Mit Anfang 20 hatte ich mein „Coming-Out“ – es ist und wird wohl der größte Bruch meines Lebesn sein, denn ich wurde mir damals meiner Situation als frauenliebender Frau bewusst. Unter „Coming-Out“ verstehe ich nicht das, was man normalerweise darunter versteht, nämlich seinen Freunden, Eltern und Bekannten mit Trompeten und Fanfaren mitzuteilen, dass man „lesbisch“ ist, um dann in den Kreis der „Leidensgenossinen“ der Lesbenszene überzugehen, sich nur noch in homosexuellen Zusammenhängen zu bewegen und seine Ansichten und sein Aussehen dementsprechend anzupassen.
Ich meine damit eher, dass mir damals bewusst wurde, dass ich wirklich nur Frauen liebe (nämlich auch nicht bisexuell bin, wie ich mir das damals eingeredet habe) und das mein Fühlen und Begehren weder in der Lesbenszene noch in der realen Welt irgendwo gespiegelt wird. Davor lebte ich in einem Zustand der ständigen Schizophrenität – ich verliebte mich zwar nur in Frauen, glaubte aber fest an meine Heterosexualität („habe nur noch nicht den richtigen Getroffen“, „das sind nur Schwärmereien“ usw.). Dafür gab es zwei Gründe. Ich wusste schon, wie eine „richtige“ Lesbe etwa aussah, nämlich nicht so, wie die Frauen, die ich begehrte.

Das irgendetwas mit dem offiziellen Lesbischsein nicht stimmt, wurde mir mit 16 bewusst, ich war zum ersten mal alleine im Urlaub und blieb für 14 Tage in New York bei Susan, einer Freundin meiner Mutter, die lesbisch war. Susan selbst war sagen wir etwas farblos, wenn sie etwas mehr aus sich gemacht hätte, dann wäre sie wahrscheinlich ganz hübsch gewesen. Ihre Freundin war Amerikanerin und sehr stark übergewichtig. Ich fragte Susan damals, ob ich ein paar von den lesbischen Büchern lesen könnte, die sie bei sich zu Hause hatte (und die sie erst mit Erlaubnis meiner Mutter herausrückte). Die erste Frage die mir beim lesen dieser „Literatur“ in den Kopf kam war: Was bedeutet das Wort „dyke“…? und warum geht es in den Büchern nur um Sport und Frauen mit kurzen Haaren und sportlichen Figuren… Ich war sehr verwirrt. Ich hatte etwas anderes erwartet.. ich wünschte mir Geschichten von schönen älteren und kultivierten Frauen, die junge Mädchen verführen, oder so in etwa.

Diese Verwirrung wurde noch größer, als Susan und ihre Freundin mich zur „Gay Parade“ mitnahmen (wie „Cristopher-Street-Day“ in Köln). Was mir auffiel war, dass es fast nur Schwule auf dieser Parade gab. Und dann gab es noch jede Menge gutaussehender Frauen… beim genauer hinschauen entpuppten sich die Frauen, die hoch oben auf dem Wagen so neckisch posierten, als angemalte Männer mit Silikonbrüsten und zentnerweise Schminke im Gesicht. Ich fing an vergeblich nach richtigen Frauen zu spähen, und plötzlich entdeckte ich sie: kleine graue, geduckte Gestalten mit kurzen Haaren, am Rande des Zuges stehend oder ab und zu dazwischen mitlaufend, kaum auffallend und übertüncht vom grell bunten Geschrei der Tunten und Transen. Ich suchte sie vergeblich, die Frauen meiner Träume.

Ich verdrängte dieses Erlebnis natürlich. Meine Schlussfolgerung aber blieb: Wenn so Lesben sind, dann kann ich nicht lesbisch sein, weil sie weder das sind, was ich begehre, noch das sind, was ich bin.

Ein weiterer wesentlicher Punkt warum ich mich nicht als lesbisch definierte war, dass ich mich in ältere Frauen verliebte, in meine Kindergärtnerinnen, Lehrerinnen usw., schon seit ich klein war. Meine beste Freundin tat dies genauso (wir schwärmten damals für die selbe Lehrerin), aber sie sagte immer es sei nichts dabei und es habe nichts mit Lesbischsein zu tun. Das gab mir den Anlass, alle möglichen psychologisch/pathologischen Selbstanalysen zu erstellen, was durch entsprechende Literatur begünstigt wurde (ich begriff damals nicht, das Psychologie nur die Fortführung der Religion ist, wo es auch die Vorstellungen von Sünde (krank), „die Frau ist an allem Schuld“ usw. gibt). Ich stellte Theorien auf wie: Ich bin von meiner Mutter als Kind nicht genügend geliebt worden, deswegen bin ich immer noch auf der Suche nach dieser nie erhaltenen Liebe, darauf baut all mein „Ich“ auf und auch meine Kunst, meine Musik, mein Gesang ist nur da um einen Mangel an Liebe zu kompensieren… usw.

