Gastartikel von Esther:

Viel zu wichtig steckte sie in dem drapierten Abklatsch von Uniform. Nicht das ich vom Leben gelangweilt war, als sich mir die kleine Frau in den Weg stellte – schier unmöglich war es dem hartnäckigen Locken einer Charismatin zu entkommen, der nicht zufällig der Ruf der Ikone einer Subkultur vorauseilte. Seit den Siebzigern hatte sich diese in den Abgründen bürgerlichen Elends etabliert und suchte die Ketten sexueller Verklemmung zu sprengen, in dem sie diese wahrhaftig anlegte.

Krista, der Selbstdarsteller Meisterin, spielte gekonnt mit den Klischees der lesbischen Hardcore- Szene und ließ sich von einer Heerschar williger Dienerinnen hofieren. In den Neunzigern schafften ihre umstrittenen Fotoarbeiten den Sprung in Hamburger Kunsttempel, die das „Unanständige“ salonfähig machten. Geschäftstüchtig dokumentierte sie die glanzvollen Höhepunkte einer sich provokant inszenierenden Gemeinde, die im Abseits radikalfeministischer Lesbenkultur für Zerreisproben sorgte. Öffentliches Fesseln, Peitschen, Knebeln, Bondage, Phallus- und anderer Fetisch spiegelten keineswegs die Absichten der Zeitgenossinnen, die politische Haltung in Antifa- und AKW-Bewegung, in Häuserbesetzung und illegalen Wohnwagensiedlungen, in Demos gegen Diskriminierung, Ausbeutung, Unterdrückung, Gewalt und Krieg kundtaten.

Sei es der Mangel an Information gewesen, dass sie fähig war, über einen Tellerrand hinauszuschauen, der ohnehin überschwappte – Unvoreingenommenheit erwies sich einmal mehr als Privileg der ostdeutschen Lesbe. Aus der Lederhose von Marion war ich längst hinausgewachsen. Das sehnsüchtige Verlangen, dass sich meine Hand in ihr öffnete, hatte mich eher deprimiert denn enthemmt. Doch um Krista Parole zu bieten, hieß es das unbefleckte Tal der Ahnungslosen endgültig zu verlassen. Meiner Neugier einmal mehr zum Opfer gefallen, beschloss ich mich ihren Anliegen bedingungslos zu unterwerfen.

Ich hatte keine Mühe auf ein Outfit verschwendet, das sendete, es sehr ernst zu meinen. In schwarzem Tuch und Zopf prallte ich in den verdunkelten Nischen eines Hamburger Szenelokals auf, in dem mich ein bizarres Treiben zur Voyeuristin machte. Mehrere Finger fummelten gleichzeitig an den Bändern einer Latexkorsage. Es quetschte die Wülste einer, die man in der Szene Femme nannte. Die Schminke, dick aufgetragen, hatte ihr verbrauchtes Gesicht nicht schöner gemacht. Tausend Hände stritten um die Wölbungen und Öffnungen der Wollüstigen. Das sich ihr clownesk roter Mund um die Dildos kümmerte, die sich lang aus den Hosenställen darboten, übertraf sehr wohl was ich unter Frauen erwartete. Doch Zigarette paffen, Bier trinken und eine Frau bedienen war ungewollt comedy, wie sie mich besser nicht unterhalten konnte. Mein Lachen brüstete verräterisch in das finale Stöhnen, das an seiner Echtheit keinen Zweifel lies.

Mit Spannung fieberte die eher unorthodoxe Fraktion ihrer Meisterin entgegen und huldigte sie mit Verbeugung, als sie eintrat. Umwerfend sah sie aus. Sinnliches Leuchten flutete den Raum. Die Luft knisterte. Außer Frage, dass es eine Königin war, die sich aus dem schwarzen Ledercape perlte. Überall schätzte man ihre zertifizierten Dienste. Sie hätte das goldene Händchen punktgenau dort zu landen, wo die Quelle weiblicher Lust auf ewig akkupunktiert sei. Schüchtern wagte ich den Blick hinter den schwarzen Samtvorhang. Ein lederner Drehstuhl, ein alter Hebammenkoffer und eine Bahre auf der ein weißes Seidentuch ruhte, erzeugten eine Stimmung unschuldiger Schlichtheit.

Konnte es der Vollendung meiner Weiblichkeit im Wege stehen, mir das stählerne Instrumentarium nicht anzutun – geführt von welchen Händen auch immer – für eine Trophäe, die ich bislang dem Ohrläppchen zudachte?
Im Kellergewölbe animierte mich ein Er auf dem Gestell Platz zu nehmen, dass der Bedrohlichkeit eines gynäkologischen Stuhls in nichts nachstand. Was den Akteurinnen Paradies erinnerte an einen Fitnessraum, mit der wahrhaft schaurigen Ausstattung, die aus Träumen schmerzhafte Tatsachen zu zaubern versprach. Meine Neugier war aufgebraucht. Zu lange schon hatte ich mit einer Spezies zu tun, die mich ganz offensichtlich nicht nötig hatte, mir aber ständig den Hof machte.

Krista stand zu ihrer Vorliebe für Exotinnen. Schwarze Schönheiten in exorzistischen Posen – wer schon wollte die provokante Ausstrahlung leugnen, in einer christlichgeprägten Kultur, die den Entschamten kein zu Hause gab.
Bevor es den Zuschauer „verbohlte“, erkannte das deutsche Fernsehen die Quotenträchtigkeit von softpornografischen Sendungen, die Sadomasochismus zum Volkssport erhoben. Als nun Sexspielzeug in Designerläden zu haben war, hatte Krista das tierische Fleisch zum Gegenstand. Inszenierungen in Schlachtereien – Organe sinnlicher Weiblichkeit zum Kontrast geblutet – entbehrten nicht einer Ästhetik, für deren Bedarf der einträgliche Absatz ihrer Fotobände Beweis war.

Krista verdiente nicht schlecht, gleichwohl ihre Heldinnen, was Geld betraf, leer ausgingen – Wertschätzung genug von der Protagonistin bis in alle Ewigkeit abgelichtet zu sein – und ein Geschenk dreier Fotos, wertvoll, denkbar, vor dem Ableben, konnten doch Ausbeutung nicht sein.

Am Hamburger Elbufer nackt mit rosa Gummihandschuhen und dem ertrunkenen Hund posierend, waren die Grenzen meiner Abenteuerlust überschritten. Der bittere Beigeschmack einer Fotosession, bei der ich meine Gespielin anzupissen hatte, waren nichts gegen den unerhörten Gestank dieser kaputten Nacht. Mir das Sündhafte von den Schultern zu spülen, emigrierte ich an die Küsten eines nordischen Sommers.