Djuna Barnes (* 12. Juni 1892 in Cornwall on Hudson; † 18. Juni 1982 in New York City) war eine US amerikanische Schriftestellerin und wird zu den wichtigsten Autorinnen der literarischen Moderne gezählt.
Barnes Kindheit war geprägt durch das Leben auf einer Farm einer ländlichen Gegend im Staat New York und den später in ihren literarischen Werken verarbeiteten sexuellen Missbrauch durch ihren Vater und ihre Großmutter. Beide waren extreme Freidenker, die auch einen Schulbesuch für das Kind ablehnten. Sie wurde von ihrem Vater unterrichtet. Auch die Großmutter war eine zwiespältige Figur für sie: trotz des als traumatisch empfunden Missbrauchs war sie von ihrer starken Persönlichkeit fasziniert und sah sie in bestimmten Aspekten als Vorbild.
19-jährig zog sie in die Bronx, um zu malen, arbeitete jedoch nebenher als freie Journalistin. Ab 1912 veröffentlichte sie regelmäßig in New Yorker Tageszeitungen. Bald zog sie in das Künstlerviertel Greenwich Village, wo sie den Theaterkritiker Courtenay Lemon kennenlernte, mit dem sie eine nur drei Jahre dauernde Ehe einging. In dieser Zeit veröffentlichte sie ihren ersten Gedichtband und einige Theaterstücke, in denen sie auch selbst spielte.
1919 zog sie nach Paris und fand dort bald Eingang in den intellektuell-lesbischen Kreis um Natalie Clifford Barney. Von 1923 an lebte sie mit Thelma Wood zusammen, hatte jedoch neben dieser Beziehung weitere Liebesaffären mit Männern und Frauen. Die Tatsache, dass auch Wood konstant Affären hatte, verletzte sie jedoch sehr und führte zu Alkoholmissbrauch. 1928 erschien ihr Roman Ryder und der Ladies Almanack, in dem sie sich über Barney und deren Freundinnen lustig macht. Nach der Trennung von Wood 1931 lebte Barnes bei Peggy Guggenheim und arbeitete an ihrem wichtigsten Roman Nightwood.
Von 1940 an lebte sie erneut im Greenwich Village in New York und schrieb wie besessen, veröffentlichte jedoch kaum noch etwas. Nur die Sozialhilfe und Zuwendungen der Sammlerin und Mäzänin Peggy Guggenheim hielten sie über Wasser. Sie hatte wenige Sozialkontakte und lebte alleine. (Quelle: Wikipedia)
Erzählung:
Kennen Sie Deutschland, Madame, Deutschland im Frühling? Dann ist es zauberhaft dort, finden Sie nicht auch? Alles so großzügig und frisch, und die Spree, die sich schmal und dunkel vorwärtswindet – und die Rosen! Die gelben Rosen an den Fenstern. Und die strahlenden Amerikaner mit ihrer Gesprächigkeit, wie sie zwischen den Gruppen schwerfälliger deutscher Männer hindurchlaufen, die über ihre Maßkrüge hinweg ihre lebenslustigen, lachenden Frauen anstarren.
Solch ein Frühling war das vor drei Jahren, als ich von Russland nach Berlin kam. Ich war gerade erst sechzehn, und mein Herz war das Herz einer Tänzerin. So ergeht es einem manchmal; monatelang ist das Herz nur das eine und dann auf einmal – nur noch etwas völlig anderes, nicht wahr? Ich saß häufig im Café am Ende der Straße „In den Zelten“, wo ich Eier aß und Kaffee trank und den plötzlich niedergehenden Regen der Spatzen beobachtete. Alle kamen gleichzeitig mit den Füßen auf dem Tisch auf, alle befreiten ihn gleichzeitig von Krümeln, und alle flogen gleichzeitig in den Himmel hinauf, sodass das Café ebenso plötzlich ohne Vögel war, wie es zuvor plötzlich voller Vögel gewesen war.
