Ich habe hier eine Kurzgeschichte von Marlene Stenten aus ihrer Erzählungensammlung „Die Brünne“ hereingebracht, da sie sehr schön das lesbische Kontinuum aufzeigt.
„Grünkohl“ handelt von dem jungen Mädchen Therese, welches jahrelang die Hausärztin Minna Bretteis verehrt, die die ganze an Tuberkulose erkrankte Familie behandelt. Auch die Mutter schwärmt für die apparte ältere Dame und wird eifersüchtig, als sie spürt, dass zwischen ihrer Tochter und der Ärztin mehr als nur ein ärztliches Verhältnis besteht.
Als Therese eines Tage wieder zur Behandlung bei Minna in der Praxis ist, fällt diese unter dem Einfluss von Morphium über sie her…
Therese ist außerdem eifersüchtig auf die langjährige Freundin von Minna, der Tochter einer schwerreichen Geschäftsfamilie, Vera Wast-Sogel-Perenboom, mit der Minna jeden Sonntag zusammen malt – zwischen beiden existiert aber scheinbar kein sexuelles Verhältnis.
Ich denke, dass Minnas Übergriff auf Therese ein Akt der sexuellen Frustration ist, da sie an ihre Freundin Vera nicht herankommt, welche sie ebenso sehr verehrt. Es geht in dieser Geschicht also nicht nur um das Verhältnis zwischen Therese und der Ärztin, sondern es werden mehrere Frauenbeziehungen dargestellt, die miteinander zusammenhängen.
Grünkohl
Wenn Minna kam, zog meine Mutter mir immer Seidenwäsche an, die mein Vater aus dem Feld geschickt hatte. Das Feld war das 257. Divisionsverpflegungsamt in Perpignan, 1943-45. Mein Vater sagte Perpischnan. Also zog von 1946 bis etwa 1949 meine Mutter mir ihre seidenen Nachthemden, Unterhemden und Unterröcke und Schlüpfer über. Wenn Minna ihren Hausbesuch angemeldet hatte, vormittags oder nachmittags, und die Klingel ging, schrien wir alle: „Et Minn kommt!“ Im fünften Stock wohnten wir, und es dauerte, eh Minn’ oben war. In dieser Zeit konnten wir die Stühle leerfegen von unseren Kleidungsstücken, von möglichen Essensresten. Wir warfen Schuhe und etwas Unrat aus dem Weg unter die Couch und den Schrank, wir fuhren uns mit dem Reiniger unter die Fingernägel.
Minna war eine hochinteressante Frau. Sie hatte eine tiefe Stimme, war dürr und knochig. Noch 1946 trug sie ihr gelbweiß gekrolltes Haar als sogenannte Alles-nach-oben-Entwarnungsfrisur unter einem purpurnen Turban. Ein Relikt aus dem Krieg. Schön, meine Mutter und andere Frauen sind auch noch eine Weile so gegangen. Das, was mir immerzu nachging, waren Minnas blaue Augen. Und sie hatte auch tatsächlich nur Augen für mich. Elf Jahre war ich da alt. Minna war unsere Hausärztin.
Es war gut, dass meine Mutter damals eimerweise Blut spuckte, so musste Minna oft ein paarmal die Woche kommen, auf jeden Fall aber durchweg einmal die Woche. Ich lag auch manchmal danieder, hatte einen hartnäckigen Husten. Ach, war ich selig, wenn ein Herbst- oder Frühlingswind ging, denn dann riss es mich meistens auf der Brust. Lag ich dann da, war im allgemeinen meine Mutter auf. Meine um sechs Jahre jüngere Schwester aber lag zumeist mit mir gemeinsam flach, wohingegen meine um zwei Jahre ältere Schwester sich allzeit wacker hielt. Als sie aber zwanzig war, stellten die Ärzte durch Zufall auch bei ihr diverse Kalkschwarten, d. h. Vernarbte Tuberkelprozesse fest. Die ganze Familie war da mal ein bisschen verseucht.
Stand Minna also vor meinem Bett und horchte mir an der Brust und Lunge. Berührte flüchtig mein blaublasses Seidennachthemd, das abgelegt neben mir lag, und dann aber, sorgfältig meinen Bauch. Fuhr dort, mit ihren Sensefrauhänden noch etwa verstecktem Husten suchend?, nein beschwichtigend rauf und runter. Und meine Mutter, chronisch asthmakrank seit ihrem ersten Kind, meiner älteren Schwester, schaute zu und rauchte dabei. Eine amerikanische Zigarette zu vier Reichsmark. „Ach, Frau Schwedt“, sagte Minna, „müssen Sie denn nun immer piefen? Das ist doch Gift für Ihre Bronchien.“ Und pieft aber selbst dabei. Während sie mich durchwalkt, zieht sie zwischendurch an ihrem Glimmstengel. Minna hatte übrigens selbst mal Asthma und hat sich das selbst ausgetrieben.
Meine Mutter schwärmte für Minna. „Et Minn ist eine tolle Frau“, sagte sie. „Aber ich möchte nur mal wissen, wie alt sie ist. Schon die achtzigjährige Fräulein Brock, Bebchens Haushälterin (Bebchen war die ältere Schwester meines Vaters), hat Minn etwa dreißig Jahre lang als Leibärztin gehabt. Und die sagte immer, sie habe Minna kennengelernt, als diese in mittleren Jahren war. Verjüngungsspritzen, irgendwelche von unsereins nicht zu bezahlenden Präparate, wird sie sich verschafft haben!“ Minna sah aus wie zwischen fünfundreißig und fünfzig.
