Der Mann liebt die Frau und die Frau will den Mann – das ist die übliche Lovestory an die wir alle gewöhnt sind. Wir sehen sie jeden Tag im Fernsehen, im Kino und Hollywood hat daraus einen regelrechten Kult gemacht. Keine Geschichte (mag sie auch so vielversprechend anfangen), die ohne dieses obligatorische „Boy meets Girl“ Ding auskommt, ja regelrecht auf sie hinsteuert, der finale und alles beherrschende Höhepunkt. Vorhersehbar und ohne Platz für alternative Beziehungsmuster und überraschende Wendungen. Wie gesagt, wir alle sind daran gewöhnt und auch daran, dass selbst historische Persönlichkeiten nach diesen Maßstäben gemessen und gesehen werden. Jüngstes Beispiel ist der von Julie Delphi gedrehte Film „Die Gräfin“, über das Leben der Gräfin Erzébet Báthory. Und wie kaum anders zu erwarten, wird auch sie nur auf das angebliche „Blutbaden des Jugenderhalts wegen“ reduziert, ihr (in den historischen Quellen kaum erwähnter) Ehemann wird in den Mittelpunkt des Geschehens gehoben, und noch ein männlicher Diener hinzugepackt, der eigentlich eine Dienerin war (Dorkó), mit dem sie quasi im Rahmen einer Affaire dann zusammen alle Mädchen gefoltert haben soll. Der doch so offensichtliche lesbische Hauptaspekt ihres Tuns und Seins wird gänzlich außer Acht gelassen, denn eine Frau kann nur mit einem Mann zusammen zu solch grausamen Taten fähig sein (wenn überhaupt), sie wird zwangsheterosexualisiert und somit machtlos gemacht. (Wer mehr dazu lesen will: „War die Blutgräfin Báthory lesbisch?“ unter der Kategorie „Frauen“)
Und so ergeht es wohl einigen weiblichen historischen Persönlichkeiten, sie werden rein heterokonventionell gedeutet, und wenn da etwas nicht in den Rahmen passt, wird es einfach ignoriert und passend gemacht. Ein schönes Beispiel sind hierfür auch die beiden Herrscher der K. und K. Monarchie, König Ludwig von Bayern (1845-1886) und Kaiserin Elizabeth von Österreich-Ungarn (1837-1898) – besser bekannt als Kaiserin Sissi. Und ja Sissi wer kennt sie nicht, und wer denkt da nicht sofort an schöne Frauen in fantastischen Kleidern, an rauschende Bälle und galante Herren, die Liebe und natürlich an Romy Schneider. Aber an Frauenliebe denkt da wohl kaum einer. Ganz im Gegenteil zu König Ludwig, der mittlerweile fast schon zu einer schwulen Kultfigur geworden ist und ganze Busladungen zu Schloss Schwanstein und in das gleichnamige Musical gekarrt werden. Aber war Kaiserin Elizabeth denn wirklich so Männerliebend wie immer angenommen? Ich habe mich mal ein bisschen „schlau gelesen“ und bin teilweise auf Erstaunliches gestoßen: (Quelle: „Elisabeth. Kaiserin wider Willen“, von der Historikerin Brigitte Hamann)
Der Kaiser Franz Joseph hatte, mit feschen 23, die 16jährige Bayern-Prinzessin Sisi ins Habsburger Reich geholt – eine Liebesheirat? Der Wechsel vom fidelen Bayern-Hof in die starre Traditionsgruft Wien nagte rasch an der Jungmädchenblüte. Sisi, die Heine liebte und unentwegt dichtete, schrieb: „Ich bin erwacht in einem Kerker, / und Fesseln sind an meiner Hand.“
Die Ehe war erst in der dritten Nacht vollzogen worden, der Degout gegen Sex blieb und floss in Reime: „Für mich keine Liebe, / für mich keinen Wein; / die eine macht übel, / der andere macht spei’n!“
Sisi ging bald eigene Wege, kutschierte in der Welt umher. Nach der Geburt des vierten Kindes schloss sie den Ehehafen; der Kaiser kratzte nächtens vergebens an ihrem Boudoir.