Manchmal kam eine Frau dorthin, etwa um dieselbe Zeit wie ich, so um vier Uhr nachmittags. Einmal kam sie mit einem kleinen Mann, so einem verträumten, unsicheren. Doch ich muss Ihnen schildern, wie sie aussah: temperamentvoll und groß, kraftvoll und dünn. Sie muss damals vierzig gewesen sein und war teuer und nachlässig gekleidet. Man hatte den Eindruck, dass sie Mühe hatte, die Kleider anzubehalten. Ständig schauten ihre Schultern heraus, verhakte sich ihr Rock irgendwo, verlegte sie ihren Geldbeutel, doch die ganze Zeit war sie grausam schmuckbehängt, und irgendetwas Absichtsvolles, Dramatisches verband sich mit ihrer Erscheinung, so als sei sie der Mittelpunkt eines Strudels und ihre Kleider seien bloß kurzlebiger
Manchmal lockte sie die Spatzen, und manchmal sprach sie mit dem Weinschenk, und dabei verschränkte sie die Finger derart gewaltsam, dass die Ringe hervorstachen und man durch sie hindurchsehen konnte, sie war so lebendig und so deplatziert. Was ihren zierlichen kleinen Mann betraf, so sprach sie Englisch mit ihm, sodass ich nicht wusste, woher sie kamen.
Dann ließ ich mich in dem Café eine Woche nicht sehen, weil ich mich beim Schauspielhaus bewerben wollte. Ich hatte gehört, dass sie eine Tänzerin suchten, und mir war sehr daran gelegen, die Rolle zu bekommen, sodass ich natürlich an nichts anderes dachte. Ich wanderte ganz allein durch den Tiergarten oder bummelte die Siegesallee hinunter, wo all die Statuen der bedeutenden deutschen Herrscher stehen und wie Witwer aussehen. Dann plötzlich dachte ich an die Zelte und an die Vögel und an die große, eigenartige Frau, also kehrte ich dorthin zurück, und da saß sie, nippte an ihrem Bier und lockte die Spatzen.
Als ich das Café betrat, stand sie sofort auf und kam auf mich zu und sagte: „Ja, Guten Tag! Ich habe Sie vermisst. Weshalb haben Sie mir denn nicht gesagt, dass Sie wegwollten? Vielleicht hätte ich ja etwas dagegen unternehmen können.“
So redete sie, mit einer Stimme, die einem ans Herz ging, weil sie so hell und rein war. „Ich habe ein Haus“, sagte sie, „direkt an der Spree. Sie hätten bei mir bleiben können. Es ist ein großes, geräumiges Haus, und Sie könnten das Zimmer gleich neben meinem haben. Es ist nicht einfach zu bewohnen, aber es ist hübsch – italienisch, wissen Sie, wie die Interieurs auf den venezianischen Gemälden, wo die jungen Mädchen liegen und von der Heiligen Jungfrau träumen. Sie würden erleben, dass Sie dort schlafen können, weil Sie dazu ausersehen sind.“
Irgendwie kam es mir gar nicht absonderlich vor, dass sie so auf mich zutrat und mich ansprach. Ich sagte, bestimmt würde ich ihr in diesem Garten bald wieder begegnen, und dann könnten wir zusammen „nach Hause“ gehen, und sie schien zwar erfreut, aber nicht weiter überrascht.
Dann betraten wir den Garten eines Abends genau im selben Augenblick. Es war spät, und die Geigen spielten bereits. Wir setzten uns zusammen, ohne etwas zu sagen, und lauschten einfach nur der Musik und bewunderten das Spiel des einzigen Orchestermitglieds. Gespannt verfolgte sie die Bewegungen ihrer Finger und schien geradezu einen langen Hals zu machen, um alles mitzubekommen. Dann stand die Dame mit einmal auf, ließ ein paar Münzen auf den Tisch regnen, und ich folgte ihr, bis wir zu einem großen Haus kamen und sie die Haustür aufschloss. Sie wandte sich nach links und trat in ein dunkles Zimmer, machte das Licht an, setzte sich hin und sagte: „Hier schlafen wir; so ist es hier.“
Alles war unordentlich und kostspielig und melancholisch. Alles war gediegen und hoch oder breit und geräumig. Eine Kommode reichte mir bis über den Kopf. Der Porzellanofen war riesengroß und hatte ein blaues Blumenmuster. Das Bett war so hoch, dass man darin nur etwas erblicken konnte, das es zu bewältigen galt. Die Wände bestanden vollständig aus Bücherregalen, und alle Bücher waren in rotes Saffianleder gebunden und hatten auf dem Rücken ein goldgeprägtes Wappen, das verzwickt und einschüchternd aussah. Sie läutete nach dem Tee und begann, ihren Hut abzusetzen.