„Therese ist aber schon gut entwickelt“, sagte Minna und blickte von meiner Mutter weg zu meinen Brüsten. Ich genierte mich. Meine Mutter grinste. „Ja, Therese ist ein richtiger Brocken!“ Manchmal sagte meine Mutter auch: „Aber sie hatte ja schon mit sechs Jahren so viel Brust, dass sie nicht ohne Hemd schwimmen gehen konnte!“ Ach, was redete meine Mutter für einen Quark! Meine Altersangabe hätte sie sich sparen können, denn Minna war doch auch unsere Kinderärztin gewesen, und schwimme konnte ich erst ab dreizehn!
Die Minna tastete also Bauch und Brust ab, und ich empfand weder Lust noch Schmerz, wohl eine Art von Frösteln, von verlangendem Erschrecken. Legte Minna ihren Oberkörper arbeitenderweise, an mir, an meinen kranken Organgen arbeited, etwas schräg über meinen, das heißt, beugte sie sich über mich, so wünschte ich, dass sie so geblieben oder noch um einiges näher gerückt wäre. Die Distanz zu meinem Körper sollte endgültig aufgehoben werden!- Stattdessen hob sie sich wieder hinweg und veriebt mir Hustensaft.
War aber ich nicht bettlägerig und wohl auf der Brust, so lief ich, hörte ich Minn die Treppen raufkommen, schnell ans Fenster und blickte, um sie nicht gleich anschauen zu müssen, in den Morgen oder in die dunkle Nacht hinaus. Minna aber sprach mich auf der Stelle an oder aber nachdem sie die anderen Familienmitglieder schnell angesehen hatte. „Tag, Therese“, tönte sie, „na, wie geht’s?“ Sprach sie mit mir, so war es besser, ich hatte vorher am Fenster gestanden und konnte mich von da aus ihr zudrehen. Ich wirkte dann vielleicht nicht ganz so elend verkrampft und musste nicht ganz so blöde strahlen, wie wenn Minna mich gleich an der Tür erwischte. Wir hatten keine Diele, dafür aber einen großen Speicher mit Fledermäusen und Regensärgen. Meine Mutter hatte einen Spucknapf. Der stand meistens offen, jedoch, wenn Minna kam, wurde er zugedeckt. Minna flirtete mit mir. Blicke hin, Blicke her. Was wollte Minna von mir? Ich wusste noch nicht, was sie meinte!
Ich befriedigte mich selbst, einige Male täglich, aber ich dachte dabei nie an Minna. Wohl dachte ich den ganzen Tag fast an sie, in der Schule, bei den Schulaufgaben und wenn ich meiner Mutter bei der Hausarbeit half, aber wenn ich mich entspannte, war ich nur mit mir selbst zugange. Wenn ich auf dem Heimweg von der Schule irgendwo Minnas Wagen sah, blieb ich, mit Mitschülerinnen im Gespräch, meist mitten im Satz stecken. Im Angesicht Minnens blieb mir oft die Sprache weg.
Nie, nie blieb ihr Wagen einmal neben mir stehen: „Komm steig ein, Therese, ich fahr dich schnell heim!“ Nie, nie hat sie mir bei der Heimfahrt über den Arm gestrichen oder übers Haar. Warum sagte sie dann zu meiner Mutter: „Das schöne, wellige Haar hat die Therese ja von Ihnen, Frau Schwedt, ausgenommen die Farbe! Ihr Mann hat doch helles Haar!“ „Ja“, antwortete meine schwarzhaarige Mutter, „aber jetzt hat er ja einen Halbmond!“
Als mein Vater aus Kriegsgefangenschaft zurückgekehrt war, 1948, da war Minna seine Ärztin genausogut wie unsere – er hatte ihr auch schon vor dem Krieg vertraut. Mein Vater sagte: „Minna, das Mannweib!“ Einmal, als Minna zu meiner Mutter kam, jagte mein Vater grade Mickie, unsere Katze, wegen eines gestohlenen Herings um den Schrank. Minna sage: „Schluss jetzt, verdammt noch mal, Herr Schwedt, sonst muss ich Ihnen eine Beruhigungsspritze geben!“ Da konnte die Katze in Ruhe weiter Gräten knacken.
Die Minna hat mir, als ich noch klein war, eigenhändig die Senfpackungen gemacht. Da meine Mutter sie nicht richtig machen konnte, kam die Minna eine zeitlang jeden Abend vorbe und wickelte mich. Als ich nach einer Nierenbeckenentzündung plötzlich Angst vor Fliegen und Schatten hatte, sagte die Minna zu meiner Mutter: „Ja, liebe Frau Schwedt, die Therese müssen Sie zu sich ins Bett nehmen, damit sie die Angst verliert, und da muss ihr Mann solange weichen!“ Da zog mein Vater brummend um, und ich schlief mit meiner Mutter SS, d. h. Kuschelte meine Knie in ihre Kniekehlen! Und tatsächlich zog die Angst von mir ab. Aber als ich wieder heil war, da wurde mein Vater eingezogen, und so schlief ich mit meiner Mutter weiterhin SS.
