Frauenliebe bzw. lesbische Frauen und Kino sind zum selben historischen Zeitpunkt in der westlichen Welt in Erscheinung getreten. Selbstverständlich könnte man einwenden, dass sie sich bis zu den alten Griechen und Sappho zurückverfolgen lassen, doch taucht das moderne Phänomen der Frau, deren Identität (und nicht nur ihr Verhalten) homosexuell ist, in Westeuropa und den Vereinigten Staaten erst im ausgehenden 19. und 20. Jahrhundert auf.
(Zitat aus dem 1992 in London erschienenem Buch „Vampires & Violets. Frauenliebe und Kino“, von Andrea Weiss, Kapitel 1.)
Frauen, die öffentlich und ohne die „drohende Ehe im Nacken“ andere Frauen lieben und mit ihnen wie „Mann und Frau“ zusammenleben, Sex haben und auch gemeinsam Kinder großziehen können, sind also eine relativ neue Erscheinung/Entwicklung in der Menschheitsgeschichte und eng mit der Frauenemanzipation (z. B. Wahlrecht, Recht auf Abtreibung und Berufstätigkeit) verbunden. Ganz praktisch wurde mir dieses vor Augen geführt, als ich mal zwei Jahre in einer arabischen Kulturinstitution gearbeitet habe. Als einzige Deutsche unter lauter IrakerInnen, konnte ich mich daher nicht mit anderen Deutschen zusammen absondern, sondern „war gezwungen“ mich auf das Fremde und Neue völlig einzulassen. Und dazu gehörte auch, dass ich mich mit mehreren Frauen angefreundet habe, sie zu Hause besucht und auch gemeinsam mit ihnen in den Urlaub gefahren bin. Und dort wurde ich dann, von unterschiedlichsten Frauen aus den verschiedlichsten Gründen auch nach der „lesbischen Liebe“ (aus)gefragt. (Keine wusste übrigens, dass ich lesbisch bin.)
Von Haze z. B., mit der ich zusammen an die Ostsee gefahren bin und die mich dort am ersten Morgen am Frühstückstisch Folgendes gefragt hatte: „Sag mal Claudia, was bedeutete es eigentlich bei euch, wenn eine Frau zu eine ander Frau „ich liebe dich.“ sagt? (So hatte eine deutsche Frau, in dem Verein in dem sich sich zusätzlich angagierte, sich ihr offenbart.) Sie guckte mich hilflos und mit ganz großen Augen an, denn sie hatte den Unterschied zwischen freundschaftlicher und sexueller Liebe, selbst nach endlos langen Diskussionen mit ihren Freundinnen (alles gestandene und berufstätige Frauen um die 40 bis 50), nicht wirklich verstanden.
Dann kam Madjida, die mich auf dem „Fest der Kulturen“ angesprochen hatte, aus einer angesehenen irakischen Künstlerfamilie stammte, mit einem deutschen Akademiker verheiratet war und die dann nach ihrer Scheidung einfach deutsche Freundinnen oder eine Gruppe von Frauen suchte, um sich hier nicht so einsam zu fühlen und dabei feststellen musste, dass fast alle diese Frauenzusammenschlüsse (vor allem in Berlin) lesbisch (und kerlig) sind.
Und schließlich gab es noch Ikram, die im Irak mal sehr reich verheiratet und mit ihren 55 Jahren immer noch unglaublich attraktiv war, in politischen (und auch privaten) Wirren mit ihren drei Kindern geflohen, schlimme Dinge erlebt, und sich in Berlin dann das lesbisch-schwule Stadtfest angeschaut hatte. (Die Frauen dort haben ihr aber nicht sonderlich gefallen, sie hatte sie als zu unweiblich nicht körperlich/sinnlich genug empfunden.) Und auch sie verstand es nicht, denn trotz einiger heimlicher und schon im Irak ausgelebter Affaire mit Frauen, schien sie dieses „Lesbischsein“ aber als eigenständige Lebensform (ohne Mann und Kinder) nicht wirklich zu kennen.
Sie alle kannten es nicht, diese Identität des Lesbischseins, weil in der arabischen Welt die Uhren noch anders und in einem anderen (Geschichts-)Zeitalter zu ticken scheinen. Die Frau ist dort noch mehrheitlich der häuslichen Sphäre zu geordnet (Kinder, Küche, Kirche), und der Mann bringt dann das Geld heran, macht die Politik und agiert an der Öffentlichkeit. Frauenliebe (und auch die Männerliebe) ist also mehr eine kulturelle alsdann biologische (Tat)Sache, denn je höher entwickelt eine Gesellschaft wird, desto mehr entkoppelt sie sich von der Natur und wird zur Kultur. Und das gilt auch für die zwischenmenschlichen Beziehungen. Denn warum sollten ausgerechnet für alle Ewigkeiten Mann und Frau zusammengehören, etwa weil sie zufällig beide beim Zeugungsakt zusammen sein müssen? Wir kochen ja auch nicht mehr über dem Lagerfeuer, kleiden uns in Felle oder wohnen in dunkel muffigen Höhlen. Also.
