Nicht aus der tiefsten Provinz kommend und zudem in einer belesenen, binationalen Akademikerfamilie aufgewachsen – fast alle wichtigen Bücher zum Thema Feminismus und Frauenbefreiung standen bei meiner Mutter in den Regalen: Alice Schwarzer, Betty Friday, Shere Hite, Vera Stefan, und wie sie alle hießen, und die, die zu meinem Glück noch fehlten habe ich mir in der Bibliothek entliehen – also  wusste ich sehr früh was das „Lesbischsein“ ist, keine Krankheit, kein Fluch oder sonst etwas Schreckliches und ich wusste auch, dass es noch andere Lesben gab, die „Speerspitzen“ der Emanzipation und so. Alles bestens? Von wegen.

Der Beginn von allem:
Nur allzu genau kann ich mich noch daran erinnern, wann es zum ersten Mal in mein Bewusstsein gedrungen war, das ich „anders“ bin. Der Sommer vor meinem 12ten Geburtstag, Ferienlager in Frankreich an der bretonischen Küste, grau und regenverhangen. Ich verliebte mich in meine Gruppenleiterin, schwärmte für ein älteres Mädchen, zog mich zurück, wollte nicht eng mit den Jungs tanzen wie all die anderen; und dann fragte meine Mutter mich noch nach der Rückkehr: „Na hast du einen netten Jungen kennengelernt…?“ Nein hatte ich nicht, aber sie lauerte weiter darauf, wann es endlich passieren würde, lange, lange und vergeblich.

Um das Jahr 1980 lerne ich das Theater lieben und entdeckte das Ballett für mich und begann mit einer Tanzausbildung. Meine Zeit verbrachte ich von nun an vorwiegend in Trainingssälen, an der Vorverkaufskasse der Oper und in den abgedunkelten Zuschauerräumen, wo ich mit glänzenden Augen die Vorstellungen verfolgte, die Magie des Tanzes in meine Seele dringen ließ, der Musik lauschte und- endlos lange die vielen wunderschönen Frauenkörper anbetete. Nicht nur auf der Bühne sondern auch in meiner Ausbildung gab es eine Menge aparter Mädchen und Frauen doch sie blieben stets unerreichbar, weil sie scheinbar nur den Männern zugetan waren. Marcia Haydée hieß die damals von mir am heftigsten Angebetete, aus Brasilien stammend und Primaballerina und Ballettdirektorin in einer Person, war sie der Schwarm vieler, wirklich sehr vieler Frauen…

Es war eine magische Zeit gewesen, schon bewusst aber doch noch naiv schwärmte und verliebte ich mich weiter leidenschaftlich aber grausam und gänzlich hoffnungslos, himmelte an, an, an …
Doch je älter ich wurde desto stärker wurden meine Gefühle und auch mein Verlangen sie in die Tat umzusetzen und so begann ich mich ernsthaft zu fragen, wo sie bloß alle seien, diese Frauen, die auch Frauen begehrten und über die ich in den zahlreichen feministischen Büchern so viel gelesen hatte. („Sie sind unter uns“/Shere Hite, „viele Frauen wünschen sich eine Beziehung mit einer anderen Frau, wollen es sich aber nicht eingestehen.“) In meinem Alltag traf ich sie jedenfalls nicht, weder in der Schule noch in meinen Ballettklassen- und meine eigenen schüchtern vorgetragenen Liebesgeständnisse brachten ebenfalls keinen Erfolg. Aber irgendwo musste es sie ja geben, diese Frauen.