Die Minna hat schon mit mir geflirtet, als ich noch ein Kleinkind war. „Sie hat sich immer für dich interessiert!“ erzählte meine Mutter. „Sie brachte dir zu Ostern Schokoladenhasen, überlebensgroß!“ „Keine Pelzhasen?“ fragte ich. „Nein, keine, aber dafür Bilderbücher!“ „Überlebensgroß?“ „Nein, aber einen Brummkreisel!“ – Ich erinnere mich, dass Minna sagte: „Der Therese kann ich ja Spritzen setzen, die verzieht ja keinen Muskel dabei, die zuckt ja nicht zusammen!“ Aber ich spürte es, wenn Minna mir die Spritze in den Arsch jagte, und ich wäre gerne zusammengezuckt und hätte brennend gerne „Aua“ geschrien. – Ich wollte von Minna bewundert werden. Ich brachte sie gerne zum Lachen. Kam sie einmal rein, mit einem hellgrünen Hut, der mich an ein übergroßes Schokoladencremehütchen denken ließ. Ich feixte: „Da hast du aber einen leckeren hübschen Cremehut auf, Minna, kann man den essen?“
Als wir in der Evakuierung waren, wurden wir auseinandergerissen. Ich dachte oft an Minna. Wenn sie mich dereinst wiedersähe, würde sie staunen, wie groß ich geworden war.
Als wir uns nach der Rückevakuierung Januar 1946 wiedersahen, hatte Minna erst mal Schwierigkeiten mit meiner Mutter. Weil die Wasser in den Beinen hatte, Blut spuckte und zusätzlich angab, oft beim Stuhllassen ein nicht zu definierendes Gefühl, eine Art Luftbildung zwischen Milz und Zwerchfell wahrzunehmen, wehrte sich Minna dagegen, meine Mutter wieder als Patientin zu nehmen. „Seien Sie nicht so wehleidig, Frau Schwedt“, knurrte sie. Oder als sie einmal abends kam: „Was denken Sie, was jetzt um diese Zeit auf den Straßen los ist, die reißen den Ärzten die Spritzen aus den Koffern, die entreißen ihnen alles! Medikamente und Instrumente! Ganze Horden sind unterwegs! Ich habe mir extra einen Chauffeur genommen! Und Lungenblut ist das auch nicht, was da bei Ihnen herausgekommen ist! Irgend etwas ist aufgebrochen, wir haben es untersucht, aber nicht von der Lunge, von der Lunge ist es nicht!“
Später war es dann doch die Lunge, aber die Minna wollte eben nicht diese durch und durch kranke Frau! Womit hatte sie das denn verdient? Ihre Ruhe hätte sie gerne gehabt. Um mit ihrer Freundin…! Als mein Vater aus Gefangenschaft zurück war, trafen wir sonntags nach dem Kirchgang häufig Minna mit ihrer Freundin. Minna wagte ich da gar nicht anzuschauen: Ich konnte sie einfach nie ausmachen neben ihrer tiefschwarzen, großen Schatten werfenden, stets hochelegant gekleideten Begleiterin. Mein Vater kannte sie namentlich, sie sei in der ganzen Stadt bekannt, sie sei Frau Wast-Sogel-Perenboom, Tochter des bekanntesten Pelzgeschäftes der Stadt. Bekannt sei auch, dass Vera Wast-Sogel-Perenboom male, mit Minna gemeinsam. Jeden Sonntag, habe Minna selbst erzählt, malten sie zusammen. Mein Vater wußte doch eine ganze Menge! Warum aber sah ich nur einen hellen Flecken, einen Schatten an der Stelle, wo, wie mein Vater behauptete, Minna doch ging? Minna malte also auch! Und sie hatte eine Freundin! Warum konnte ich das nicht sein? Ich die Freundin von Minna Bretteis? Dr. med. Fachärztin für innere Leiden. Aus Düsseldorf gebürtig diese Bretteisfamilie.
Damals begann meine Mutter aufzubegehren: „Minna kümmert sich nicht um mich! Der ist doch ganz egal, ob ich krepiere!“ Trotzdem blieb Minna unsere Hausärztin! Vielleicht auch, weil sie sich gerne mit mir unterhielt? Weil meine Mutter Minna wichtig für mich fand? – Ach nein, das war meiner Mutter wohl ganz egal. Bequem war nur, dass Minna ihr alle gewünschten Medikamente verschrieb und mit ihrem Bronchialasthma vollkommen vertraut war. Und ich hatte die Aufgabe, durfte nach der Schule oft in ihre Praxis, um die Rezepte abzuholen. Meistens waren die Rezepte schon unterschrieben, lagen auf dem Schreibtisch und wurden mir von der interessant aussehenden Sprechstundenhilfe (ob sie auch mit der Sprechstundenhilfe gemeinsam malte, die Minna?) herausgereicht. Von Minna war dann nichts zu sehen. Ließ sie sich aber blicken, so schaffte ich es meist nicht, mich vollkommen in das Anschauen Minnas zu versenken. Ich verharrte mit geschlossenen Augen: „Schau mich doch an, mein Mädchen“, sagte Minna. Ach nein, das nicht. Aber: „Was macht denn die Schule?“ So, immer eine Eins im deutschen Aufsatz? Da wird vielleicht mal eine Goethin aus dir! – Eine reiche Phantasie hast du immer schon gehabt! Ach und in Mathematik bist du nicht so gut! Oder gar nicht gut!“ „Ja, sehr schlecht. Der Lehrer hat gesagt, dass ich eine glatte Null sei in Mathe, dass das aber nicht so tragisch sei…“ „Ja, du bist eben einseitig begabt! Wer dichten kann, braucht nicht zu rechnen!“ Und dann stand ich ganz eingepackt in Minnas blauen Blick. Und machte „hm“ und „ha“ feixte verklemmt und bekam nicht beigebracht, wie das denn geht, auf Angesprochenwerden richtig zu antworten. Wollte sie das denn überhaupt, mir das Mich-selbst-Artikulieren beibringen? – Weil bei uns zu Hause das ausgesprochene Miteinandersprechen als überflüssig galt, überhaupt Wortemachen verpönt war, konnte ich ja gar nicht recht, was ich dringend hätte lernen müssen: eben mich selbst auszusprechen im Gespräch.
