In der Einleitung zu dem 1998 von ihm herausgegebenen Sammelband „Frauen dichten anders“ schreibt Marcel Reich-Ranicki:
„Frauen empfinden, erleben und erleiden die Welt anders als Männer – und ich kann mir beim besten Willen den Mann oder die Frau nicht vorstellen, die dieses Faktum, die diese banale Feststellung anzweifeln wollten. Romeo ist jung und liebt Julia, Julia ist ebenfalls jung und liebt Romeo. Nur darf man nicht vergessen, dass er eine andere Vergangenheit hat als sie und ein anderes Temperament: Er sieht sie anders als sie ihn. Sie reagieren auf das Leben unterschiedlich. Da Frauen also die Welt anders fühlen und anders erfassen, müssen sie auch anders als die Männer lesen, anders als sie die Literatur zur Kenntnis nehmen. Wenn aber Frauen anders lesen, dann versteht es sich von selbst, dass sie auch anders schreiben.“
Anspruchsvolle lesbische Literatur, die einen berührt und die Realität und die wahren Bedürfnisse von Frauen liebenden Frauen angemessen verkörpert, ist immer noch schwer zu finden. Wenn man sich danach auf die Suche begibt, ist es ratsam sich nicht nur unter dem Label „lesbisch“ umzusehen, denn die meisten darunter geschriebenen Bücher haben das Niveau heterosexueller Heftchenromane. Autorinnen wie Miriam Müntefering oder Ruth Gogoll treffen zwar den Geschmack eines breiteren, lesbischen Publikums, sind aber in einem eher naiv-einfachen Stil geschrieben und wenig kritisch.
Als ich mich noch nicht als lesbische Frau identifizierte, habe ich jahrelang ausschließlich heterosexuelle Literatur gelesen (die meisten Bücher waren von Männern geschrieben). Erst später wurde mir klar, wie wichtig es für Frauen ist, Literatur zu lesen, die aus einer weiblichen Perspektive geschrieben ist. Viele Frauen (eben auch heterosexuelle Frauen) identifizieren sich unbewusst mit dem Mann, sie erkennen sich eher in männlichen Charakteren wieder (vielleicht, weil die weiblichen oft nichts hergeben) und blenden dabei aus, dass die meisten weiblichen Romanfiguren reine Projektionen sind. Und viele Bücher, die von Frauen selbst geschrieben sind, sind nach dem immer gleichen „Prinzessin-wartet-auf-ihren-Prinz“-Schema gestrickt und so auch die meisten Lesbenbücher (nur, dass der Prinz dann eine Frau ist). Mir ist zudem aufgefallen, dass es leider wenige Autorinnen gibt, die wirklich gut schreiben können – von lesbischen ganz zu schweigen. Gründe dafür gibt es viele, hauptsächlich liegt es aber an der Rolle, die der Frau in der Gesellschaft (auch heute) immer noch zugewiesen wird – schreiben und gleichzeitig Ehefrau, Mutter oder Berufstätige zu sein ist mit einem freien, künstlerischen und nach den eigenen Regeln gelebten Leben schwer vereinbar. Während der Mann selbstverständlich auf die Hilfe einer Frau bei der Realisierung seines Werkes hoffen kann, ist dies umgekehrt eher selten der Fall. Und manche lesbischen Frauen wie z. B. Gertrude Stein konnten ihr Werk nur veröffentlichen, da ihre Freundinnen die traditionelle Frauenrolle einnahmen und ihr eigenes Leben für sie aufgaben. Es gibt viele Schriftstellerinnen, die körperlich und seelisch krank wurden, früh starben oder gar Selbstmord begingen, da sie an den Hürden, welches ihnen ihr Frausein in einer patriarchalen Gesellschaft auferlegte, zugrunde gingen. Dazu gehörte auch das nicht Ernsternstnehmen oder das überhaupt nicht Wahrnehmen ihres Schaffens. Dennoch haben einige Frauen Werke von hohem künstlerischen Wert hinterlassen, viele sind dem Größtteil der Öffentlichkeit eher unbekannt, oder gelten als „Geheimtipp“. Oft verblasst ihr Schein neben den hochgepriesenen Namen männlicher Zeitgenossen, dies aber zu Unrecht.
Daher haben wir entschlossen, hier ein paar wirklich gut geschriebene Bücher näher vorzustellen, die wir auch schon auf unserer Literaturliste erwähnt haben.
