Ich habe mir lange überlegt ob ich Umm Kulthum (phonetisch: um kul’sum) hier überhaupt vorstellen soll oder kann. Denn alles was mit dem Thema Arabisch und muslimische Welt in Zusammenhang gebracht wird, schürt schnell Ängste und erhält zudem oftmals eine politische Dimension. Aber nach einigem hin und her habe ich mich dennoch dafür entschieden.

Meine erste Begegnung mit dieser fantastischen Sängerin fand ca. 2005 statt. Ich arbeitete damals in einem arabischen Kulturverein – und es war Freitagnachmittag, ich saß gerade vor meinem PC und versuchte irgendetwas trockenes wie einen Kosten- und Finanzierungsplan zu erstellen, als mich eine Stimme aus meiner Arbeit riss. „Was ist das für eine Musik?“, fragte ich etwas irritiert, „wer singt da, womit und warum nimmt das Lied kein Ende?“ Ich blickte weiter auf meine Zahlenkolonnen, endlos in Excel gefertigt, sie begannen sich zu drehen, die Nullen wurden zu Einsen, die Einsen zu Nullen und andersrum, Lohn, Sach- und was auch immer für Kosten. Sie schwanden. „Was du kennst sie nicht!?“ Haze blickte mich ungläubig an. „Du kennst Umm Kulthum nicht, die Diva der arabischen Lieder, die Maria Callas des Orients, die Marlene Dietrich, Romy Schneider, Catherine Deneuve, Dalida Ägyptens?“

Nein, ich kannte sie nicht und schämte mich fast ein wenig dafür. Die Ignoranz des Westens, eine Blindheit des Herzens oder einfach nur generationsbedingte Unwissenheit? Ich fragte in meinem Bekanntenkreis nach, meine älteren Freundinnen, meine Mutter und dann ihre Freundinnen – doch niemand schien sie zu kennen, diese Frau, deren Stimme bis in die innersten Herzkammern drang und auch in den Körper.

Ich brannte mir ihre CD und hörte sie mir in nüchternen und auch alkoholisierten Nächten endlos an. Zuerst erschien sie mir fremd die Rhythmen, die Tempi, die Modis, doch brachten sie mein Körper zum Schwingen und meine Seele zu schweben. „Sie brächten ans Licht, was sich im tiefsten Herzen befindet.“
(Hier eine kurze Erläuterung zum Wesen der arabischen Musik: Ein wesentliches Merkmal der arabischen Musik ist das „Makam- Phänomen. Die verschiedenen Gattungen des Makams oder Modis sind Gefühlen zugeschrieben, aber auch dem weiblichen und männlichem Geschlecht. „Rasr’“ wird mit Stolz, Macht, geistiger Gesundheit und Männlichkeit assoziiert, „Bayati“ mit Lebenskraft, Freude und Weiblichkeit, „Sikah“ mit Liebe und „Saba“ mit Traurigkeit und Schmerz. Das Makam selbst ist ein musikalisches Konzept einer modalen Struktur, das improvisierend eingesetzt wird.)

Ich hörte sie, ich liebte sie, und ich vergaß sie. Andere Dinge hatten mein Leben erobert und ich widmete mich ihnen – und dann entdeckte ich sie eines Tages wieder. Um Kulthum, durch eine Freundin und für unsere Internetseite, als ich mir Gedanken über Weiblichkeit machte – was ist das, was macht eine spezifische weibliche Stärke/Kraft aus, unterscheidet sie sich von männlicher Kraft/Stärke – gibt es da überhaupt eine Unterschied? Ja, ich denke es gibt ihn.
(Weiter im Wesen der arabischen Musik: „Wenn ich Umm Kulthum höre, kann ich es nicht fassen, mit Worten schildern, es geht mir unter die Haut. Auf Arabisch sagen wir diesem Gefühl „Al-Tarab“. Der Hörer fühlt die Musik und ein guter Tarab Künstler hat die Fähigkeit musikalische Kompositionen neu zu interpretieren und die Melodien im direkten emotionalen Austausch mit dem Publikum unendlich auszuschmücken. d. h. er erfasst seine Seelenlage, geht auf sie ein, schwingt mit ihr mit, wird eins mit ihr, eine Seele und ein Leib – daher auch die unendliche Länge von Umm Kulthums Liedern.)

Ich las viel über sie, erfuhr, dass sie ca. 1904 geboren wurden, irgendwo im Nildelta, aufgezogen in Armut und islamisch patriarchaler Tradition. Durch ihre sagenhafte Stimme gelang ihr dann der Aufstieg, zuerst in Jungskleidern singend (der Vater umgeht damit das öffentliche Singverbot für Frauen), von der Provinz weiter bis hin nach Kairo. Dort etablierte sie sich und wechselt von religiösen Liedern zu eigens für sie komponierte Liebeslieder, mit ihnen erobert sie die arabische Welt und auch ihre (äußere und innere) Weiblichkeit zurück. Dann erst (als ganze Frau) erreichte sie ihre vollendete Stärke. Als Frau und nicht als unvollständiger Mann. Ganz Ägypten liegt ihr zu Füßen, jeden Donnerstag im Radio, sie wird ein Mythos und mit diversen Nil Göttinnen verglichen, aber ihr Privatleben bleibt ewig im Dunkeln, mit wem sie lebte und wen sie liebte. Im Internet fand ich einige Gerüchte über sie, das sie auch Frauen liebte, sicher ist es nicht, zumindest umgab sie sich mit reichen und hübschen Ägypterinnen und sang für sie auch im privaten Rahmen.

Und da schließt sich mein Bogen zurück nach Europa und Deutschland. Mir ist hier noch nie eine Frau begegnet, die so eine krasse weibliche Energie ausstrahlt wie Umm Kulthum, es ist als ob mit dem Fortschreiten der Zivilisation/Emanzipation ein Stück Energiepotenzial verloren gegangen wäre. Weibliche/ursprüngliche Energie (weit, wirklich sehr weit weg von den feministisch/lesbisch gelebten Interpretation), eliminiert weil sie eine Gefahr bedeutet, diese weibliche Kraft, weit jenseits von Ladys, Tussen, femininen Geschöpfen oder auch Mannsweibern.

Sich verschleiern oder sich all seiner weiblichen Attribute selbst berauben (wie es z. B. maskuline Lesben tun) stellt für mich ein ähnliches Phänomen dar, denn es bezieht sich immer nur auf den Mann. Die Frauen wollen ihm nicht gefallen, von ihm nicht als (Sexual) Objekt wahrgenommen werden,– und im Extremfall wollen sie ihm gar gleichen. Es ist ein und dasselbe Spiel, der Mann ist und bleibt für immer und ewig das Maß aller Dinge.
Umm Kulthum, eine unglaubliche Künstlerin und es lohnt wirklich sich ganz auf ihre Stimme und ihre Musik einzulassen, mit dem Herzen, der Seele und auch dem Körper, bis in den Unterleib hinein.