[...] Stille und Nachtluft füllten ihre Lungenflügel aus, duftend wie ein Kissen mit Salamandern und Schneckengetier angefüllt, sie krochen über den Nadelgrund des Waldes, moosfeucht, harzgetränkt und klamm. Er wurde spärlicher und wandelte sich in Grasland um. Sternenhimmel über wogendem Halmenmeer. „Eine Hochzeit steht bevor, ganz in weiß, in weiß, ich kann sie in meiner Seele spüren, ihren Glanz und den Duft …“, Aidas Füße berührten feuchten Grund, „… den Betörenden …“, ein Falter flatterte gegen ihre Stirne, dunkel summend und pelzwarm. Sie schlug nach ihm.
Mondbeschienene Helligkeit von regennasser Ferne bewohnt. Ginstergebüsche neigten sich dem Winde zu, weit wogend, milde schwankend, sich steil hinabbeugende Königskerzen, ihre Blütenkelchen waren geöffnet wie Münder, zahnlos und honigzart. Eine Kreuzotter schlängelte sich durch das kniehohe Gras, zaghaft zischelnd, ihr Leib verschwand unter Ackerwinden und Wiesenklee. Rosenfeine und entströmende Süße. „Das Kind wird meinem Herzen entwachsen wie eine Blume dem Erdenreich, lebenswarm und lind, seine Arme werden um meinen Nacken und um meinen Leib geschlungen sein, mit zaghaft zarten Fingergliedern, und dann der Mund, der auf dem anderen, hauchend und bebend ihr Atemfleisch.” Überfülle.
Der Regen hatte nachgelassen und Nebeltropfen schwebten über den Halmen wie hinabgesickerte Wolkenschwaden, grau trübe, mondfern blass, und aus der Ferne erklangen dann Zikadengesänge. Sie horchte auf. „Ich muss mich beeilen und es erretten und bergen, aus den Tiefen der Dunkelheit, der Einsamkeit und der Pein.“ Sie eilte mit bloßen Sohlen weiter durch das Gras, winzigste Wunden hatten sich wie Blutegel in ihr Fleisch gefressen, warm, pochend und weit geöffnet. Der Boden wurde morastig, Sumpffeuchte vor herannahender Gewässerfront, biegsam starr, mit Schilfrohr und Binsen bewachsen, die Luft war von den Lauten zahlreicher Froschkehlen erfüllt. Aidas Herz schlug ungehalten schnell.
Ein Weidenbaum an den Ufern eines Teiches und inmitten eines Farnwaldes. Feenodeur entschwebte seinen Blättern wie der Hauch von Engelsflügeln, ihr himmelsgleicher Duft lockte sie heran, und auch ein Glühen. Hinterleiber waren weit emporgehoben um sie zu betören, leuchtende Girlanden mit Lichtschleiern umwoben, sie zeigten ihr den Weg durch das Gras, das Schilf und die Nacht. „Du bist in fremde Obhut gegeben worden, so blind und hilflos, wie du warst.“ Aida tastete sich voran, Fuß vor Fuß. „Aber harre aus, gleich bin ich bei dir“, näher und näher, „schon kann ich deine Stimme hören, wie sie nach mir ruft, zart fiebrig und sehnend, und auch das heiße Pochen deines Herzens, wie es gegen deine Brust und das Wandgefüge schlägt, hart, hart und kalt.“ Ihr Kopf tauchte unter die Blätterkaskaden ein, zitternd und wogend. „Gleich, gleich mein Schatz.“ Liebessehnen, sie streckte ihre Hände aus, herzensnah, ein Schrei und Verwirbelungen in der Luft, Vaterliebe, Mutterglück und Vogelklauen, die rasch auf sie hinab schossen.
Der Nistplatz war tief im Stamm verborgen, verschiedenste Gräser und Gewöllereste bedeckten seinen Grund, er war von einer Kükenschar bewohnt. Aida konnte ihren Flaum schimmern sehen, weiß und wollig, die Schnäbel waren weit aufgerissen wie Nelkensprosse, blutwarm pochend und hungrig.
„Jetzt bin ich dir ganz nah.“ In das Höhleninnerste hinein, ihre Finger tasteten umher und berührten Flaum und Fleisch, dicht in der Mitte beisammen gelegen. „Ich hole dich hinaus, werde dich bergen und dich ernähren mit meinem Blut“, zart, glatt, pochend. Herzensglut. Schnäbelpaare hackten auf Aidas Haupt ein, krakeelend und mit gelbem Augenlicht, scharfkantig flatterndes Federkleid, Krallen verfingen sich in ihrem Haar. Sie tastete sich weiter in der Nisthöhle voran, Kuckuckskind ohne Mutterliebe und zwischen fremden Vogeljungen gefangen, sie fühlte es, Arterien, pochend, pochend, matt, die Oberfläche war nur erkaltetes Fleisch, bis in das Innerstes hinein. Zu schwach, zu schwach und keinen Lebenswillen mehr. Alleine. Sie barg es und dann ein rückwärtiger Fall.
Tief unter dem Farnwald verborgen, eingesunken unter sein Sporengeflecht und die nass wogenden Blätter, taumeln tosend und mit liebestrunkenen Lippen. Das Herz in ihrer Hand pochte blutwarm und begehrend. „Erwache und komme zu dir.“ Aidas Atem wurde schwer und feucht, ihre Zunge glitt über die pulsierenden Adern. Sie sprach. „Prinz und Prinzessin, Braut und Bräutigam, Gattin und Gemahl, jetzt bin ich hier, bei dir in deinen/meinen Armen gefangen, bist du, wollüstig, waghalsig und wage, verwoben. ICH BIN. Deine Herrin und dein Herr, deine Dienerin und Bedienstete, Gefährtin, bei Tage und auch zu Nacht, stetig, das Sonnenlicht wird von ewiger Dunkelheit vertrieben werden, die Sterne versinken um, erneut aufzuerstehen, schimmernd, wogend und glänzend. Zeitenwende, Alles und Nichts, der Anfang und das Ende, Mutterglück, Liebessehnen, Sehnsucht, verworren, verwoben, glanzvoll. Ich bin.“
Sie schloss die Augen und Tausende von Lichtern senkten sich auf sie hinab, glitten über ihre Netzhaut und über ihren Leib, warm, kalt, kalt, sich erwärmend. Tages und Nachtgleiche, die Gewässer glommen wie dunkel erloschene Perldiamanten, Nebelschwaden dampften empor und versickerten wieder, schwer, leicht und oszillierend. Spiegelungen des Nachtlichtes, ein Baum, ein Stamm oder ein Turm und sein Gemäuer war schwarz und glatt poliert wie eine Fata Morgana.
Samtglatte Himmelsröte und Bewegung im Geäst, das Käuzchenpaar kehrte mit einer Haselmaus in den Fängen zu seiner Kükenschar zurück, auf der Jagd gewesen – lautlos leise- erspäht, erkannt und dann hinab gestürzt. Ende. Sie verschwanden im Bauminneren und ihre Rufe verhallten in der feucht klammen Morgenluft. Der Tag brach an. [...]
(Ausschnitt aus dem 5. Kapitel meines Romans “Herzensfleisch”)