Später, nach meinem „Coming-Out“ habe ich natürlich gemerkt, dass es auch andere Frauen gibt, die wie ich ältere Frauen lieben und dass es nicht unbedingt etwas mit „bemuttert werden wollen“ zu tun hat. Vielmehr ist eine Frau, die im Alter immer noch schön ist (mit schön meine ich nicht nur rein das Äußere, sonderen, die Ausstrahlung und Energie, die in ihrem Blick liegt, wenn sie einem tief in die Augen schaut), eine außergewöhnliche Erscheinung, denn sie muss etwas besonderes in ihrer Seele haben, wenn sich ein gewisses Charisma erhalten hat. Indem sie sich um ihr Äußeres kümmert, zeigt sie, dass sie sich selbst liebt und dass sie ein Begehren und eine Sexualität hat. Mir ist aufgefallen, dass vor allem in Deutschland viele ältere Frauen sich gehen lassen und teilweise männliche, verhermte Züge annehmen (eben auch die Hetero-Frauen). Sie haben kurze Haare, schminken sich nicht, machen nichts aus sich und begründen das damit, sie seien jetzt „erwachsen geworden“ (welch „wunderbare“ Aussicht, wenn das erwachsen werden bedeutet!).

Bis ich also Anfang 20 war (und auch danach) verliebte ich mich unaufhörlich in schöne, ältere Frauen und schwärmte diese hoffnungslos an. Und es blieb immer nur bei dieser Schwärmerei, ich wagte niemals die Grenze zum sexuellen Begehren überschreiten.
Alle um mich herum schüttelten den Kopf und hofften darauf, dass ich eines Tages „erwachsen“ werden sollte. Aber auch hier bedeutet dieses „erwachsen werden“ wieder das Aufgeben meiner Träume und Ideale, des Wunsches nach Schönheit, Liebe und Geborgenheit. Auch wenn ich mich nicht als lesbisch definierte, kam das für mich NIEMALS in Frage. Aber der Zweifel der Anderen verunsicherte mich sehr stark. Ich sah damals keine Lösungsmöglichkeiten für mein „Problem“, denn das, was von anderen nicht ernst genommen und als bloße Schwärmerei abgetan wurde, war der ELEMENTARE KERN meiner Seele. Was mich noch mehr verwirrte war die Tatsache, dass von den angebeteten Frauen sehr oft etwas zurückkam, doch nie etwas eindeutiges und sie waren nicht in der Lage Verantwortung für die Beziehung zwischen mir und ihnen zu übernehmen. Mir war klar, dass ich es irgendwie alleine im Leben schaffen musste, aber wie, das wusste ich nicht. Ich verabscheute die lesbische Szene mit ihren starren Regeln und ihrem latenten Hass auf Weiblichkeit, und Beziehungen mit Männer zu haben lag außerhalb meiner Vorstellungskraft.

Meine Welt zerbrach, als ich mich von meiner besten Freundin und meiner Geigenlehrerin, die über Jahre meine Bezugspersonen gewesen waren, trennen musste.(Denn auch wenn sie sich nicht als lesbisch definieren, suchen sich viele Frauen unbewusst eine Partnerin/weibliche Bezugsperson, z.B. die „beste Freundin“, die Lehrerin oder manchmal sogar die eigene Mutter. Da Beziehungen zu Männern in dieser Welt immer als wichtiger bewertet werden, bleiben die engen Bande zwischen Frauen (für andere und für sie selbst) oft unsichtbar..). Diese Trennung nahm mich so schwer mit, dass mir klar wurde, dass meine Gefühle für Frauen vielleicht mehr als bloße Schwärmereien waren. Als dies in mein Bewusstsein drang, zog es mir komplett den Boden unter den Füßen weg. Ich schien plötzlich ganz allein auf dieser Welt mit diesen Gefühlen zu sein und die Frauen, die ich bis jetzt begehrt hatte waren absolut unerreichbar, weil sie fast immer in heterosexuellen und gesellschaftlich anerkannten Beziehungen lebten. Mir wurde klar, dass die Aussichten, eine erfüllende Partnerschaft zu finden für mich gleich „null“ waren. Die Vorbilder, die ich mir bis dahin gesucht hatte zerbrachen nach und nach – wie Spiegel zersplitterten sie und warfen mir nicht mehr mein (idealisiertes) Ebenbild zurück. Mir wurde klar, dass die Liebe, von der ich mein ganzes Leben lang heimlich geträumt hatte, in dieser Welt nicht existierte, denn das „offizielle“ Lesbischsein war etwas total anderes, etwas fremdes, vielleicht sogar das exakte Gegenteil von meiner Welt. Ich hatte nichts was mein inneres Sein reflektierte, losgelöst schwebte ich in einem leeren Raum. Meine Identität fing an sich aufzulösen.