Buchtipp 1: „Der Kuss der Medusa“
Das erste Buch, welches mich bis tief in meine Seele hinein berührt hat, ist „Der Kuss der Medusa“ von Melania Mazzucco. Es ist ein historischer Roman und handelt von der Liebe einer verheirateten, älteren Frau zu einem jungen Dienst-Mädchen, hier eine kurze Inhaltsangabe:
Als Norma frisch verheiratet neben ihrem gräflichen Gatten in einem Pariser Boudoir liegt, glaubt sie noch an eine glänzende Zukunft. Doch bald muss sie erkennen, dass ihre Ehe und ihr Alltag in Turin sie immer unglücklicher werden lassen. Erst als die geheimnisvolle, stille Medusa in ihre Dienste tritt, verändert sich alles. Wir sind am Anfang des Jahrhunderts, und auf Medusa, die jahrelang wie eine Sklavin mit dem Alten Pilu und einer Laterna Magica durch die Berge gezogen war, wirkt Normas Leben wie ein Märchen. Doch je näher sich die beiden Frauen kommen, desto enger zieht sich die Schlinge um sie. Das Glück, zum ersten Mal aus ihrer Einsamkeit herauszufinden, kann in ihrer Zeit und ihrer Umgebung nicht ungestraft bleiben: Zutiefst in seinem Stolz verletzt, beschließt Ehemann Felice, grausame Rache zu nehmen. Melania G. Mazzuccos sprachgewaltiger Roman war die literarische Entdeckung Italiens der letzten Jahre. Wie auf einem Jugendstilgemälde bringt sie die dramatische Liebesgeschichte der beiden Frauen zum Leuchten.
Hier sind zwei Auszüge:
„Medusa fuhr sich mit der Hand über die Wange und fühlte die Nässe. Schweiß, Seife oder vielleicht Tränen, denn mit dem Schmutz wuschen diese sorgsamen weißen Hände auch den Schmerz und die Beleidigungen ab, die Scham und die Angst, das Misstrauen und den Groll: es waren zarte und zugleich herrische Hände, die nicht um Erlaubnis baten. Niemand hatte sie, Medusa, je so behandelt; niemand hatte sie je mit solcher Sicherheit berührt, so unfehlbar die Stellen an ihrem Körper erraten, an denen das Gescheuertwerden am angenehmsten war: unter den Achselhöhlen, an den schmerzenden Rippen, den Bauchmuskeln, den vorstehenden Schulterblättern. Die Fingerkuppen drückten sich in ihren Nacken, der goldene Ring streifte die harten Pobacken, der Rücken wurde ganz weich. Sie schloss die Augen, und der Wohlgeruch der englischen Seife, das warme Wasser auf der Haut, Normas zärtliche Hände, die ihr die Wangen streichelten, der Smaragdanhänger, der einen Zentimeter vor ihrem Gesicht baumelte, der Dampf, der sich in Perlen auf ihrer Stirn niederschlug, der Duft von Normas Haut, ihre unverständlichen Worte (die aber seltsam vertraut vorkamen, wie die Melodie eines Wiegenlieds), alle floss zu einem unbekannten Gefühl wohligen Behagens zusammen.“
„Ich habe gesucht, was mir ähnlich ist, und finde dich in meinem Bett, wo du auf mich wartest. Barbarische Liebe, du bist aus meinem Heimatort. „Wie viel Stille für uns zwei, Medusa“, sagte sie. „Ja, für uns“, antwortete sie. „Lass mich dich umschlingen, nimm mich hier auf der Erde im Staub, und lass uns untergehen im dunklen Land, aus dem der Durst kommt und die Mühsal, der Taumel, die Wonne und die Ruhe. In meinem Armen ruh dich aus, Medusa. Medusa ruh dich aus.“ Sie war immer eher wortkarg gewesen, vielleicht weil sie sich kannte und fürchtete, zu übertreiben, vielleicht weil sie sie kannte und fürchtete, sie zu langweilen – „meine Liebe“, sagte sie zu ihr und wusste, dass sie auch jetzt nicht sagen würde: Medusa, mein Leben, meine Schwester, meine Braut. Die Eidechse huschte die Wand hinab, ein silbriger Pfeil, der in einer grasbewachsenen Vertiefung verschwand.
Besonders beeindruckte mich die sinnliche und reiche Sprache, die genauen Beschreibungen der Umgebung/Natur, die die inneren Gefühle der Frauen widerspiegeln. Auch wenn das Buch vom Italienischen ins Deutsche übersetzt ist, scheint die südländische Leidenschaftlichkeit und Emotionalität immer noch hindurch, die Sprache des Buches unterscheidet sich sehr von der deutschen, etwas trockeneren Art zu (be) schreiben.
Die Charaktere der Hauptfiguren des Buches sind realistisch konzipiert, Norma, die Frau aus gutem Hause, in ihrer Ehe unglücklich und an Depressionen leidend und Medusa, das heimatlose Bauernmädchen, das u.a. als Prostituierte gelebt hat. Norma verliebt sich in Medusa und idealisiert sie dabei völlig, so glaubt sie, dass ihr Name Medusa von der griechischen Göttin Medusa herrührt. Von ihrer wahren Vergangenheit möchte sie nichts wissen. In Wirklichkeit erhält Medusa ihren Namen von ihrem ehemaligen Zuhälter Peru, sie ist für ihn die Qualle, die sticht, wenn man sich ihr nähert.
Vor allem die Figur der Norma könnte man ohne Bedenken auch auf die heutige Zeit übertragen, allerdings glaube ich nicht, dass eine Frau wie Norma es in der Realität „hinbekommen“ würde zu ihrer Liebe zu stehen. Dennoch ist die Geschichte sehr bewegend und man bekommt einen Eindruck, wie es in Wirklichkeit sein könnte …
Ein wirklich wunderschönes Buch!