Sowie die Frauenliebe aber eng mit der Frauenemanzipation verbunden, so ist die Frauenemanzipation auch unlösbar an die Menschwerdung der Frau gekoppelt. (Weg vom reinen Tierweibchen, das nur für die Nachkommenschaft zuständig ist und hin zum Kulturwesen, dass auch die Zukunft mitgestalten kann.) Und als FrauMensch will sie dann oft lieber ebenfalls einen FrauMenschen als einen MannMenschen an ihrer Seite habe, da FrauMenschen und MannMenschen (trotz oft gegenteiliger Behauptungen) sowohl körperlich als auch emotional seelisch verschieden sind.
Aber dieses wäre natürlich sehr gefährlich weil es die Gesellschaft, so wie sie heute ist, grundlegend verändern würde. Und Männer haben u.a. Angst die Kontrolle/den Besitz über die Frauen und somit über die Kinder(produktion) zu verlieren, da sie selbst biologisch dazu (zum Kinder kriegen) nicht in der Lage sind. Und um die so gefährliche unabhängige Frauenliebe zu unterbinden, wurden daher schon die verschiedensten Abschreckstrategien entwickelt. Von Pathologisierung:
Die Jahre zwischen 1890 und 1910 werden von Historikern mitunter als eine Art Wendepunkt im Bereich der Sexualtheorien betrachtet, von dem aus sich die moderne Auffassung von Homosexualität und Lesbianismus herausbildete. [...] Dabei ergab sich ein neues Wertesystem: man zog nun eine Trennungslinie zwischen normaler/natürlicher Sexualität und abweichender/unnatürlicher Sexualität. Hatten die früheren Unterscheidungen zwischen reproduktivem und nicht-reproduktiverem Sex die Betonung auf den Sexualakt gelegt, beschrieben die Kategorien „normal“ und „abweichend“ nun die Identität des den Akt ausübenden Individuums.[...] Verschiedenen feministische Historikerinnen, unter ihnen auch Smith-Rosenberg, behaupten, die Sexualforscher, insbesondere Havelock Ellis, seien verantwortlich dafür, dass die viktorianische weibliche Welt des 19. Jahrhunderts in die Brüche gegangen sei, weil sie die romantischen Frauenfreundschaften pathologisiert hätten.
(Zitat ebenfalls aus „Vampires & Violets. Frauenliebe und Kino“, Anmerkung zu Kapitel 1.)
Über Vereinnahmung (Lesbenpornos für Männer) bis hin zu der penetranten Heteropropaganda in den heutigen Medien (alle weiblichen Promis werden ständig mit Freund gezeigt) war/ist die Abschreckpalette bunt gefächert und kommt immer wieder in anderen Verkleidungen daher. Aber dennoch halte ich sie, sowohl die Weib-weibliche als auch die Mann-männliche Liebe und Lebensgemeinschaft, für eine kulturelle Weiterentwicklung und somit für die Zukunft.
Nachtrag 1: Ich denke, dass zu der Zeit der Pathologisierung (durch Sexologen) u.a. auch die vermännlichte Lesbe geschaffen wurde, erst als wissenschaftliche Ärztetheorie, dann als Rolle, die von den Frauen in Ermangelungen anderer (Rollen) Alternativen übernommen wurde. Und über das Phänomen der romantischen Frauenfreundschaften im 19. Jahrhundert kannst du HIER nachlesen.
Nachtrag 2: Und ich halte es Übriges auch für keinen Zufall, dass ausgerechnet im alten Griechenland die schwule und auch lesbische Liebe zum ersten Mal in Erscheinung trat und auch benannt wurde. Denn dort war eine Hochkultur und die Wiege unserer westlichen Welt.