Lag bei uns zu Hause also mittags der Stock neben dem Teller meiner Mutter. Zuweilen ging das wochenlang so, meistens zog es sich aber nur über ein paar Tage hin, dass meine Mutter während des Essens kein Wort von uns Kindern hören wollte. Meine Mutter drohte schweigend, hinter einer Zeitung oder einem Roman versteckt, ihr Essen löffelnd: Die Blagen sollen ihren Rand halten! Alle sollen nur reden, wenn sie gefragt werden – und Fragen an uns hatte meine Mutter grundsätzlich über lange Perioden hinweg nicht. Die Minna aber fragte wenigstens. Sie war jahrelang die Sonne, die meine Lippen wärmte. Vermutlich aber hörte die Minna nicht, was ich antwortete, so wie ich sie nicht sah in ihrem Glanz, wenn sie fragte. Naturgemäß verfehlten wir uns aus entgegengesetzten Gründen.
„Ach, seien Sie doch nicht so pingelig, Frau Gräfin!“ sagte die Minne zu meiner Mutter. „Und haben Sie nicht solchen Bammel vor ein bißchen Schmerz! Ich tippe schon seit langem bei Ihnen auf Stirnhölenvereiterung! Woher sonst sollen diese dauernden eiterigen Absonderungen, dieser Auswurf bei Ihnen rühren! Also am Donnerstagfrüh um punkt acht Uhr bei Professor Greifenstein im Luisenhospital. Ich bin auch zugegen! Und da werden wir mal gewissenhaft sondieren!“ Mein Vater musste meine Mutter regelrecht hinschleppen, sonst wäre sie nicht! Meine Mutter weinte: „Minna ist ein sadistisches Schwein! Müsste sie nur durch einen Bruchteil aller Schmerzen hindurch, die ich schon ausgestanden habe! Frau Gräfin tituliert sie mich!“ – Meine Mutter war als Waisenkind in Klöstern bei frommen Schwestern, teils bei ihrer Großmutter herumgestoßen worden. Mit sechzehn hatte sie den ehrlichen, aber unehrenhaften Beruf der Friseuse erlernt. Jetzt noch, 25 Jahre nach ihrem Tod, würde meine Mutter nach mir latschen, wenn sie hören könnte, dass ich ihren Beruf preisgebe. In der Schule und überall bei Nachfragen hatten wir als Beruf der Mutter immer nur „Hausfrau“ angeben dürfen. Meine arme, arme Mutter. Mit schmerzverzogenem Gesicht am Arm meines Vaters schwankend, kehrte sie von der Untersuchung bei Professor Greifenstein zurück. Der Greifenstein habe erst ihre Stirnhöhlen durchleuchtet. „Da ist nichts, Minna“, bemerkte er, „gar nichts. Guck doch noch mal mit, genau hin, Minna!“ Und Minna: „Das hat nichts zu sagen! Ich will jetzt endlich wissen, woher der Eiter kommt! Und darum muss ich darauf bestehen! Bitte durchstoßen! Wenigstens ein paar Proben!“ Wenn jeder so klare Stirnhöhlen zeigte wie diese Frau, wäre ich arbeitslos, habe der Greifenstein noch gemurmelt. Und dann habe meine Mutter nur noch laut gebrüllt vor Weh und Ach, als ihre Stirnhöhlen durchstoßen wurden. Mein Vater, der meine Mutter gegen ihren Willen dahingelotst hatte, zeigte daraufhin auch Ressentiments gegen Minna. „Wenn der Greifenstein selbst für diese Schmerzensprozedur gewesen wäre, aber er sagte doch, wenn alle so klare Stirnhöhlen hätten wie meine Frau“, sagte mein Vater.
Meine Mutter spuckte also weiter aus, was ihr so rauf und unter kam. Wir waren ja an ihre Spucknäpfe gewöhnt. Sie wollte nun auf keinen Fall weiter bei Minna bleiben. Jedoch es gelang mir, sie zu beschwatzen. Viel Kraft, etwas Neues zu beginnen, hatte meine Mutter da eben nicht mehr. Hatte sie übrigens nie groß gehabt, wenigstens als wir, die Kinder, gekommen sind, ganz schön depressiv ist sie durch uns geworden. Die chronische Bronchitis meiner jüngeren Schwester. Ich hatte zwischendurch mal einen bösen Daumen, einen Umlauf. Da stand ich dick vor Schmerzen und übermüdet von einer durchjammerten Nacht. „Da musst du mit zum Chirurchgen!“ sagte die Minna. Und sprach das „Chirurgen“ so aus, dass es sich wie „verrucht“ anhörte. „Gehst du also zum Luisenhospital, fragst nach Dr. Friedhelm Czaja! Zeigst ihm deinen schlimmen Daumen und sagst ihm, er soll nett damit umgehen, du seist eine alte Freundin von mir!“ Und lächelte mich bodenlos dabei an. Ich spürte meine Ohren rot werden. Etwa zwei Jahre hat es gedauert, bis der im Luisen-Krankehaus abgerissene Daumennagel wieder nachgewachsen ist.