Um nochmal zum Anfang des Textes zurück zu kommen – „Coming-Out“ bedeutet für mich eben nicht: eine alte heterosexuelle Identität abzulegen und eine neue homosexuelle anzunehmen. Ich hatte immer Frauen begehrt und bewundert, war also nie „hetero“ gewesen. Ich bin nur niemals auf die Idee gekommen, dass mein Inneres in dieser Welt eine Rolle spielte, denn ich war als Frau dazu erzogen worden, die Bedürfnisse von anderen zu erfüllen und meine eigenen zu ignorieren.

Das weibliche „Coming-Out“ für mich eher der Übergang in ein neues Sein, das Zugeständnis, als Frau Frauen zu lieben, überhaupt ein Begehren zu haben und das damit verbundene NICHT GESPIEGELT WERDEN in der Welt (denn die Szene der „offiziellen“ Lesben ist etwas künstliches und orientiert sich eher an schwuler/transsexueller als an weiblicher Identität). Das die Fähigkeit Frauen zu lieben/begehren in allen Frauen existiert, egal ob sie als hetero, lesbisch, bi oder sonstetwas definiert werden und das dies durch konventionelle Erziehung unterdrückt wird, ist mir erst viel später klar geworden.

Bald schlug eine Komilitonin mir vor, mich doch mal in der Lesbenszene umzuschauen. Sie hatte eine Freundin, die lesbisch war und sie entsprach nicht den gängingen Klischees. Also nahm ich all meinen Mut zusammen und ließ mich darauf ein. Ich besuchte mit ihr zusammen ein Jugendcaffee mit hauptsächlich jüngere Frauen bis Anfang/Mitte zwanzig und sie waren tatsächlich nicht so schlimm, wie ich mir das vorgestellt hatte. Dennoch hatten sie alle einen ähnlichen Stil sich zu kleiden, sie trugen die selben modisch kurzen Frisuren, waren oft gepierct und „machten einen auf rebellisch“ – sie waren zwar feminin, aber deutlich als Lesben erkenntlich. Ich hatte das Gefühl, dass sie fast alle aus konventionellen Elternhäusern kamen, gegen dass sie mit ihrem Auftreten offensichtlich auch rebellieren wollten. Ich fühlte mich ihnen nicht richtig zugehörig und spürte von ihnen auch eine Art Misstrauen mir gegenüber, so als wäre ich eine „Heterofrau“, die in ihren Bereich eindringt. Sie zogen ihr Selbstbewusstsein aus der Gruppenzugehörigkeit, die sie durch ähnliche Kleidung und Auftreten bestärkten, dennoch spürte ich unter dieser Oberfläche eine große Unsicherheit. Es gab aber auch einige, interessante Gemeinsamkeiten, nämlich das viele Mädchen auch eher die älteren Frauen gut fanden und sich in Heterofrauen verliebten.