Über dem Bett hing ein gewaltiges Schlachtengemälde; Gemälde und Bett schlossen bündig gegeneinander ab, sodass die riesigen Rümpfe der Hengste erst in den Kopfkissen gezügelt wurden. Die Generäle schienen, so wie sie in ihrem fremdländischen Helmen mit tropfenden Schwertern durch die Rauchwalzen und die blutigen Schlachtreihen der Sterbenden wüteten, einen Angriff gegen das Bett zu reiten, das so ausladend, so zerwühlt und verheert war. Die Betttücher schleiften, die Bettdecke hing zerrissen herab, und Federn trieben am Boden entlang und erzitterten unter dem Windhauch, der vom offenen Fenster kam. Die Dame lächelte auf eine traurige, ernste Weise, sagte jedoch nichts, und es verging eine ganze Weile, bis ich auf einmal ein Kind sah, nicht viel älter als drei Jahre, ein kleines Kind, das inmitten der Kissen lag und einen kümmerlichen Laut von sich gab, wie das Summen einer Fliege, und ich dachte das sei eine Fliege.
Sie sprach nicht mit dem Kind, beachtete es im Grunde gar nicht, so als hätte es ohne ihr Wissen in ihrem Bett gelegen. Als der Tee hereingebracht wurde, schenkte sie ihn zwar ein, rührte ihn jedoch nicht an und trank stattdessen kleine Gläser Rheinwein.
„Ludwig haben Sie ja gesehen“, sagte sie mit einer schwachen, kummervollen Stimme. „Wir sind schon seit sehr langer Zeit verheiratet, er war damals noch ein Junge. Und ich? Ich bin Italienerin, habe aber Englisch und Deutsch gelernt, weil ich bei einem Tourneetheater war. Sie“, sagte sie unvermittelt, „Sie müssen das Ballett aufgeben – das Theater – die Schauspielerei.“
Aus irgendeinem Grund empfand ich es nicht als merkwürdig, dass sie von meinem ehrgeizigen Wunsch wusste, wo ich doch noch gar nichts davon gesagt hatte. „Und“, fuhr sie fort, „Sie sind nicht für die Bühne gemacht; Sie sind für etwas Stilleres, Zurückgezogeneres geschaffen. Hören Sie, ich liebe Deutschland sehr, ich lebe hier schon seit etlichen Jahren. Sie werden bleiben, und dann werden Sie schon sehen. Sie haben Ludwig ja gesehen, Sie werden bemerkt haben, dass er nicht stark ist. Er lässt ständig den Kopf hängen, das kann Ihnen ja nicht entgangen sein. Man darf ihm keinen Kummer zumuten, er hält überhaupt nichts aus. Er hat sein eigenes Zimmer.“ Sie schien auf einmal erschöpft und stand auf und warf sich übers Bett, am Fußende, und schlief fast augenblicklich ein, umflossen von ihrem Haar. Ich ging daraufhin weg, kehrte jedoch am selben Abend wieder zurück und klopfte an die Scheibe. Sie trat ans Fenster, machte mir ein Zeichen und tauchte gleich darauf an einem anderen Fenster auf und winkte mir, und ich schwang mich auf die Fensterbank und kletterte hinein, und es störte mich nicht, dass sie mir die Tür nicht aufgemacht hatte. Das Zimmer war nur vom Mond und von zwei dünnen Kerzen erhellt, die vor der Jungfrau brannten.
Es war ein schönes Zimmer, Madame, „traurig“, wie sie sagte. Alles war bedeutungsvoll und alt und düster. Die Bettvorhänge waren aus rotem Samt, italienisch, wissen Sie, und von Goldlitze umsäumt. Der Bettüberwurf war aus dunkelrotem Samt und mit der gleichen Litze eingefasst. Am Boden neben dem Bett stand eine Fußbank, auf der ein rotes, quastenverziertes Kissen lag, und auf dem Kissen lag aufgeschlagen eine Bibel in italienischer Sprache.
Sie gab mir ein langes Nachthemd, das fiel bis zu den Füßen hinab und bauschte sich dann fast bis an die Knie. Sie öffnete mir das Haar, es war damals lang und gelb. Sie flocht es zu zwei Zöpfen; sie ließ mich neben sich niederknien und sagte ein Gebet auf Deutsch, dann eins auf Italienisch, schloss mit den Worten „Gott segne dich“, und ich ging zu Bett. Ich liebte sie sehr, weil es zwischen uns nichts gab als diese seltsame Vorbereitung aufs Zubettgehen. Sie ging dann aus dem Zimmer. Ich hörte das Kind weinen, war jedoch müde.