Und es wird über sie auch berichtet, dass sie (nachdem sie ihren Gatten endgültig von der Bettkante gestoßen hatte) sich vollkommen dem Dichten, dem Diätwahn, Schönheitskult (vor allen ihre Haare), dem Reiten und Sport gewidmet hat. „Um ihre Figur zu erhalten und wegen ihrer inneren Unruhe unternahm sie täglich kilometerlange Gewaltmärsche im Eiltempo, bei denen ihre Hofdamen regelmäßig kaum mithalten konnten. Außerdem gab es in jedem ihrer Domizile Turnzimmer mit verschiedenen Geräten, mit Ringen, Reck und Hantel. In den Räumlichkeiten der Wiener Hofburg sind die Turngeräte auch heute noch zu besichtigen.“ (Quelle: Wikipedia)
So weit so gut. Ob sie jetzt wirkliche und ausgelebte lesbische Affairen (z. B. mit ihren Hofdamen) hatte, geben die Quellen (Briefe und Gedichte) zwar nicht unbedingt preis, dafür offenbaren sie aber den großen Drang nach einem selbstbestimmten Leben und die eher geringe Begeisterung für das andere Geschlecht. Und das ist für eine Frau der damaligen Epoche schon recht viel. Aber was wir hier finden, ähnlich wie bei Gräfin Báthory, ist die ewig gleiche und konventionelle Deutung ihres Tuns. Alles, das besinnungslose Reiten, der ewige Sport und Diätwahn, der Schönheitskult und die leidenschaftliche Pflege ihres Körpers und Haars, wird narzisstischen Beweggründen zugeordnet. Sie ist eine Frau und will eben gefallen. Aber wem will sie eigentlich gefallen, den Männern von denen sie nichts mehr wissen will? Sich selbst, in endlosen Stunden vor dem einsamen Spiegel? Und wozu? Wohlmöglich wollte sie in ihrem eigenen Antlitz und der Schönheit – nur das schöne Gesicht einer anderen Frau erkennen, die sie real sich nicht zu begehren traute. Diente gar das Reiten, der Sport und der Diätwahn, der Bestätigung ihrer neu gewonnen Freiheit und der Bannung der Dämonen jener aufgezwungenen Schwangerschaften? (Denn wenn eine Frau sich das Kind in ihrem Inneren nicht wünscht, wird sie von fremden Mächten angefüllt, ihr Leib schwillt grausam und scheint ihr nicht mehr richtig zu gehören. Und was ist da folgerichtiger, als Diät zu halten, um ein erneutes Anschwellen für immer zu verhindern.)
Darüber könnte mal nachgedacht werden und auch darüber, dass man an historische Frauengestalten oft nicht mit den gleichen Kriterien rangehen kann wie an Männer. D. h., man wird dort viel weniger eindeutige Beweise für das Frauenlieben finden, denn Frauen sind/waren immer noch viel zu sehr damit beschäftigt sich als menschliches Wesen zu behaupten (also nicht dauernd schwanger zu sein und so) – um die Freiheit einer lesbischen/gleichgeschlechtlichen Liebe in jedem Falle auszuleben zu können, wie es z. B. König Ludwig tat. (Und auch für ihn war es schwer.) Aber eines ist zumindest sicher, als heterosexuelle Projektionsfläche und Vorzeigekaiserin taugt Sissi auf keinen Fall. Dazu war sie viel zu widersprüchlich und lehnte sich, wenn auch nicht so auf den ersten Blick ersichtlich, zu sehr gegen das Gefängnis des FrauSeins auf.


Klar, das stimmt was du sagst; die wenigen Frauen, die es in der Historie zu etwas Berühmtheit gebracht haben, werden in unserer heterosexuellen Gesellschaft auch so gedeutet.