Ich weiß nicht mehr so genau wie und wer mich da mitgenommen hatte, aber eines Tages fand ich mich in einem Frauen/Lesbencafé wieder, so ungefähr mit 16 und wir schrieben das Jahr 1984.
Ich trat ein, eine sehr alternative Location, ich schaute mich um, blickte in fremde Gesichter, harte Gesichter mit kurz geschorenen Haaren, unfreundliche Gesichter. Meine Gedanken waren gelähmt, Feindseligkeit schlug mir entgegen wie eine faulige Welle, kein Willkommen, keine Schönheit, keine Anmut, keine Lebensfreude, ich fühlte mich fremd, fühlte mich falsch, ich flüchtete. Für eine lange Zeit.
Der Schock saß tief, denn eine Art Welt war damals für mich zusammengebrochen, und ich brauchte noch einige Zeit um es zu begreifen, die Regeln der Szene und der Lesben. Sie waren anders, so völlig verschieden von mir, ihr Aussehen, ihr Verhalten, ihre Ansichten und ihre Anschauungen, sie gingen anders, sie redeten anders, sie dachten anders. Da wo ich meine Freunde, Verbündete, Gleichdenkende und -fühlende erwartet hatte, waren in Wirklichkeit Andersdenkende und Andersartige. Ich habe dann noch mehrere solcher Lokalitäten besucht, das Bild blieb immer das gleiche.
Eine unüberbrückbare Diskrepanz war geschaffen, zwischen dem was ich begehrte und dem, was mir geboten wurde. Denn mein eigener Alltag war von gänzlich anderen Wesen bevölkert, von grazilen Balletteusen, von Männern und Frauen aus aller Welt (die Kompanie war sehr international), künstlerische, sensible, interessante, tolerante, Menschen. Und es war mein Alltag, kein Schemen, kein Fantasiegespinst, ich hatte ihn tagein und tagaus vor Augen – aber mit einem Male war diese  Welt  zu einem fremden Ort geworden, am dem es für mich fortan keinen Platz zu geben schien.

Nach und nach begann sich meine Seele zu verdüstern, ich isolierte mich immer mehr und erlangte in der Schule eine Außenseiterposition, Leistungen ließen nach, ich schaffte es durchzufallen und brachte zwei gescheiterte Selbstmordversuche hinter mich. Das Ballett blieb und war mein einziger Halt und meine stets unglücklichen Verliebtheiten in Frauen.

1988 Berlin, in dieser „sagenumwobenen“ Stadt würde sicher alles ganz anders werden, dort würden ich endlich all die femininen Frauen finden, nach denen ich mich meine ganzen JugendJahre über verzweifelt gesehnt hatte, alles, alles würde besser werde. Aber alles wurde nur noch schlimmer.
Ich schrieb mich in der Uni ein und streckte erneut meine Fühler aus, doch nach einigen missglückten Szenekontakten zog ich mich immer mehr zurück. Einsam und verzweifelt begann ich wie besessen „lesbische Indoktrinierungsliteratur” zu lesen, denn mich quälte stets dieselbe Frage: Warum sind „die“ so anders wie ich? Ich las und las und allmählich begann ich den Boden unter den Füßen zu verlieren, und dann wurde mir „klar“: Nicht die anderen, sondern ICH bin irgendwie falsch. Mein Wesen, mein Äußeres, alles was ich mache, gemacht habe, was ich begehre, jemals begehrt habe, alles, wirklich alle schien irgendwie nicht richtig zu sein. Nicht richtig.
DER INNERSTE KERN MEINES WESENS WAR ANGEGRIFFEN.
Ich bekam die totale Krise. Und dann fragte ich mich, wenn ich falsch bin, was, wer, wie ist es dann richtig? Sollte ich wirklich über mein Frauenbild nachdenken, wie es mir mehrmals in den diversen Lesbenberatungen dringlich nahe gelegt wurde? Soll ich mich von meinen Interessen, (Kunst und Tanz), abwenden und auch was weniger frauentypisches machen? Sollte, sollte, sollte …

Ich schmiss das Studium hin und begann ein Schreinerjahr, schminkte mich immer weniger und machte mir ohne Ende Gedanken über meine Klamotten und die Art mich zu geben. Ich wurde unsicher. Für eine sehr lange Zeit.
Aber als ich schließlich eine Ausbildung zur Schreinerin bekam, flüchtete ich nach der ersten Zusammenkunft panisch, denn über die Hälfte der Teilnehmerinnen waren männlich aussehende, sich gebende, seiende Lesben. Nein, denn darüber war ich mir zumindest sicher, so wollte ich nicht sein, nicht werden und schon gar nicht so was lieben und neben solchen „Gestalten“ wollte ich nicht einmal gesehen werden.

Ich kehrte zu meinem femininen Äußeren zurück, immatrikulierte mich wieder an der Uni und arbeitete nebenher in einem Laden, den eine Freundin von mir eröffnet hatte.