Ich blieb ein Jahr lang. Der Gedanke an die Bühne war aus meinem Herzen gewichen. Ich war eine réligieuse, eine Nonne geworden. Es war eine sanfte Religion, die mit dem Gebet begonnen hatte, das ich ihr an jenem ersten Abend nachgesprochen hatte, und mit der Art, wie ich schlafen gegangen war, obwohl wir die Zeremonie niemals wiederholten. Sie wuchs unter dem Einfluss der Möbel und der Atmosphäre des ganzen Zimmers und der Bibel, die an einer Seite aufgeschlagen lag, die ich nicht lesen konnte. Eine Religion, Madame, die keinerlei Entbehrung kannte, und vielleicht war sie demnach nicht gottgefällig und nicht, wie sie eigentlich hätte sein sollen. Ich war eben glücklich, und ich lebte dort ein Jahr lang. Ludwig sah ich fast nie und ebenso selten auch Valentine, denn so hieß ihr Kind, ein kleines Mädchen.
Am Ende jenes Jahres merkte ich jedoch, dass in anderen Ecken des Hauses Unruhe herrschte. Ich hörte sie des Nachts umherlaufen, und manchmal war Ludwig dann bei ihr, ich konnte ihn schreien und sprechen hören, doch ich konnte nicht verstehen, was er sagte. Es hörte sich nach einer Belehrung an, etwas, das von einem Kind wiederholt werden soll, doch wenn das so war, dann blieb die Antwort aus, denn das Kind gab nie einen Ton von sich, außer jenem summenden Schrei.
Manchmal ist es herrlich in Deutschland, Madame, nicht wahr? Es geht nichts über einen deutschen Winter. Sie und ich gingen gern am Kaiserpalais spazieren, und sie strich über die Kanonen und sagte, sie seine großartig. Wir sprachen über Weltanschauliches, denn sie hatte das Problem, dass sie zu viel nachdachte, doch sie kam immer zu demselben Schluss, dass man wie alle anderen auch sein oder zu sein versuchen müsse. Sie erklärte, so wie alle anderen zu sein, mit seinem ganzen Wesen und ohne Einschränkung, das heiße, heilig sein. Sie sagte, die Menschen verstünden nicht, was damit gemeint sei, wenn es heiße, „Liebe deinen Nächsten wie dich selbst“. Es sei damit gemeint, sagte sie, dass man sein solle wie alle Menschen und man selbst, und dann sagte sie, man sei gleichzeitig am Ende und mächtig.
Manchmal sah es so aus, als käme sie zurecht, als sei sie durch und durch Deutschland, zumindest in ihrem italienischem Herzen. Sie wirkte heillos gefasst und dabei doch betrübt, dass ich mich vor ihr fürchtete und auch nicht fürchtete.
So verhielt sich das, Madame, sie schien es so haben zu wollen, obwohl sie nachts sehr konfus und zerstreut war, ich konnte sie in ihrem Zimmer umhergehen hören.
Dann kam sie eines Nachts herein und sagte, ich müsse zu ihr ins Zimmer kommen. Es war in einer entsetzlichen Unordnung. Es stand ein Kinderbett darin, das vorher nicht da gewesen war. Sie zeigte darauf und sagte, das sei für mich.
Das Kind lag in dem prächtigen Bett, gegen ein großes Spitzenkissen gelehnt. Inzwischen war es vier Jahre alt und lief doch nicht, und ich hörte es niemals irgendetwas sagen oder irgendeinen Laut von sich geben, außer jenem summenden Schrei. Es war schön auf diese unechte Weise, wie schwachsinnige Kinder schön sind. Ein heiliges Tier ohne Abnehmer, befleckt von Unschuld und öder Zeit, honigblond und schwach, wie jene zwergenhaften Engel auf frommen Drucken und Valentinskarten, wenn Sie verstehen, was ich meine, Madame, etwas, das für einen besonderen Tag aufgehoben wurde, der nicht kommen würde, überhaupt nicht fürs Leben, und meine Dame sprach unterdessen ruhig zu mir, doch ich kannte sie überhaupt nicht mehr.
