Unter „Gaydar“ versteht man in (szene-)lesbischen Zusammenhängen gewöhnlich eine lesbische Frau anhand ihrer Kleidung, Frisur, Schmuck usw. zu erkennen. Hat sie den typischen fransigen Kurzhaarschnitt, trägt sie einen Ring am Daumen oder eine kleine Regenbogenfahne an der Tasche als Erkennungsmerkmal – das sind die Dinge auf die (die intuitiv oft nicht sonderlich begabten) Szenelesben besonders achten. Meiner Meinung nach geht es dort aber lediglich darum Mitglieder einer „Szene“ zu identifizieren und hat mit intuitivem/radargleichem „frauenliebende Frauen erkennen“ nicht wirklich viel zu tun.
Mein Gaydar funktioniert da ganz anders. Hier ein paar Beispiele, woran man frauenliebende Frauen erkennen kann:
- Als erstes kommt immer die Aura/Ausstrahlung einer Frau. Klemmlesben haben lebendigere und seelenvollere Augen als die Durchschnittsfrau. Eine Art Energie strahlt durch sie hindurch (Charisma), sie offenbart eine Mischung aus Stärke und Verletzlichkeit (das macht ihre Attraktivität aus).
- Dann das Verhalten: Eine Frau, die sich schon mal mit Frauen eingelassen hat (oder mit dem Gedanken spielt), erwidert z.B. mehrmals den Blick und schaut sich auch die Figur der anderen an (das ist so ein kurzer „Von Kopf bis Fuß Scan-Blick“). Sie kann einem sehr lange und direkt in die Augen schauen, sie ist also mehr Subjekt als andere Frauen (d.h. sie begehrt selbst und will nicht immer nur die Begehrte sein).
- Sie redet weniger von Männern und zerbricht sich mehr über andere Frauen den Kopf. Sie hat manchmal ein ganzes Netzwerk an Freundinnen, die attraktiv sind (oft attraktiver als sie selbst), so nach dem Motto – trifft man eine Klemmlesbe, dann findet man auch die anderen.
- Sie ist sehr weiblich und schwärmt z.B. für Sängerinnen, Tänzerinnen und Schauspielerinnen, sie interessiert sich für Mode und betet den weiblichen Körper an.
- Sie ist völlig in ihre Tochter verliebt, oder sie lebt in einer Symbiosebeziehung mit ihrer Mutter.
- Sie hat Beziehungen mit (klemm-)schwulen Männern gehabt.
- Sie hilft manchmal beruflich anderen Frauen und hält die Emanzipation für wichtig. (Ihr gruselt es aber bei den Wörtern „Feminismus“ und „lesbisch“ – da sie diese mit kerligen und unattraktiven Frauen verbindet.)
- Sie ist Mitglied in irgendwelchen Vereinigungen, wo sie die Möglichkeit hat andere Frauen kennenzulernen , z.B. in der Kirche, im Ballett/Tanzkurs oder im Chor.
Das ist natürlich ein Typ „Frau“ der sehr selten vorkommt und beschreibt auch eher die kultivierteren/gebildeteren Klemmlesben, oft aus der oberen Mittelschicht kommend. An sich sind natürlich sehr viele Frauen frauenliebend, aber es gibt da definitiv Unterschiede. Es gibt Frauen, die einfach stärker begehren als andere. Und Frauen, die nicht so gebildet sind sublimieren weniger ihr Begehren und bekommen den Schritt zur Sexualität mit einer anderen Frau eher mal hin.
Als Regel kann man sagen: je gebildeter eine Frau ist, umso schwieriger ist es für sie Sinnlichkeit mit einer anderen Frau zuzulassen. Da die patriarchale Kultur latent schwul geprägt ist, zielt sie nämlich genau auf das Gegenteil der Frauenliebe ab: Man(n) soll sich möglichst von seiner Abhängigkeit zur Frau/Mutter lösen um ein männliches Kulturwesen werden zu können… (Das ist auch schon ein neues Thema.)
Oh mein Gott, ich habe doch ein Gaydar!
Solchen Frauen begegne ich manchmal und ich springe total auf sie an.
Mit Szenelesben kann ich nicht wirklich was anfangen, ich steh auch auf sehr weibliche, gebildete Frauen. Leider sind die Klemmlesben viiiel schwerer zu kriegen.
Ich hab noch ein Klemmlesben Erkennungsmerkmal:
- Sie sind sehr körperbezogen und berühren andere Frauen so betont beiläufig (Hand auf den Arm) oder überziehen diese typischen Frauenbegrüßungen etwas: Man wird stärker gedrückt bei der Umarmung und Küsschen links und rechts sind näher an der Haut/Mund
Also, ich glaube, der Artikel hilft mir auf meiner Suche nach Gleichgesinnten echt weiter.. dann habe ich nämlich auch ein Gaydar, dem ich bisher nur nicht getraut habe..
Der Artikel ist sehr schön und ich habe ihn mit einem Schmunzeln gelesen, jetzt weiß ich wenigstens, warum ich immer so ein glückliches Händchen habe, was die Auswahl meiner Freundinnen betrifft – scheint, ich habe auch ein „Gaydar“.
Was mir nicht so gefällt, ist der Ausdruck „Klemmlesbe“. Das klingt so, als wäre man erst nicht mehr verklemmt oder sich selbst gegenüber ehrlich, wenn man sich zur ungepflegten Kurzhaarlesbe gewandelt hat, die andere Frauen nicht mehr mit einem nett anerkennenden Blick von Kopf bis Fuß streift, sondern sie mit dem Macho-Blick taxiert wie Vieh auf dem Markt (leider in Lesbenclubs schon erlebt und da nie wieder hingegangen).