Durch den Kontakt mit der Szene bekam ich den Tip mich bei Lesarion, der zur Zeit größten lesbischen Internetplattform Deutschlands anzumelden. Ich machte mir ein Profil mit Foto und anfangs mit der Bezeichnung „bisexuell“ und ging sofort auf die Suche nach älteren für mich in Frage kommenden Frauen. Wie ich es erwartet hatte waren 95 % der lesbischen Frauen ab 40 vom Äußeren her eher maskulin und unterdurchschnittlich attraktiv, der Rest war normal und einige wenige Ausnahmen waren vom Aussehen her ganz in Ordnung. Diese wenigen schrieb ich an und lernte dadurch Claudia kennen, mit der ich dieses Blog gegründet habe – quasi aus der Not heraus. Da wir unterschiedlichen Generationen angehören, können wir die Problematik aus verschiedenen Blickwinkeln beleuchten. Es gibt viele Gemeinsamkeiten, aber auch große Unterschiede. Z.B. birgt das Lesbischsein bei den Frauen aus Claudias Generation ein unausprechliches Tabu (dazu haben auch die maskulinen Frauen ihren Teil beigetragen), während viele meiner Altersgenossinen jetzt „einen auf „bi“ machen“ (siehe auch Artikel „Generation Bi“) – hinter beidem verbirgt sich aber die selbe Abwertung von Frauen. Die einen kriegen buchstäblich das kalte Schaudern und die anderen lassen sich zwar darauf ein, nehmen es aber nicht ernst (entsprechend des durch die Medien suggerierten Bildes der promiskuitiven, bisexuellen und immer verfügbaren Frau).

Es war ein unglaubliches Glück für mich, dass ich Claudia getroffen habe, denn nur durch sie konnte ich endlich zu meinem Lesbischsein stehen und habe gelernt mich zu artikulieren und meine Gefühle nicht zu verdrängen. Dadurch bin ich seelisch stabiler geworden, aber auch einsamer, denn es gibt nun einen weiteren Punkt, der mich von den Frauen in meinem Alter unterscheidet – nämlich eine bewusst denkende und handelnde Frau zu sein, die nirgendwo einzuordnen ist, und dadurch etwas unabhängiger von gesellschaftlichen Konventionen.

Mir ist aufgefallen, dass viele lesbische Frauen in meinem Alter, sich insgeheim doch eher eine ältere Partnerin wünschen. Ich denke, dass es auch etwas damit zu tun hat, dass es nur wenige frauenliebende Frauen gibt, die als Vorbilder geeignet sind und eine ältere Frau die fest im Leben steht eine Beziehung positiv beeinflussen könnte. Denn viele junge Lesben (auch feminine) spalten sich in Butch/Femme-Beziehungen auf, dass heißt sie kommen nicht so richtig aus dem Hetero-Schema (passiv, aktiv, die eine zieht sich beim Sex aus, die andere nicht, usw.) heraus. Bei der Konstellation ältere/jüngere Frau gibt es das Muster der Mutter/Tochter-Beziehung, was möglicherweise das Mann/Frau-Schema aufbricht. Beziehungen zwischen zwei femininen Frauen sind noch etwas sehr Neues und deswegen oft kompliziert und beängstigend, da sie nirgendwo gesellschaftlich abgesegnet und bestätigt werden und deswegen unsichtbar bleiben. Da die lesbische „Szene“ eine Art Antiwelt zur Heterowelt darstellt und sich außerdem an der Schwulenszene orientiert, ist sie für Frauen wenig als Vorbild tauglich. Da ist die Serie „The L-Word“ schon wesentlich fortschrittlicher und innovativer, weil sie weibliche Frauen zeigt, die trotzdem nicht dem Klischee der Passivität verfallen (viele der Serienfiguren haben kreative Berufe und selbst die femmige Jenny ist Schriftstellerin), es gibt auch ein paar dominantere Frauen, aber dies muss kein Widerspruch zu ihrer Weiblichkeit sein.

Es fehlt hier in Deutschland an frauenliebenden, älteren Frauen, die ein positives Verhältnis zu ihrer Weiblichkeit haben und deswegen als Vorbilder für junge Frauen geeignet sind. Es haben sich ein paar prominente Frauen, wie Anne Will, Maren Kroymann oder Ramona Leiss in den letzten Jahren geoutet, doch mir sind im Alltag noch nie zwei ältere, feminine, lesbische Frauen begegnet. Geoutete feminine Lesben in meinem eigenen Alter sind genauso eine komplette Seltenheit (ich bin auch „in the closet“).
Und ich halte nichts von einer Szene, die nur eine „Antiwelt“ zur Hetero-Welt darstellt, wo heterosexuelle stereotype Geschlechterrollenbilder sich auf eine perfide Art und Weise in das weibliche Bewusstsein fressen. Die Gay-Parade in New York spiegelt sehr gut das Bild dieser Szene wieder. Auf dem Wagen die Männer, die sich mit Feminität (als Trophäe) schmücken und am Rande die Frauen, als Beifall klatschende kleine Jungs, die sich ihrer Weiblichkeit gänzlich entledigt haben und dies als „Befreiung der Frau“ feiern.