Nachtrag 3: Und wer noch mehr auf unserem Blog zum Thema muslimische Frauen und lesbische Liebe lesen will, klicke HIER
Habe gerade was ganz passendes zu diesem Artikel gefunden:
Neues Buch von Seyran Ates:Buch „Streitschrift“: „Muslime akzeptieren den Pluralismus nicht.“
Die deutsche Muslimin Seyran Ates provoziert nicht nur Gegner mit ihrer Forderung nach einer sexuellen Revolution in der islamischen Welt – selbst Freunde zeigen sich geschockt.
http://jetzt.sueddeutsche.de/texte/anzeigen/488065
An der (selbstbestimmten) Sexualität der Frau lässt sich eben der Entwicklungsgrad einer Gesellschaft ablesen…
@claudia
Die Seyran Ates sieht auch aus wie ein Kritische und vorallem wache und Kämpferische Frau aus.
Und mir ist es peinlich ich wähle immer die Grünen wobei die ja auch die Queere Schwule Männerwelt vertreten und auch das Kopftuch beführworten.
Also ich wähle nicht mehr.
Aber die Seyran ist verdammt mutig!
Das zeigt eindeutig was mit Frauen geschieht die sich richtig zur Wehr setzen.
Ich glaube, dass die Musliminnen in den arabischen Ländern schon ganz anders aufwachsen. Z.B. bei Hochzeiten: Männlein und Weiblein feiern getrennt, die Frauen machen sich offiziell für die anderen Frauen schön, mit allem drum und dran, die Bauchtänzerin tanzt für die Frauen, die Damen umarmen sich und machen sich Komplimente und kein störender Mann dazwischen!! Es soll so sein, dass frauen mit Frauen und Männern mit Männern zusammen sind, bis auf bestimmte Dinge natürlich und die Ehe an sich.
So ist es total klar, dass sich Erotik unter den Frauen ungehindert ausbreiten kann – meine freundin hat mir mal gesagt, dass in Arabien Frauen natürlich auf der straße Händchenhalten. Hallo, sie lieben sich!! aber natürlich nicht lesbisch, das Wort Liebe wird auf Arabisch etwas großzügiger benutzt als bei uns… mein Einwand, dass ich keine lust hätte, mit einer frau Händchen zu halten, in die ich nicht verliebt bin, blieb dann unkommentiert. Es ist alles Definitionsache…
@arabella
Aber ganau das sit es ja was du sogar selber sagst.
Die meisten Frauen wollen sogar mit Frauen zusammen sein und sind es auch!
Und es geht um diese Bestimmten Dinge und damit auch die Ehe die allermeistens nur zwischen Frau und Mann sein darf und da spreche ich von allen Ländern und Kulturen der Welt!Denn genau das ist das Problem denn den Frauen wird weltweit Ihr Recht auf absolut freie Liebe geraubt!
Hast su dir nie diese Frage gestellt?
Warum muss die Frau überhaupt heiraten?
Was ist das Heiratsystem?
ist es nicht ein Männersystem?!
Warum kann eine Frau nicht ganz normal ohne jegliche begründig ganz offiziel mit einer Frau zusammen sein und ohne spätere Eheverpflichtung oder Freund also irgenwelcher Form überhaupt einen Mann sowohl in Gegenwart als auch in Zukunft oder sonstigen Lebenszeiten haben zu müssen?
Möchtest du nicht in Ewigkeit mit deiner Freudin zusammenbleiben also so lange eben wie eure Beziehung hält und dann kannst du ja eine andere Frau finden?!
Du kannst sowohl Kindelos wie Kinderreich mit deiner Freundin oder besseres Wort Lebenspartnerin/gefährtin leben!
Ist deine Liebe zu deiner Freundin nicht gleichwertig mit der Liebe die „hetero“oder eben hetero bi..ect.Frauen
füreinander empfinden und leben?
Wenn sie gleichwertig ist deine Liebe zu deiner Freundin dann darfst du auch ewig mit deiner Freundin zusammensein oder?
Auch ohne irgendeinen Mann in eurem Leben sondern nur Ihr beide!
Es seidenn Ihr wollt es freiwillig so das Ihr eben Männer mögt und gleichzeitige Beziehungen führt.Dann ist es ein anderes Thema!
Aber möchtest du nicht für immer oder solange wie eure Liebesbeziehung hält mit deiner Freundin zusammensein?
@arabella
Also ich finde es sehr schade das viele Frauen sich damit begnügnen als „jugendsünde“oder junge Frauen Beziehungen zu Frauen haben zu dürfen aber später dann fast schon gezwungen werden mit einem Mann zusammenzusein zu müssen.
Denn eine Schwule Mann geprägte Welt möchte ungerne das sich eine eigene Frauenkultur entwickelt.
Es mag bestimmt auch Männer geben die es beführworten würden das Frauen Ihre eigene kultur erschaffen dürfen.Aber trozdem muss ich mich für mein empfundenes nicht rechtfertigen.