„Du musst jetzt hier schlafen“, sagte sie, „ich habe dich dafür hergeholt, falls ich dich brauchen sollte, und ich brauche dich. Du musst hierbleiben, du musst für immer hierbleiben.“ Dann fragte sie: „Willst du?“, und ich sagte, nein, das könne ich nicht.
Sie nahm ihre Kerze hoch und stellte sie neben mir auf den Boden und kniete daneben nieder und schlang mir die Arme um die Knie. „Bist du treulos?“, sagte, sie, „bist du in mein Haus, sein Haus, das Haus meines Kindes gekommen, um uns im Stich zu lassen?“, und ich sagte, nein, ich sei nicht gekommen, um sie im Stich zu lassen. „Dann“, sagte sie, „wirst du tun, was ich dir sage. Ich werde es dich lehren, langsam, ganz langsam. Es wird dich nicht überfordern, doch du musst beginnen, zu vergessen, was die Menschen dir erzählt haben. Du musst alle Argumente und die Philosophie vergessen. Es war falsch von mir, von solchen Dingen zu sprechen. Ich dachte, es würde dich lehren, wie du in ihren Geisteszustand zurückfallen kannst, wie du die vergehende Zeit für sie auflösen, dich in ihre Entbehrung und ihre Enteignung hineinfinden könntest. Ich habe dich schlecht erzogen; ich war eitel. Du wirst es besser machen. Vergib mir.“ Sie legte die Handflächen auf den Boden und hielt ihr Gesicht dicht vor meins. „Du darfst niemals ein anderes Zimmer sehen als dieses. Es war eine große Eitelkeit, dass ich dich zum Spazierengehen mitgenommen habe. Jetzt wirst du hier drinbleiben, sicher aufgehoben, und du wirst schon sehen. Du wirst es mögen. Ich werde dir Frühstück bringen und Mittagessen und Abendessen. Ich werde es euch beiden persönlich bringen. Ich werde dich auf den Schoß nehmen, ich werde dich füttern wie ein Vogeljunges. Ich werde dich in den Schlaf wiegen. Du darfst nicht mit mir streiten, – vor allem dürfen wir keine Auseinandersetzungen haben, keine Gespräche führen über den Menschen und sein Schicksal – der Mensch hat kein Schicksal – das ist mein Geheimnis, ich habe es dir bis heute verschwiegen, bis zu diesem Augenblick. Warum ich es dir nicht schon früher gesagt habe? Vielleicht habe ich dies Wissen eifersüchtig gehütet, ja, das muss es sein, doch jetzt schenke ich es dir, ich teile es mit dir.
Ich bin eine alte Frau“, sagte sie und hielt immer noch meine Knie umfasst, „als Valentine geboren wurde, war Ludwig noch ein Knabe.“ Sie stand auf und trat hinter mich. „Er ist nicht stark, er begreift nicht, dass die Schwachen das Stärkste auf der Welt sind, weil er einer von ihnen ist. Er kann ihr nicht helfen, sie sind unzugänglich füreinander. Ich brauche dich, du musst es sein.“ Plötzlich begann sie, mit mir zu sprechen, wie sie mit dem Kind sprach, und ich wusste nicht, mit wem von uns beiden sie sprach. „Sprich mir nie irgendetwas nach. Weshalb sollen die Kinder nachsprechen, was die Leute sagen? Das Ganze ist nichts als ein Geräusch, so heiß wie das Innere eines Tigermauls. Sie nennen das Kultur – aber das ist eine Lüge! Doch eines Tages wirst du vielleicht hinausgehen müssen, wird irgendjemand dich auszuführen versuchen, und dann wirst du sie nicht verstehen oder was sie sagen, außer du verstehst gar nichts, absolut nichts, dann wirst du damit fertigwerden“. Sie umkreiste mich, sodass sie uns ansah und mit dem Rücken zur Wand stand. „Hör zu“, sagte sie, „es ist alles vorbeikam, es ist verschwunden, du brauchst keine Angst zu haben; es gibt nur dich. Die Sterne sind verloschen, und der Schnee fällt und deckt die Welt zu, die Hecken, die Häuser und die Lampen. Nein, nein!