Der Rosengarten – oder die Schlange im Kies
Himmelsgleißen, wolkenlos weit und Arkaden aus flirrendem Weiß, Kiesboden, Steinplatten, ein paar Schritte noch und dann der Rand eines Beckens. Sie setzte sich und Molche tauchten aus dem Wasser empor wie erloschene Feuerdrachen, glitschig und klamm. Sie atmeten ihre Kühle ein, Stille, Stille, endlose Stille und honigsüß herbeiwehender Blütenduft, dann glitten sie erneut hinab und verschwanden in der moderig aufgluckernden Tiefe.
Brautgewinde, die sich um Laubenbänke rankten, Hochzeitsbouquets und üppig wuchernde Rosenbüsche. Träge blinzelte Aida in die Sommerluft empor und Wolkenknospen entschwebten dem Stratosphärenlicht wie silberhelle Engelsflügel, zart zirpend und wattesanft. Aus höchsten Höhen erklingende Harfenmelodien, laut, leise, laut, Schattenwesen, Wesensschatten, herbei geschwebt und geblieben und die Herzen aus purstem Mokkagold.
Der Park, er erstreckte sich weit um das Gemäuer und dehnte sich schließlich, wilder und wilder werdend, bis in die Wälder hinein. Dort dann Moosfeuchte, ewig rauschender Blätterreigen und Höhlengänge, die von allerlei Getier bewohnt waren, perlüberzogen milchig auch in tiefster Dunkelheit. Wilder und wilder werdend, die Sonne legte sich über die Wolken und der Himmel öffnete sein Augenlicht, Wasserbecken, Kiesboden und Arkaden in flirrendem Weiß. Aida, sie erhob sich und verließ den Ort.
Der Rosengarten, Aida betrat ihn mit Fangleinen an der Herzensinnenwand, zart begehrlich und fest, die Laubengänge streckten das Gestänge nach ihr aus und ließen Brautgewinde hinab rieseln. Sie schritt voran und ihr Antlitz schimmerte wie eine Winterblüte und auf ihren Lippen glänzte Morgentau. Mondgestrüpp und Sonnengestein, das Himmelslicht gewann an Konturenschärfe, sonniges Mondgestein, kein Zurück, Zurück, niemals. Die Rosenblüten öffneten sich in ihrer ganzen Pracht und der Kiesweg verlor sich für immer im wild empor wuchernden Wurzelgeflecht. [...]
Das Licht war hell und sanft zugleich, Kiesboden, Laubbetten und ein schattiges Sommeridyll. Die Mittagshitze kam, verging und entzündete sich wieder, Vögel zirpten auf und zarte Grillengesänge erklangen.
Dornröschenküsse unter Arkadenbögen, Lippen wie Rosenknospen, fleischig prall und fleischlos sanft. Ihre Münder saugten sich aneinander fest und die Hände glitten über den jeweils anderen Leib, besitzergreifend, neu, fremd und vertraut. Schenkel auf Schenkel und Bauch an Bauch, Hautreiben, Bewegung und Stillstand. Antlitz vor Antlitz. Sie blickten sich in die Augen und erkannten dort die Sternenklänge wieder, unendlich und Jahrmillionen alt, sie flüsterten sich fremdsprachige Oden zu, sonnenwarm und liliengleich. Sie liebkosten sich mit Händen und Zungen, glänzend, keuchend, erhitzt, tiefer, weiter, sie schwebten und sie sangen, sie bettelten nach mehr, mehr und mehr.
Die Schlange entschlüpfte den Blumenrabatten, ringelte sich über den Kies und erreichte dann ihre ineinander verschlungenen Körper. Zwillingsgleiches Nattertier, kein Anfang und kein Ende, denn ihr Schwanzende war auch ein Kopfanfang. Es kam näher und näher, glitt höher, die Schenkel empor in ihre beiden Schoßöffnungen hinein und füllte dort dann das innerste Fleisch aus wie eine körperwarme Seelenwanderung.
Unter der Sommersonne, im tiefsten Schattenreich verborgen und in höchste Höhen hinauf katapultiert. Mund an Mund und Schoß an Schoß, hitzig erglüht. Vulvenfleisch an Vulvenfleisch, das Tier in ihrem Leib schwoll an, wand sich begierig und seine beiden Köpfe drückten dann fest gegen die Innenwände. Tiefer, tiefer, weiter, erregtes Blutpochen und ganze Wasserfälle begannen die Schenkelseiten hinab zu strömen und klatschten auf das Gras und den hellen Stein.
Wiedergeborenes Mondantlitz, die aus dem Jahrmillionenschlaf Erwachte, sie hielt inne und beugte sich über Aida, liebkoste sie, saugte an ihren Lippen und Brüsten, die Zitzen schon prallrot und steif vor Lust. Sie flüsterte ihr schamlose Märchen ins Ohr. Lüste, Lüste und BEGIERDEN, Mondlichter trafen auf Sonnenfinsternis und die Nacht wurde hell sonnenbeschienen. Und die Vögel, sie verstummten und erschallten umso lauter, sie tönten, sie krakeelten. SIE SCHRIEN. [...]
Das Blütenmeer
Der Polarkreis war erwacht, die Auroras hinweggeweht, der Himmel klar, das Eis darunter geschmolzen und einem wogendem Blütenmeer gewichen. Der neue Ort, das Leben, das Sein, am Ende der Welt, das jetzt ein Anfang und eine neugeborene Mitte war.
Sie betraten ihn, Aida und die ihr nun sehr Vertraute, blickten sich in die Augen und verweilten. „Ich habe dich gehört, gefühlt, ich kenne dich mein Leben lang, spreche mit dir und höre dir zu und küsse dich endlos lange.“ „Ich sehe sie, höre sie, sie sind mir neu und ich mag ihre weiche Hauttextur, ich versinke in ihnen, ihren Armen und den Seelenleibern.“ Sie flüsterten, lachten, rannten hinweg und entkamen nicht. Körper neben Körper, Brust über Brust und Vulvenhügel an Vulvenhügel. Lebendig wogendes Blütengeflecht, die Köpfe der Sonne entgegengereckt und die Wurzelfüße umeinander verschlungen und bis in die feuchte Erdenmitte hineingetaucht und dort vom gurgelnden Milchgrund genährt. „Ich fühle sie und ich möchte sie und auch dich.“
Sie umfassten sich und rieben sich an Blätterstauden, stöhnten laut und gaben feuchte Küsse weiter. Sie wandelten, wandten sich vor Lust, tauchten in purpurfarbene Kelche ein und saugten ihren honigsüßen Nektar aus. Haut an Haut und Leib an Leib, nebeneinander miteinander und in fremden Arme gefangen. Sie ließen ihre Finger kreisen und die Münder schmatzen, sie flüsterten, sie sangen, sie jubilierten und das eigene Fleisch war bebend weit geöffnet wie zu nass gewordene Blätterhöhlungen. Sie, sie, Sie …, sie versanken in ewigen AugenBlicken, pressten stöhnend und gebaren dann blutig duftend klebrige Rosensprosse. [...]
Körper an Körper und Leib über Leib, tief in das wogende Blütenmeer eingetaucht, lustvoll ineinander verschlungen, über-, neben, untereinander; und Aida, sie zählte die Sterne und die ihr Vertraute rechneten ihre Tangenten aus.