Und selbst wenn Sisi etwas mit einer ihrer Hofdamen gehabt hätte: natürlich hätte sie alle ewaigen Beweisstücke (Briefe..) vernichtet. Hätte ich an ihrer Stelle auch gemacht.
Warum ist es eigentlich so, dass wir versessen darauf sind, lesbisches Begehren in der Vergangenheit zu finden, zu beweisen, dass es das gab (natürlich!!)?
Gibt uns das Bestätigung?! Ich habe mal eine ganze Biografie lang versucht rauszufinden, ob die Andeutungen, die der Autor macht, darauf schließen lassen, dass meine Lieblingsschriftstellerin (19.Jhdt) lesbisch war. Sie wars wohl. Natürlich fühle ich mich ihr dann näher, und vor allem: wie einsam muss sie sich gefühlt haben! So einsam wie Sisi…
Hallo Arabella: Wir versuchen es rauszufinden weil es uns eine Art festen Grund gibt, auf dem wir die Zukunft aufbauen können und damit wir uns nicht so alleine in der Geschichte fühlen, so wie eine Pflanze ohne Wurzeln. Und welche Schriftstellerin aus dem 19. Jhd. meinst du denn?
Ich meine Emily Bronte, die Frau, die Wuthering Heights „Stürmische Höhen“ geschrieben hat. Das ist mein Lieblingsroman, handelt von einer (hetero-)Liebesgeschichte, die sozusagen den Tod überdauert… ich könnte jetzt seitenweise über ihre seltsame Biographie schreiben, aber wenns Dich interessiert, googel sie halt.
Du hast wahrscheinlich recht mit der Pflanze ohne Wurzeln…
Ich weiß nicht ob Emily Bronte lesbisch gewesen ist, aber sie war eine Frau, die den Anspruch aufs Menschsein erhoben hat – und da ist das Frauenlieben oft nicht mehr so fern. Kennst du übrigens den Song „Wuthering Hight“ (1978) von Kate Bush?
Klar kenne ich das Lied. Hey, du kennst Dich ja aus. Sie schrieb: „I wish to be as god made me.“ Das wollen wir alle…
Aber echt, viele Leute wissen gar nicht, wer sie ist.
Ich glaube, dass es Männern noch heute leichterfällt, ihre Homosexualität auszuleben, als Frauen ihr Lesbischsein.
1. Frauen sind bis heute angepasster und braver
2. Bei Männern dreht sich viel um Sex, und der darf auch mal
fast and dirty sein, bei (vielen) Frauen muss es Liebe sein
und die findet sich nicht so leicht…
3. Männer sind im Durchschnitt selbstsicherer als Frauen.
Da kann frau schon neidisch werden… oder kannst du dir eine Frau des öffentlichen Lebens vorstellen, die sagt:“Ich bin lesbisch und das ist auch gut so!“? Nein, da wird geschwiegen oder sich einmal diskret geoutet wenns nicht anders geht und dann wieder in der Versenkung verschwunden. Hm.
Ich habe noch ein ganz süßes Video von Kate Bush gefunden und schaue mal, wie sie diese bulgarische Sängerin ganz verliebt anschaut… Das könnte man übrigens als gutes Beispiel dafür nehmen was Klemmlesben sind, also diese so oft unausgelebten Gefühle für andere Frauen.
Wie zeigst Du einer Frau denn, dass Du sie mehr als nur nett findest? Und du nicht weißt ob sie lesbisch ist?
Vielleicht bin ich auch eine Klemmlesbe, aus den oben genannten Gründen.
Ein sehr schwieriges Thema, am Besten ist es der Frau sehr viel Aufmerksamkeit zu schenken und dann merkt sie es meistens von alleine. (Sie sieht es in deinen Augen) Und ich würde den Kategorien Lesbisch und Hetero auch nicht so viel Aufmerksamkeit schenken denn, so meine Erfahrung zumindest, wenn ich mich in eine Frau verliebe kommt von ihr da auch etwas zurück. Ob es dann klappt ist wieder eine ganz andere Sache denn, wie du schon geschrieben hast, Frauen sind halt oft feige.