Bei einem Gesangskurs, bei dem es um die szenische Darstellung von Arien ging, hatte ich ein sehr tief greifendes Erlebnis. Der Kurs wurde von zwei Frauen veranstaltet, von Susan (Name geändert), Gesangslehrerin und ihre beste Freundin Cathryn (Name geändert), welche auch Opernsängerin ist und dort den Schauspielunterricht gab (beide etwa Ende fünfzig).

Was den Kurs von den anderen Kursen unterschied, die ich bis dahin gemacht hatte, war, dass die beiden Damen sehr führsorglich und zärtlich mit ihren Schülerinnen (die meisten Teilnehmer waren Frauen) umgingen. Sie suchten immer körperliche Nähe und sie umarmten mich mit einer solch innigen Zärtlichkeit, dass ich mich immer ein bißchen überrumpelt fühlte. Cathryn war die Aufgedrehtere von den beiden, die Schauspielerin, die Charismatin, sie konnte in alle möglichen Rollen schlüpfen, so war es schwierig zu erkennen, wer sie wirklich war. Am liebsten inszenierte sie sich als eine Art Göttin, ein spirituelles Medium – und durch sie floss in der Tat eine Energie, die sich auf mich und die anderen übertrug. Wir verstanden uns alle gut miteinander und die Atmosphäre war sehr angenehm zum singen, da nicht das übliche Konkurrenzdenken herrschte. Cathryn hatte eine intuitive Begabung, zu sehen, was auf der Bühne gut wirkte und wie sie die Agierenden zusammenbrachte und miteinander spielen ließ. Susan war die ruhigere, sie drehte nur auf, wenn sie unterrichtete, war dann leidenschaftlich und fordernd, ansonsten beobachtete sie mehr, wie eine Löwin auf der Lauer, auch sie war, wie Cathryn, eine ziemliche Diva…

Direkt am zweiten Tag nahm Cathryn mich beiseite – „ich will mit dir alleine arbeiten, dir dabei helfen in das neue Stimmfach zu kommen“ sie hatte mir bei dem letzten Kurs, den sie und ihre Freundin gegeben hatten, empfohlen in ein schwereres Stimmfach zu wechseln, sie wollte, dass ich weg von den leichten Soubrettenrollen kam und etwas emotional und stimmlich tiefere gehendes singen sollte, was mir auch wesentlich mehr lag. Nach dem Mittagessen suchten wir uns einen Raum und arbeiteten – mit ihr alleine zu sein war ganz anders, sie war schüchtern und zurückhaltend, sie fasste mich nicht mehr an. „Singen ist wie Sex, du musst stöhnen“, brach es plötzlich aus ihr heraus „fühle es, hier fließt die Energie“ ich legte meine Hand auf ihren Bauch… „Cathryn, ich mag deine Taille, du hast solch eine weibliche Figur“ ich berührte sie mit beiden Händen und sie erzitterte. Als ich sie am Ende umarmen und ihr für ihre Hilfe danken wollte, riss sie hektisch die Tür auf und stürmte hinaus.

„Bist du… lesbisch?“ (das Wort glitt ihr schwer von den Lippen) fragte Cathryn mich am nächsten Tag, als sie mich wieder nach dem Mittagessen beiseite nahm um mit mir alleine zu arbeiten. Sie hatte u. a. bemerkt, dass ich am Anfang einige Hemmungen hatte, bestimmte Rollen zu spielen, in denen die Frau sich als sexuell begehrtes Objekt darstellen muss. Und dann sagte sie plötzlich zu mir: „Das ist doch nicht schlimm, ich stehe auch auf Frauen. Ich habe zwar keine Beziehungen mit ihnen, aber Affären hatte ich einige als ich jung war. Und außerdem ist der Sex doch viel schöner mit Frauen und man hat mehr eine Seelenverwandtschaft mit ihnen als mit Männern, nicht wahr?“ (Cathryn ist im Übrigen verheiratet.) Ich war total schockiert, mit so etwas hatte ich absolut nicht gerechnet. Eine ältere Frau, die mir wirklich gefällt und als Vorbild dient, gesteht mir ihre Liebe zu Frauen. Ich muss dabei sagen, dass Cathryn mir an diesem Tag dieses Geständnis unter dem Einfluss von angsthemmenden Medikamenten machte, die sie nahm, da jemand aus ihrer Familie ein Herzinfarkt gehabt hatte. Sonst wäre dieses prekäre Thema wahrscheinlich nie angesprochen worden. Aber es ging dann noch weiter: „Wenn du lesbisch bist, dann brauchst du eine Frau, die dich hält und stabil ist. Das ist das Problem in diesem Buisness (Operngesang), du brauchst jemand starkes, sonst schaffst du es nicht. Die meisten Frauen dort haben eine hysterische Persönlichkeit (wie du und ich) und können dir keinen Halt geben! Es gibt trotzdem viele lesbische Opernsängerinnen, die meisten sind nur nicht geoutet“ und sie nannte mir einige Namen, die ich, als ich zu Hause war, sofort googelte – alles sehr feminine attraktive Damen … Ich erzählte ihr von dem Problem, dass ich hatte, meine sexuelle Orientierung zu unterdrücken, da ich nicht daran glaubte, dass es schöne, lesbische Frauen (vor allem ältere) geben würde und ich ganz alleine im relativ konservativen Bereich der klassischen Musik mit diesen Gefühlen sei – sie war überrascht oder vielleicht auch sehr unbewusst – „Schatz, du musst zu deiner sexuellen Orientierung stehen – du musst es nur nicht jedem erzählen, macht dich interessanter…“ „Es gibt so viele „gays“ im Bereich der Oper, Männer und Frauen, die meisten sind aber nicht geoutet und halten ihr Leben lieber privat, geht ja keinen etwas an, oder?“ Wir haben dann noch ein bißchen über Gesangstechnik und Schauspiel diskutiert, wobei ich fragte, wie ich denn mit einem Mann auf der Bühne umgehen soll, wenn ich ja eigentlich Frauen liebe. Stelle ich mir eine Frau vor, oder wie mach ich das? „Keine Ahnung“ sagte Cathryn, „zeig mir mal, wie du eine Frau auf der Bühne anfassen würdest…“