Wir schrieben das Jahr 1991 und erneut begab ich mich auf die verzweifelte Suche nach femininen Frauen, weggehen, weggehen, weggehen, aber auch dieses Mal nur: Unsichere Gestalten die sich unter ihren weiten Hosen und Shirts versteckten, rum stehend, rum sitzend, rauchend, die kurzen Haare zurückgegelt, die Hände so kräftig wie von Lastwagenfahrern, auf der Tanzfläche bewegten sie sich eckig und mit ausdruckslosen Minen, von Umstehenden beobachtet, aus gesenkten Augenlidern heraus, stumm, stumm, erstarrt, die einzig wirkliche Bewegung ging vom Billardtische aus. Die Luft in diesen Kneipen/Örtlichkeiten war stets zum schneiden, Rauch und Herrenparfum schwebte über den Köpfen, neblig, undurchdringlich, Scham und Beschämung, keine Leben, keine Freude, keine Sinnlichkeit. Es waren Frauen in Männerkleidung, Mannweibern, kleine Jungs mit großen Brüsten und manchmal auch gar keinen, Neutren, die sich ihrer Geschlechtlichkeit beraubt hatten, unwiederbringlich, eine Schwulenästhetik im besten Falle, aber sie fühlten sich wohl in ihrer (anti) Welt. Ich tat es nicht.

Ca. 1992 begann ich Anzeigen in den Stadtmagazinen aufgeben (das Internet war damals noch in den Anfängen). Zunächst versuchte ich es noch mit Texten wie: „Wünsche mir hübsche, nette Freundin für Freizeitgestaltung und mehr“, doch je mehr Erfahrungen mit den Anzeigen ich sammelte, umso radikaler wurden meine Formulierungen: „Bitte nur feminin, keine Szene, langhaarig, keine Frauen die wie Männer aussehen, keine, keine, keine…“.
Nur allzu gut kann ich mich noch wie viele Nachmittage ich in den Cafés erinnern, die ich zusammen mit irgendwelchen unsäglichen Gestalten verbracht habe, sich ihrer Geschlechtszugehörigkeit so offensichtlich unsicher, sich windend, „feminin ist Ansichtssache, geschminkt sehe ich anders aus, lerne mich doch erst einmal besser kennen …“, bettelnd, und oft noch mit einem deutlich sichtbaren Alkoholproblem gesegnet. Ich schämte mich stets mit so einem Wesen in der Öffentlichkeit gesehen zu werden, senkte die Augen, schielte in dem Café umher, erblickte interessante und attraktive Frauen, überall, um mich herum, aber eben nicht an meinem Tisch.
Es gab natürlich auch einige wenige Begegnungen mit femininen Frauen, doch nicht jede passt zu jeder und oftmals schienen sie irgendwie von mir enttäuscht zu sein, sie suchten wohl doch ein kerliges Gegenüber, denn oft sah ich sie Arm in Arm mit einer Butch wieder. Aus Neigung oder nur aus purer Konvention, ich lasse es einmal an dieser Stelle offen.

Ab ca. 1996 gab ich die Suche auf und konzentrierte mich auf meine Kunst und mein Berufsleben, ich arbeiten in den verschiedensten Bereichen, Büro, Kreativ, Theater, Tourismus, doch kaum wo sind mir feminine Lesben begegnet, nur schwule Männer, sich offensiv in der Kulturszene ausbreitend. Lesben blieben unsichtbar und wenn sie da waren dann nur als stark übergewichtige, polternd burschikose Bühnenarbeiterinnen oder Regieassistenzen.
Es gibt einen Spruch, der besagt, dass Frauen, wenn sie von Männern enttäuscht worden sind, sich den Frauen zuwenden, bei mir war es genau andersrum. Von der Lesbenwelt tief ernüchtert versuchte ich es mit einem Mann, er war Schauspieler, nett, sensibel, künstlerisch, herzenswarm, hübsch anzusehen und er liebte mich. Ich ihn leider nicht. Wir trennten uns nach einem halben Jahr, da ich ihn nicht weiter verletzten wollte. Da war ich 33.

