpft, wir wurden regelrecht verbal gesteinigt – das Gleiche taten wir in einem Forum für (ältere) Heterofrauen und ernteten zwar schüchterne aber durchweg positive Reaktionen. Wir erhielten Kommentare wie „ihr habt ja eine ganz interessante Seite“, „ich bin zum Denken gekommen“, „ich bin ganz angetan“ bis hin zu „eigentlich mag ich auch lieber Frauen“.

Ist unser Blog nun jetzt doch eher eine Seite für „Heterofrauen“? ;-) Es sieht fast so aus … jedenfalls sprechen wir eine bestimmte Zielgruppe von Frauen an, die die L-Mag wahrscheinlich eher nicht lesen, sie nicht einmal kennen. Wir haben zwar nicht die Zeit und die Mittel ein eigenes Magazin für lesbische Frauen zu gründen, aber wir sind stolz darauf, mit unserem Blog eine etwas andere Perspektive zu schaffen, eine Perspektive, die Frauen als Einheit sieht und nicht separiert.
Ich habe vor meinem Coming-out die Heterofrauen nie als eine eigene Gruppe wie die Lesben angesehen – für mich gab es immer nur die Frauen. Erst nach meinem Coming-out fing ich an, mich als anders zu sehen und die anderen Frauen als Heterofrauen zu bezeichnen, aber davor war ich ja selbst eine von ihnen. Die Lesben habe ich damals nie so richtig registriert, sie stellten für mich nicht das „richtige Leben“ dar, da sie sich so sehr in einer eigenen, mir sehr fremden und unsympathischen Welt abgrenzen.