War ich also plötzlich „Minnas alte Freundin!“ Langsam wurde ich ja auch älter. Froh war ich, dass Minna nie nach rheinischer Art „Tres“ oder „Treschen“ zu mir sagte. Ein erwachsener Mensch will auch einen erwachsenen Namen haben.
Endlich hatte ich wieder einmal den Husten, dass es der letzte große Husten gewesen war, bläute sich mir erst später ein. Meine ältere Schwester Lisbeth litt da unter Menstruationsbeschwerden und ging mit zu Minna. Mir schien, als habe die Sprechstundenhilfe alle Patienten, die nach uns gekommen waren, uns vorgezogen. Als ich endlich aufgerufen wurde, machte Minna einen ganz abwesenden Eindruck und bewegte sich so extrem langsam, dass ich später immer dachte, hätte Minna damals nicht eine falsche Menge Morphium intus gehabt, dann hätte nie diese blitzschnelle endliche Wendung in dieser Beziehung zwischen Minna und mir eintreten können. Aber, dass sie süchtig war, erfuhr ich erst fast ein Jahrhundert nach meiner Verwunderung. Ganz stutzig wurde ich bei ihrem Anblick – was war mit ihr? Und hatte sie mich bewusst als letzte drangenommen? – „Zieh dich schon aus“, sagte sie und half mir plötzlich dabei. Zog mir das Hemd über den Kopf und strich mir dann über Arme und Hals. Ich zitterte am ganzen Leib. Ich hörte im Nebenraum die Sprechstundenhilfe hantieren. Warum hatte Minna sie nicht vorher weggeschickt? Aber das war wohl nicht nötig gewesen, denn die Minna tat nichts weiter als mich streicheln. Unendlich langsam hat sie dann immerzu mit der Innenfläche ihrer Hand über meine rechte Brustwarze gestrichen. Und ich habe keine Lust empfunden, nur Angst, weil Minna so einen ungeselligen Blick hatte. Da trat die Sprechstundenhilfe ein, und Minna hatte im Nu das Stethoskop auf/an meinen Bronchien und Rippen. Und setzte es auch fast gleichzeitig wieder ab. Sie ging zum Waschbecken und von da aus in den Nebenraum. Die Sprechstundenhilfe sagte: „Nu, zieh dich an Therese! Und vergiss nicht, dir einen Schal umzubinden bei diesem Wind! Und sag deiner Schwester Lisbeth, sie soll morgen noch mal wiederkommen. Die Frau Doktor muss jetzt weg!“ „Und brauch ich nicht wiederzukommen?“ „Nein, erst mal nicht! Hustensaft hast du ja noch zu Hause, nicht wahr?“ „Ja“, murkste ich heraus.-
Natürlich hatte ich da vor Lisbeth ein großes Geheimnis. Sie murrte: „Was lief denn heute bei Minna groß? Du bist ja eine Ewigkeit da drinnen geblieben? Und mich hat sie gar nicht mal erst…“ „Sie sorgt sich eben wegen meiner Lungen, die ganze Familie hat doch Tb, außer dir!“
Den halben Nachmittag masturbierte ich dann auf der unteren Haustoilette, wo mich keiner meiner Angehörigen je vermutete. Ich presste zig-Male die Schenkel zusammen und stellte mir dabei Minnas Fingerringe vor: einen silbernen schweren und einen goldenen mit rosigem Stein. Ich verpackte meine rechte Brustwarze in die Innenfläche meiner Hand. „Minna, Minna“, dachte ich. Ich hätte ihren Namen gerne geflüstert, aber wenn nun einer vor der Klotür gestanden hätte? Ich musste dann auch aufpassen, dass ich ungesehen von Hausbewohnern mit meinem feuerrotem Gesicht an die Luft kam. Die Röte verzog sich dann aber, wie immer, schnell, ausgesprochen blass sah ich etwa eine Stunde nach meinen Exzessen aus. Elend, mit schwankenden Knien, kerhte ich wieder in unsere Wohnhöhle zurück. Wir alle hatten unsere Selbstbefriedigungsecken: Mein Vater im Keller, dann zusätzlich sonntagnachmittags auf der Couch, Lisbeth neben mir im Bett. Und meine Mutter und meine jüngere Schwester wahrscheinlich auch in ihren Betten. Was dachten die anderen in dieser Beziehung über mich?
Einmal an einem frühen Sonntagmorgen sah ich meinen Vater mit schrecklich verzerrtem, teuflischem Gesichtsausdruck einen Augenblick lang über seinem Betthaupt auftauchen. Er fickte meine Mutter. „Et Tres“, sagte er halblaut und duckte sich. Ich rannte gleich wieder aus dem verdunkelten Schlafzimmer heraus. Das Keuchen meines Vaters hing mir noch nach.