“, sagte sie zu sich selbst, „warte. Ich werde dich auf die Füße stellen und dich mit Bändern aufputzen, und dann werden wir hinausgehen, in den Garten, wo die Schwäne sind und die Blumen und die Bienen und kleinen Tiere. Und dann werden die Studenten kommen, denn es wird Sommer sein, und die werden in ihren Büchern lesen -“, sie brach ab, nahm dann jedoch ihre wilde Rede wieder auf, diesmal, als spräche sie wirklich zu oder von mir: „Katya wird mit dir gehen. Sie wird dich unterrichten, sie wird dir sagen, daß es keine Schwäne, keine Blumen, keine Tiere gibt – nichts, absolut nichts, geradso wie es dir gefällt. Keinen Geist, keine Gedanken, auch sonst absolut nichts. Keine Glocken werden läuten, keine Menschen werden sprechen, keine Vögel werden fliegen, keine Knaben werden sich regen, es wird keine Geburt geben und keinen Tod; keinen Kummer, kein Lachen, kein Küssen, kein Weinen, kein Entsetzen, keine Freude; kein Essen, kein Trinken, keine Spiele, kein Tanzen; keinen Vater, keine Mutter, keine Schwestern, keine Brüder – nur dich, nur dich!“
Ich unterbrach sie und sagte: „Gaya, was quält dich nur so, und was soll ich tun?“ Ich versuchte, die Arme um sie zu legen, doch sie schlug sie weg und schrie: „Still!“ Dann sagte sie, während sie mit ihrem Gesicht ganz nah an meins herankam: „Sie hat keine Klauen, um daran zu hängen. Sie hat keinen jagtflinken Fuß; sie hat kein Maul für das Fleisch – Leere!“
Dann, Madame, stand ich auf. Es war sehr kalt im Zimmer. Ich trat ans Fenster und zog den Vorhang beiseite, es war eine kalte, sternklare Nacht, und ich stand, den Kopf an den Fensterrahmen gelehnt, und sagte nichts. Als ich mich wieder umwandte, schaute sie mich an, mit ausgestreckten Händen, und ich wusste, dass ich weggehen und sie verlassen musste. Und ich trat zu ihr und sagte: „Auf Wiedersehen, my Lady.“ Und ich ging und zog meine Straßenkleidung an, und als ich zurückkam, lehnte sie an dem Schlachtgemälde, mit herabgesunkenen Händen. Ich näherte mich ihr nicht, sondern sagte nur: „Auf Wiedersehen, mein Herz“, und ging.
Manchmal ist es schön in Berlin, Madame, nicht wahr? Mein Herz wurde von etwas Neuem bewegt, dem leidenschaftlichen Wunsch, Paris kennenzulernen, und so war es nur natürlich, dass ich Berlin Lebewohl sagte.
Ich ging zum letzten Mal in das Café in den Zelten, aß meine Eier, trank meinen Kaffee und beobachtete das Kommen und Gehen der Vögel – erst alle auf einmal da, dann alle auf einmal weg. Ich war glücklich gestimmt, denn so ist das mit meiner Stimmung, Madame, wenn ich woanders hingehe.
Doch ein einziges Mal kehrte ich noch zu ihrem Haus zurück. Ich ging einfach nur durch die Tür hinein, denn alle Türen und Fenster waren geöffnet – vielleicht machten sie ja an dem Tag sauber. Ich stand vor der Schlafzimmertür und klopfte, doch es kam keine Antwort. Ich stieß die Tür auf, und da war sie. Sie saß aufrecht mit dem Kind im Bett, und sie und das Kind stießen diesen summenden Schrei aus, und zwischen ihnen gab es keinen menschlichen Laut, und wie gewöhnlich herrschte eine gewaltige Unordnung. Ich trat neben sie, doch sie schien mich nicht zu erkennen. Ich sagte: „Ich gehe weg; ich fahre nach Paris. Ich habe große Sehnsucht, in Paris zu sein. Deshalb bin ich gekommen, um Lebewohl zu sagen.“Sie stand vom Bett auf und kam mit bis zur Tür. Sie sagte: „Verzeih mir – ich habe dir vertraut – ich habe mich geirrt. Ich wusste nicht, dass ich es selbst tun konnte, doch du siehst ja, ich kann es selbst.“ Dann legte sie sich wieder aufs Bett und sagte: „Geh weg“, und ich ging.
So ergeht es einem, wenn man reist, nicht wahr, Madame?“
Aus: Djuna Barnes, Leidenschaft, neun Erzählungen, Quartheft 147, Verlag Klaus Wagenbach Berlin, 1986. Die Erstausgabe ist unter dem Titel „Spillway“ 1960 bei Faber und Faber in London und 1962 bei Farrar, Strauß und Giroux in New York erschienen.