Denn ganu darum geht es;)
Weißt du, ich kann leider nicht die arabisch-muslimische Gesellschaft verändern (es gäbe ein paar Verbesserungsvorschläge). Natürlich sehe ich es so wie du. Ich wollte nur sagen: Weibliche Erotik untereinander ist dort im eigerntlich heterosexuellen Kontext völlig normal. Ich habe nur beschrieben, nicht gewertet.
Mal was anderes, weil oben von Frauenliebe im Kino die Rede war: wart ihr schon in Vision (Hildegard von Bingen)? Ich empfehle es euch dringend, habe seit Mädchen in Uniform nicht mehr so schön gesehen, wie sich eine Schülerin in ihre Lehrerin verliebt, dies erwidert wird und die Lehrerin absolut ausrastet, als die Schülerin gehen muss..
Claudia, Sophia, ihr Bloggerinnen, schreibt doch mal drüber!!
@arabella:
OK, werden uns mal den Film anschauen gehen…
Absichtlich provokativ: Wären zwei oder mehr arabische Frauen mit ihrer heimlichen Liebe, die gemeinsam kochen, die Kinder versorgen, sich über Gott und die Welt unterhalten, Zeit finden, ihre Interessen zu pflegen und sich auch noch sexuell zu lieben (seis auch im Verborgenen), während sich die Männer da „draußen in der Welt“ für die beiden und den Nachwuchs abstrampeln, einem blöden Job nachgehen, ihre Gesundheit, Zeit, Kraft, ihr Denken im entwickelten oder sich gerade entwickelnden Kapitalismus dem Profit irgendeines Konzerns in den Rachen werfen, nicht besser dran als die beiden deutschen Frauen, die sich fortschrittlich zusammentun und dann doch nur wieder gezwungen sind, dass mindestens eine von ihnen oder beide ihr Leben, ihr Wünschen, ihre Gedanken der Arbeitswelt zum Fraß vorwerfen? Vorsicht – ich sage nicht, welche der Varianten ich für akzeptabel halte oder nicht, aber aus dem Text spricht so ein überlegenes: Ja, ja, die sind dort noch ein bisschen rückständig, da haben wir schon den größeren Durchblick. Daher mein Denkanstoß, doch auch mal die eigenen Positionen in Frage zu stellen.
Ist die angeblich männliche Welt, die wir erobern wollen, wirklich so erobernswert? Ist der gut bezahlte und gesellschaftlich anerkannte, aber hirnrissige Job, der Konkurrenzkampf ständig und gegen jeden wirklich das, wohin ich als Frau kommen möchte? Muss ich mich erst dahin eingliedern und mich so verhalten wie ein „Mann“, damit ich die Welt dann ändern kann? Und kann ich sie dann noch ändern, oder aber habe ich dann mein Potential zur Utopie schon verloren?
Carenita. Nein hier ist die Situation alles andere als ideal und die Arbeitswelt (so wie sie heute ist) für Frauen teilweise sehr unerträglich. Aber verheiratet und dem Mann „Sexuell zu Diensten“ sein zu müssen (wie die arabischen Frauen), halte ich auch nicht für so toll. In Sophias Artikel über die Romantischen Freudschaften haben wir das Problem auch zu Schluss angesprochen. Und wenn die Frauen mehr in den öffentlichen Raum drängen (also weg von reinem Kindern und Herd) muss sich natürlich auch die Arbeitswelt ändern, denn wie sie heute ist, ist es eine reine Männerwelt und die Frauen sollen darin zu einer Art Mann werden. Es geht also nicht um entweder-oder, sondern es muss etwas völlig Neues geschaffen werden. Gute Artikel schreibt dazu (natürlich ohne den lesbischen Aspekt) auch Antje Schupp auf ihrem Blog. z.b. http://antjeschrupp.com/2009/10/27/arroganz-lernen-ja-arrogant-werden-nein/
Und ja da sprichst du noch ein Problem an: Wenn man in der Arbeitswelt mitmacht, hat man vielleicht irgendwann Einfluss – ist aber dann so brainwashed, dass einem die Utopien völlig verlorengegangen sind. Wenn man sich andererseits völlig raushält, hat man keine Macht Veränderungen bewirken zu können. Ein Mittelweg könnte die Lösung sein.
Ich persönlich habe weder die Karriere noch den Mann gewählt, und dafür den sehr hohen Preis des sozialen und finanziellen Unsicherheit/Außenseitertums bezahlt. Nicht so schön. Das habe ich nätürlich nicht so bewusst gemacht, aber ich fand beide Wege (die Karriere und die Ehe) für mich nicht gehbar. Es sind beides Männerwelten.