Eines Morgens fröstelte ich ziemlich und fiel dann um. Und meine Mutter rief nun nicht Minna, sondern einen Herrn Dr. Helleweg herbei. Endlich los von Minna! „Et Minn’ lässt mich doch einfach krepieren!“ sagte meine Mutter. Ich lag eine ganze Nacht und bekam keine Luft, obwohl meine Mutter mir alle verordneten Medikamente eingab. Am Vormittag darauf kamen zwei starke Feuerwehrmänner zu uns in den fünften Stock. Packten mich in Decken und in einen festen Stuhl und setzten mich, nachdem sie mich die Treppe hinuntergeschafft hatten, was mir nicht unlustig vorgekommen war, in einen weißen Wagen vor der Tür. Wir fuhren ins Luisenhospital, wo man mir die Lungenentzündung austreiben wollte. Als ich nach sechs Wochen herauskam, wollte ich zur Nachbehandlung nicht zu Dr. Helleweg, sondern wieder zu Minna. „Du kannst ja bei Helleweg bleiben“, sagte ich zu meiner Mutter, „nicht aber ich!“ „Wohin du gehst, bestimmen wir“, brüllte meine Mutter. Und: „Da stecken wohl andere Sachen hinter! Warte, wenn ich dir dahinterkomme!“ „Was denkst du denn? Was?“ fragte ich gelassen und spuckte grün, leider nicht fleckig rot, in den Waschkumpen. „Tu was du willst, aber gegen meinen Willen“, schrie meine Mutter. Da nahm ich die Krankenhausentlassunspapiere und ging in die Promenadenstraße.
Als kleines Kind an der Hand meiner Mutter bin ich oft in die Promenadenstraße, in dieses Haus mit dem weißen Emailleschild: Fachärztin f. Innere Krankheiten, Dr. Minna Bretteis. – Das Wartezimmer war wie immer voller Wartender. Minna hatte einen guten Ruf! Trude rief mich herein. Schwester Trude war die älteste Sprechstundenhilfe Minnas. Ich sagte: „Ich war, glaub ich, noch gar nicht dran!“ Trude nahm mir das mitgebrachte Röntgenbild ab. Sie schaute mich ganz streng und lang an, dass ich rot wurde und mir vorhielt: Sie weiß dass ich mich immer selbstbefriedige! Ich beichte es zwar alle vierzehn Tage in der Elisabethkirche, aber weil ich es täglich tue, ist es eine immerwährende Sünde! Als Minna dann von ihrem Schreibtisch aufsah und „Tag, Therese“ sagte, nickte Trude mit einem Gesichtsausdruck wie jeman, die ausdrücken will: Das habe ich ja kommen sehen. Tatsächlich sagte Minna dann: „Eben schaute ich zum Fenster raus und sah dich herkommen!“ „So“, sagte ich und lächelte wieder geniert.
„Bring doch den Kakao, Trude!“ Minna schob den Stuhl zurück und rieb sich die Hände. Trude setzte einen großen Becher heißer Schokolade vor mich hin. „Danke“, murmelte ich und trank. „Kein Telefon, keine Störung“, sagte Minna kurz angebunden zu Trude. Trude ging darauf ins Nebenzimmer und schloss die Tür nicht ganz hinter sich. Ich hatte noch nicht ausgetrunken, da fordert Minna mich auf: „Leg dich auf das Bett und mach mal die Beine auseinander!“ Während sie das sagte, öffnete sie ihren Ärztekittel, und ich sah eine fingerartige gelbe Spritze an ihrem nackten Bauch hängen. Ich ließ gehorsam, neugierig, aber nicht geil, geil war ich da nicht, die Beine auseinander. Da legte Minna sich auf mich und stieß mir dabei geschickt die Spritze in meine Scheide. Nun hatte sie jahrelang meine Beherrschung beobachten können und gelobt, aber jetzt weinte ich vor Schmerz, ja schrie ziemlich durchdringend. Minna sagte: „ Du dumme Gans! Musst du denn so schreien!“ Gleichzeitig allerdings streichelte sie mich heftig. Und ich, die ich mich nach diesen anschließenden Berührungen, nichts anderem als solchen Berührungen von ihr, gesehnt hatte, hörte auf zu schreien. Sie drückte die Zigarette, an der sie bis dahin noch gesogen hatte, aus und führte dieSpritze nun in regelmäßigen Abständen, schneller werdend, in meiner Vagina auf und ab. Das Bewegen der Spritze in mir schmerzte eigentlich nicht mehr, oder es lag auch daran, dass der erste Schmerz des Eindringens mich da noch ganz ausfüllte. Minna verdrehte aber jetzt die Augen, und ihr sonst bleiches mageres Gesicht wurde rot und dick. Minna fickte mich, endlich. Und weil ich mir das alles anders ausgemalt hatte, weinte ich wieder ein bißchen. Kurz danach kam Minna auf mir zur Ruhe und zog auch fast gleichzeitig die Spritze heraus. Ich wunderte mich, wie dieses Ding mir hatte derartig weh tun können, denn es war aus angenehm weichem Gummi. Vielleicht lag es an seiner Dicke: Es hatte etwa den Durchmesser von vier stabilen zusammengelegten Mittelfingern. Diese Spritze sah aus wie ein gewaltiger Mittelfinger oder Riesendaumen. Als sie aus mir heraus war, machte es richtig: plups! Es klebte Blut daran.