Interssant fand ich auch das Verhältnis, welches Susan und Cathryn zueinander haben – sie sind beide vom Typ her ähnlich, haben etwa dasselbe Alter. Sie sind seit über 30 Jahren befreundet, sind zusammen durch „dick und dünn“ gegangen, jedes Mal, am Ende des Kurses liegen sie sich in den Armen und bestätigen sich ihre Liebe von neuem, mit Tränen in den Augen. „Susan, du bist immer noch so schön für dein Alter, ich liebe dich.“ „Ja, ich liebe dich auch, aber du bist noch viel schöner als ich, du bist der wichtigste Mensch auf der Welt für mich!“ Dabei klopfen sie sich gegenseitig auf den Rücken, so wie heterosexuelle Männer es bei sich machen, wenn sie Angst davor haben, schwul zu sein …

Wie dem auch sei, mein Fazit bei der ganzen Sache ist, dass es im künstlerischen Bereich, vor allem im Bereich der Oper, viele „Klemmlesben“ zu geben scheint, es gibt den Begriff Klemmschwule, für Männer, die schwul sind, es aber nicht ausleben, oder sich nicht outen, genauso kann man diesen Begriff auch auf Frauen anwenden – Klemmlesben, Frauen die Frauen lieben, es aber nur indirekt hinbekommen, in der Mutter/Tochter-Rolle, oder als beste Freundin, oder Frauen, die ihre lesbische Identität kennen, sich aber nicht dazu bekennen. Besonders beliebt ist bei Klemmlesben die Mutter/Tochter-Rolle, da sie Zärtlichkeiten untereinander austauschen können, ohne, dass es auffällig ist und Frauen sind ja sowieso körperlich mehr aufeinander bezogen. Lesbische Frauen tun sich mit ihrem „Coming-out“ wesentlich schwerer als schwule Männer, aber es gibt sie auch im Bereich der Kunst, sie sind nur leider unsichtbar. Wenn ich mit Anfang zwanzig gewusst hätte, dass meine Entscheidung Gesang zu studieren genau die Richtige ist und es dort auch die Frauen gibt, die ich so sehr begehre, die mit der besonderen Energie/Aura und sie lieben, wie ich, auch Frauen und ihre eigene Weiblichkeit (Cathrin sagte zu mir: „Das, was du bist, das willst du auch.“), so wäre mir viel seelisches Leid erspart geblieben – das Gefühl völlig fremd und allein zu sein, sich nur hoffnungslos in „Heterofrauen“ zu vergucken hatte bis jetzt einen großen Teil meines Lebens bestimmt.

Anschließend möchte ich die lesbischen Frauen preisgeben (nur ihre Fotos) , welche mir Cathryn genannt hat, ich bin nämlich der Meinung, dass es viele junge, sensible Frauen gibt, die dieses Wissen um die Lesben im Bereich der Kunst unbedingt brauchen und es ihnen hilft, eine authentische Identität als lesbische Künstlerin und als Frau zu finden. Die letzten drei Künstlerinnen sind im übrigen offiziell geoutet (siehe Artikel „Flower Duet“)

Tatjana Troyanos

Jeanne Michelle Charbonnet

Jeanne Michelle Charbonnet

Patricia Racette und Beth Clayton

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