Erst Ende 2004 entschloss ich mich erneut etwas für mein Seelen- und Liebesleben zu tun, denn die „Heterofrauen“, die mir ab und an mal zugeflogen waren – mal mehr und mal weniger erfolgreich, aber nie von Dauer – hatten mir nur allzu sehr das Herz gebrochen. Zuerst nur passiv mitlesend erstellte ich mir nach einiger Zeit selbst ein Profil in einer Internetplattform für Lesben, ohne Foto, wie fast alle meine Altersgenossinnen, dann mit einem. Ich entdeckte die Foren und ihre Beiträge und freute mich, dass endlich die feminin/maskulin Thematik artikuliert wurde.
Von den Jüngeren, ja, dort schien sich in der Zwischenzeit was getan zu haben, sie waren sichtbar, sahen wie Frauen aus, wollten eine ebensolche Freundin haben und sie begannen gegen die „Diktatur der Männlichkeit“ aufzubegehren oder zumindest sie in Frage zu stellen. Meine Generation aber schwieg weiterhin. Sie hatten sich wohl damit abgefunden.
Selbst im eisigen Nichtreden aufgewachsen, die Müttergeneration hatte sich noch hart das Recht auf eine Berufslaufbahn erkämpft, hielten sie wohl den puren Sachverhalt eine Frau zu lieben zu dürfen für das höchste aller ihnen zugestandenen Gefühle. Eine Frau in einem Männerkokon als Partnerin ist weniger fremd. Sich selbst männlich zu geben erleichterte das Ausbrechen aus der Jahrtausend lang eingeprägten Sklavenmentalität. Der Gruppendruck der Szene tat sein Übriges, wie alle zu sein und nicht alleine zu bleiben, Außenseiterinnen waren sie durch ihr Lesbischsein schon genug. So haben sie sich den damals herrschenden Lesbennormen angepasst, der Rest hat geheiratet, sich in den Alkoholismus geflüchtet oder das Leben genommen – und wenn es nur das seelische war. Feminine Lesben (die auch feminine Frauen mögen) ab ca. 40 sind immer noch eine Ausnahmeerscheinung.

2008, durch Leben und zahlreiche Diskussionen an Erfahrungen reicher geworden, mit den Phänomen queer und transgender in Berührung gekommen, (des Kaisers neue Kleider, eine schwules Männerding in dem Lesben im eigentlichen Sinne nicht vorkommen/eine Auflösung der Geschlechter zugunsten von Männlichkeit), habe mich mit mir an den Kopf geworfenen Begriffe wie Tusse, Püppchen, Barbie, oberflächlich, intolerant, Schubladendenken, es kommt nur auf die inneren Werte an und (nicht zu vergessen!) Diskriminierung rumgeärgert.
Und ja, es gibt jetzt Dinge wie L-word, (sogar eine spanische Version), AfterEllen.com, Anne Will, Maren Kroymann usw., aber auch immer noch viel zu viel Unsichtbarkeit, Selbsthass und Selbstverleugnung (innerhalb und außerhalb der Szene). Daher muss noch eine Menge getan werden damit (und vor allem) keine feminine Lesbe mehr mit diesem, mich über eine sehr lange Zeit hinweg begleitenden, Lebensgefühl aufwachsen muss:

„Ich habe stets den Eindruck eine Art Behinderung mit mir rumzuschleppen, eine Behinderung, die niemand sieht und die sich aus diesem Grund ins Unendliche potenzierte. Ein seltsames Stigma, das mir die Luft zum Atmen nimmt.
Ich bin in einem Bereich „gehandicapt“ der bis in den allerwesentlichsten Kern meines Seins hinabreichte. Vieles was die Menschen miteinander verbindet scheint für mich nicht zu gelten, ich bin ausgeschlossen, ein Wesen dem die Befriedigung des allermenschlichsten aller Bedürfnisse versagt zu sein scheint, der Sehnsucht nach Liebe und ihrem stetem Traum von Erfüllung – und das in einer Welt in der jener unbedingte Glaube an die romantische Liebe zwischen Mann und Frau die Religion ersetzt hat. Ich bin ein Alien in menschlicher Hülle, sein Heimatplanet verschollen seit Sternenmillionen von Jahren.”
KEINE HEIMAT NIRGENDWO.