Ich hatte ganz schnell hingeblickt, als ich merkte, wie Minna das Instrumen stiekum meinem Blickfeld hatte entziehen wollen. „Blut“, sagte ich, „mein Blut.“ „Nu plärr nicht schon wieder“, sagte Minna und küsste mich liebevoll auf den Mund. „Das musste ja mal sein, diese Anusuntersuchung! Du littst doch von Kind auf an elender Verstopfung, Hämorrhoiden! Aber du brauchst das nicht groß deiner Mutter zu erzählen! Die machte ja dann ein großes Trara! Ist doch wohl klar, nicht?“ „Ja“, antwortete ich und genoss es, dass Minna mich nach diesem Versprechen nochmals küsste. Eben waren ihre Lippen noch glühend, nun fühlten sie sich kalt an. „Jetzt gehst du schön heim und hütest unser Geheimnis, ist doch ein Geheimnis jetzt zwischen uns!“ sagte Minna und ließ wieder ganz stark ihren blauen Blick auf mir. „Und wenn du irgendein Problem hast, kannst du mich anrufen oder kommst vorbei! Da rufst du aber auch vorher besser an. Da bin ich immer für dich da! o.k.?“ „Ja“, sagte ich. – „Aber warum sehen wir uns denn nun nicht schon mal am Sonntagnachmittag – oder vormittags? Da könnten wir vielleicht ein wenig rausfahren in deinem Wagen, Minna?“ Aber diese Frage brachte ich ja nicht über die Lippen.
So ging ich weg! – Auf der Straße, dem Nachhauseweg dann vielleicht sogar beschwingt, glücklich: Endlich war ich zusammengewesen mit der Freundin meiner Seele. Ich hatte ein Geheimnis zu bewahren. – Ermutigend war auch, dass mich meine Eingeweide nicht mehr so brannten.
Bald darauf hatte ich ein schwieriges Problem. Mein Vater wollte mich einfach von der Schule nehmen, weil er ein Geschäft eröffnete. Rief ich Minna an und sagte: „ Ich habe ein Problem! Mein Vater…“ und so weiter. Da antwortete sie: „Aber deine Familie, ihr habt doch immer Geschäfte gehabt! Die Schwedts sind eine alteingessene Aachener Geschäftsfamilie. Mach das jetzt mal und hilf schön deinem Vater, und später siehst du dann weiter!“ Ich wurde ganz starr vor Schreck, oder mir wurde ganz flau im Magen, ganz weich in den Knien, weil ich der Minna so gleichgültig war. Vor allem wurde ich dadurch mir selbst auch so egal: Wie sie mir, so ich mir! Weil ich selbst am besten wusste, wie ich es mir am schlechtesten gehen lassen konnte.
Ließ ich mich also von der Schule runternehmen und von meinem dicken halbglatzköpfigen Vater ins Geschäft hineinnehmen. Spirituosen, Obst, Gemüse und Kartoffeln verkauften wir dann gemeinsam in seinem selbst während der eisigsten Kälteperioden ungeheizten Ladenlokal. Da bekamen Lisbeth, die mein Vater aber nicht von der Schule hatte herunternehmen müssen, damit sie für ihn schuften konnte, weil sie schon runter gewesen war, und ich schmerzhaft spannende und ja nach Witterungseinflüssen juckende, sich öffnende und wieder schließende Frostbeulen. Es ging uns allen gar nicht gut an der Seite unseres Vaters. Er sparte, wo er konnte. Weil er sein im Krieg zerstörtes Haus aus fremden zurückzahlenden Geldmitteln wieder hatte aufbauen müssen, durfte unser Leben nichts kosten. Nur die Küche, die auch unserAufenthaltsraum war, wurde zur kalten Jahreszeit geheizt. Wir liefen in Lupen herum, wir hatten nichts, was uns recht freute, bis auf die Festtage der katholischen Kirche. An denen pflegte aber meine Mutter regelmäßig ihre chronischen Krankheiten akut werden zu lassen: also Rippenfell-, Lungen- und Halsentzündung. „Unterm Christbaum liegen“ nannte sie ihr Verhalten zu Weihnachten. Zu Ostern fröstelte sie unter dicken Federbetten, und um Pfingsten meistens schwitzte sie in abgedunkelten Räumen ein Frühsommerfieber aus.
Zeitweise musste ich auch in unserem verkommenen Haushalt helfen. Zeitweise, zwei Jahre lang, hatte ich eine trübselige Bürostelle. Jahrelang war alles ein großer Scheiß! Obwohl ich auch Glück gehabt habe und eine Krankenschwester, an die ich mich verloren hatte, mal fast eine ganze Nachtwache ihre Arbeitspausen an meinem Bett versaß und mich tätschelte, karessierte, ohne dass es mich gleich bis aufs Blut aufgerissen hätte! Aber wir mussten uns trennen, weil ich gesund geworden bin. Das war mein ganzes Unglück, dass ich immer zu schnell gesund geworden bin.
Als Schwindsüchtige wäre ich bei Minna lebenslänglich ein- und ausgegangen. Ich hätte sie einfach angesteckt. Meine Probleme ließ sie sich einfach nicht stecken. Oft wählte ich ihre Telefonnummer, und sobald ich sie rauchig und tief mit ihrem „Hier Praxis Dr. Bretteis…“ hörte, legte ich atemlos auf. – Inzwischen hätte ich ihr gerne mal eine meiner Erzählungen gezeigt. Nachdem wir uns Jahre nicht gesehen hatten, wollte ich ihr Kunde geben: Siehe, ich bin nun doch eine Dichterin geworden! Endlich würde sie von dieser Wast-Sogel-Perenboom ablassen. Dass sie eine Künstlerin zur Freundin haben musste, war verständlich, aber es braucht nicht immer eine, ein und dieselbe Malerin zu sein! Minna würde sich selbst weiterhin verjüngen, begänne sie nun eine Liaison mit einer, der jungen Dichterin Therese! Ach!
