Eine ältere Freundin von mir hat mir mal gesagt, dass sie, als sie jünger war, permanent ein schlechtes Gewissen wegen ihres Äußeren hatte, da ihr vermittelt wurde, dass sie zu feminin, zu hübsch, zart und zu weiblich sei was nicht nur mit der damaligen Lesbenszene, die sehr maskulin orientiert war, etwas zu tun hatte. In der Lesbenszene damals versuchte man zusammen mit Feministinnen eine neues Frauenbild zu finden, feminines Aussehen (Schminken, sich schick anziehen usw.) und „typisch weiblich“ zu sein wurde mit Unterwerfung (bei Männern z.B. kokketieren) und Nachgiebigkeit in Verbindung gebracht.

Nicht ohne Grund gilt der Feminismus der achtziger Jahre heute als etwas „Unschickes“, er wird verpönt und jeder kennt das Bild der „verbiesterten, grauhaarigen und verklemmten Feministin“, welches man im Kopf hat, wenn man allein das Wort hört.

Als ich Teenager war und zur Schule gegangen bin, war es bei mir umgekehrt: Ich war damals relativ frühreif, dass heißt, dass ich im Gegensatz zu meinen Mitschülerinnen relativ groß und gut gebaut war. Ich hatte konstant Komplexe wegen meiner Figur, da ich nicht so zart und „elfenhaft“ wie die anderen war. Je älter ich wurde, um so schlimmer wurde es, denn in der Schule war ein Mädchen um so mehr wert, je dünner, zierlicher und „hübscher“ sie war und wenn sie möglichst einen Freund hatte. Bulimie und Magersucht waren schon zu meiner Schulzeit sehr verbreitet und meine Figur war damals ganz normal, dennoch bildete ich mir ein übergewichtig zu sein.

Ich hatte nie einen Freund und konnte mit den typsichen „Hetero-Parties“ der anderen nichts anfangen. Ich fing an, mich und meinen Körper zu hassen, fragte mich, was mit mir los sei, warum ich nicht wie die anderen einen Freund hätte (ich verdrängte damals, dass ich lesbisch bin). Als ich älter wurde und mein Studium begann, fing ich an, mich betont weiblich anzuziehen, trug meistens sehr hohe Schuhe, schminkte mich sehr stark. Ich war sehr narzisstisch, schaute mich oft im Spiegel an, aber eher zweifelnd als wohlwollend. Es war auch die Zeit, als ich mich mit meinem Lesbischsein auseinandersetzen musste und ich glaube, dass mein betont feminines Styling eine Art Reaktion darauf war. Denn beim Wort „lesbisch“ hatte ich nämlich dieses Bild der männlichen, kurzhaarigen Kampflesbe vor Augen und das erzeugte eine Angst, eine richtige Panik in mir, die ich damals noch nicht genau verstand. Ich war sehr unbewusst und verdrängte, alles was mir Angst machte, immer sofort.

Wenn ich mir heute die Lesben anschaue, die mitlerweile jünger als ich sind, fällt mir auf, dass sich einiges geändert hat. Ich habe den Eindruck, dass sich viele an der Serie L-Word orientieren und dass es eine allgemeine Tendenz zum feminineren Aussehen und Styling gibt. Doch bedeutet das, dass es auch gleichzeitig eine Auseinandersetzung mit dem Thema Frauen und Weiblichkeit gibt, abgesehen von Äußerlichkeiten, die eigentlich nicht erstrangig sind?

Ich bin zu dem Schluss gekommen, dass dies meistens leider nicht der Fall ist. Es scheint mir, als wären extreme Maskulinität und Feminität zwei Seiten der selben Medaille, denn im Falle von beidem reduziert sich eine Frau nur auf das Äußere. Und auch bei allem, was dazwischen steht – viele die sich „queer“ nennen suchen eine Zwischenlösung, die zu androgynen hintendiert – geht es nicht darum, was eine Frau macht, sondern wie sie aussieht.

Es herrscht wieder mal die Auftrennung (und das ist der wahre Dualismus) von Frau = Körper (Hülle) und Mann = Geist. Die Frau, die Seiende und der Mann der Schaffende.
Doch wie entkommen Frauen dem? Sie müssen lernen, nicht immer die Begehrte sein zu wollen, sondern selbst zu begehren. Denn es wird kein Prinz kommen, um sie aus dem Schlaf wach zu küssen, sie müssen das selbst tun, denn sie sind Prinz und Prinzessin in einem. Und mit dem wiedergefundenen Begehren eröffnet sich ihnen die Welt und es wird ein Wunsch entstehen, diese zu verändern.

Ich habe mitlerweile gelernt, dass in dem Moment, in dem man die Entscheidung fällt, etwas eigenes zu machen und für sein eigenes Recht auf Liebe zu kämpfen, sich die Konflikte mit dem Äußeren mit der Zeit automatisch regeln. Man strahlt eine innere Zufriedenheit, eine Art von positiver Energie aus, welche andere Menschen anzieht und das mit dem Wort „Attraktivität“ wirklich gemeint. Heute schminke ich mich immer noch gerne, in einem nicht übertriebenen Maße, und ich kleide mich so, dass ich mir selbst gefalle. Ich betone gerne meine Weiblichkeit, weil ich diese liebe, weil ich Frauen liebe.