Als meine Mutter tot war, spürte ich oft ein Reißen in den Schultern und beschloss, Minna wieder einmal aufzusuchen. Sie wiederzusehen. Ich spuckte auch hin und wieder schon mal ein bißchen Blut. Aber das kam, wie später von einem tüchtigen Facharzt festgestellt wurde, durch ein Loch im Nasenbein.
Leider sah ich gar nicht schön, ja nicht einmal leidlich aus. Ich war ziemlich übergewichtig geworden, mein Gesicht war verpickelt. – Da mein Vater sein ganzes Leben lang über zu sparen haben würde, trugen wir, besonders ich, da ich ohnehin kein Interesse an Männern und damit auch nicht an der Mode zeigte, abgelegte Kleidungsstücke von oft älteren Personen aus unserem Bekanntenkreis. Sah ich ehemalige Schulkameradinnen daherkommen, machte ich mich um ein paar Ecken davon. Und so, schwerfällig, ungeschickt, tapsig von Missgeschicken, stolperte ich eines Tages, zur eben Neunzehjährigen erblüht, bei Minna rein: Sieh, Minna, hier das Kind, das du gewickelt und damit vor frühzeitigem Kleinkindsterben behütet hast! Hier Minna, sieh mich an! Ich habe schwere Kreislaufstörungen und Stechen in der Brust und den Rippen. Minna klopfte und horchte mich aufmerksam ab. „Es ist alles o.k. Bei dir“, meinte sie. „Du hast vielleicht a bisserl Rheuma in den Knochen – die Mandeln sind auch leicht geschwollen und übergroß. Möglich, dass der blutige Auswurf von deinen Mandeln stammt. Geh mal damit zum Hals-, Nasen-, Ohren-! Und wie geht’s dir sonst? Schmeckt’s noch immer gut? Du hast ja ganz schön Speck auf die Rippen bekommen!“ „Doch, es geht nicht schlecht!“ druckste ich. „Rauchst du?“ „Nein!“ – Minna steckte sich nach wie vor eine an der anderen an. „Und was machst du sonst so?“ „Ich arbeite als Büroangestellte in einer belgischen Speditionsfirma! Aber die Arbeit kotzt mich an!“ „So, das ist ja interessant!“ Sie lächelte mich an. „Weißt du, du solltest mal zum Psychiater!“ Ich erstarrte vor Schreck! Psychiater war gleichbedeutend mit Irrenhaus! „Im Grunde genommen fühle ich mich doch wohl!“ „Was macht dir denn eigentlich so Spaß?“ Ich zitterte vor Aufregung: endlich die große Frage! „Ich schreibe.“ Blass wurde ich bei diesem Geständnis. Und als ich sah, dass Minna nicht recht verstand: „Erzählungen und Novellen und so…“ „Ah!“ Und ganz schnell, weil sie nichts weiter zu fragen hatte: „Wollen Sie mal was von mir lesen?“ Sie nickte gnädig. Und zeigte mir dann, indem sie aufstand vom Schreibtisch, dass ich entlassen war.
Ein paar Tage später bin ich gleich mit zwei kurzen Erzählungen, die gerade fertig geworden waren, zu ihr hingerannt. „Monotonie“ hieß eines dieser Trauerbilder. Spielte in einer Nervenklinik: Der Kassierer Münz hatte eines Tages grundlos einen Kollegen umgebracht, war darauf in die Klinik eingeliefert worden und brachte sich dort um. Die zweite Erzählung handelte von einem Marionettenspieler, der am Zusammenleben in einer Kommune leidet und sich immer hinter seinen Puppen versteckt. „Ich komme selten zum Lesen! Aber sobald ich Zeit habe! Kannst ja zwischendurch mal anrufen!“ Sie bekundete sogar kurzes, heftiges Interesse, schlug kurz den Deckel des Schnellordners zurück und las halblaut die Titel vor.
Es vergingen einige Wochen. Ich fragte an, ob sie es schon gelesen habe! Nein, ich solle mich gedulden, sie sei dauern im Stress! Sonntags aber ging sie mit Wast-Sogel-Perenboom. Ich sah sie schreiten im Schatten dieses schwarzen Pfaus.
Dazu hatte sie Zeit!
Nach zwei Monaten fragte ich wieder an. Sie selbst war gleich am Telefon. „Ja, ich habe die Sachen gelesen! Soll ich sie dir zurückschicken?“ „Ach, ich kann sie selbst holen!“ Ich wollte wissen, wie sie die Texte fand. Ich fragte aber nicht am Telefon danach. Am Telefon war Minna stets barsch. „Wann soll ich kommen?“ „Kommst am besten gegen zwei Uhr. Schwester Roswitha kann sie dir rausgeben!“
Als ich ankam, wischte die Putzfrau grade das Treppenhaus. Das werde ich nie vergessen, weil das das letzte Mal war, dass ich das Haus in der Promenadenstraße betrat. Schwester Roswitha unterbrach meinetwegen ein Telefongespräch. „Hier“, sagte sie und „Tschüss!“ Ich steckte den Schnellhefter mit meinem Scheiß in einen Umschlag und fuhr ins Büro zurück.
Abends blätterte ich alles sorgfältig durch, ob Minna mir vielleicht auf einem beigelegten Blatt etwas zu mir mitgeteilt hatte? Da war nichts von ihr Geschriebenes. Allerdings klebte auf einer Seite der „Monotonie“ zwischen einigen Zeilen etwas grüner Mist. Ich kratzte daran: Es waren Reste von gekochtem Grünkohl. Minna hatte, während sie ihr Mittag- oder Abendessen verputzte, auch meine Erzählungen mit verputzt.