Eine Frage, die ich mir häufig gestellt habe, und auch ob es Frauen sein sollten- wenn nicht gar lesbische Frauen? Können auch Männer als Leitbilder für Frauen dienen, und was ist das überhaupt, ein Leit/Vorbild, wozu braucht man es, und kann man nicht auch ohne es Halt im Leben finden und sich zu einer eigenständigen und gefestigten Persönlichkeit entwickeln? In vielen lesbischen Diskussionsforen im Internet scheint die Meinung vorzuherrschen, dass es nicht nötig sei, jemandem nachzueifern- ahmen oder ihn gar zu verehren, (und schon gar nicht eine Frau), die eigene Rolle sollte ganz alleine gefunden werden, ohne vorgelebte Beispiele …
… ich selbst hatte in meinem Leben einige Vorbilder und habe sie mir schon sehr früh und unbewusst gewählt – und es waren immer Frauen gewesen- ganz unterschiedliche Frauen in den unterschiedlichsten Lebenssituationen, und von jeder habe ich mir jeweils ein Teil ihres Wesens, ihrer Fähigkeiten und die Art und Weise in der Welt als weibliches Wesen klarzukommen „abgeguckt“ und verinnerlicht. Und es gab einige in meinem Leben (Vorbilder und „abgeguckte“ Dinge) und mit ihnen bin ich dann aufgewachsen und auch an ihren gewachsen.
Noch allzu gut kann ich mich noch an Renate erinnern, sie war eine Bekannte meiner Mutter gewesen und arbeite im Jugendhaus im Nachbarviertel. Nachmittag für Nachmittag bin ich dort hin gepilgerte, alleine und zu Fuß, in kreativ bunter Umgebung habe ich dort dann gemalt, gebastelt und mich vor ihrem kleinen „Rückzugs-Zimmer“ rumgedrückt. Farben, Stoffe, Perlen, Masken, stapelten sich dort in einem kunterbunten Durcheinander, eine Oase für ein kleines Mädchen von 10 Jahren – und dann noch der Hauch von ihrem Parfum. Renate war eigentlich Malerin gewesen und verdiente sich ihren Lebensunterhalt als eine Art Pädagogin, sie war hübsch, nett, interessant und hatte einen geflochtenen Zopf, der ihr bis zum Po hinabreichte. Ihre Bilder waren an den Surrealismus angelehnt, verwunschene Wesen in verworrenen Urwaldlandschaften und auf Sperrholzplatten gemalt, ihre Wohnung war vollgestellt mit ihnen. Ich verehrte und ich liebte sie. Renate, von habe ich gelernt was es heißt kreativ zu sein, meine inneren Bilder zu sehen, auf sie zu achten und sie auch in die Welt zu hinaus zu tragen.
Ich verehrte Baccara, ein Popduo aus Spanien, dass in den 70er Jahren, die Charts stürmte, Mayte und Maria hießen die beiden, sie zeigten mir, was Sinnlichkeit ist, sich zu schminken, seinen Körper zu schmücken und zu lieben.
Die nächste reale Frau, die mir so spontan einfällt, war meine Klassenlehrerin, Deutsch und Englisch, 7te bis 10te Jahrgangsstufe. Ihr Haar war knallrot hennagefärbt und wirr, auf hohen Hacken kam sie stets zu uns reingeklackert, zierlich, apart und bestimmt. Sie war in Südafrika aufgewachsen und ihr Mann war Lektor beim Suhrkamp Verlag, sie liebte Sprachen, Literatur und auch das Leben. Meine damalige beste Freundin und ich hatten uns gleichzeitig in sie verliebt, stundenlang lauerten wir ihr auf den Schulfluren auf, standen bei Sonne und Regen vor ihrem Haus herum- und mehr als einmal hat sie uns dabei erwischt. Wir verewigten sie in diversen Zeichnungen und selbst geschriebenen Geschichten, die wir später zu einem kleinen Buch binden ließen. Von ihr habe ich gelernt, was es heißt von einer Gruppe (bei ihr das Lehrerkollegium) nicht wirklich anerkannt zu sei (weil zu fremd und zu anders) aber dennoch das Gesicht und eine Haltung zu bewahren.
Meine größte (Vorbild) Liebe aber hieß Marcia Haydée, eine brasilianische Balletttänzerin, die Stuttgart von den 60er bis in die 90er Jahren hinein verzauberte. Mit den modernen Choreografien von John Cranco, Maurice Béjart und John Neumeier tanzte sich in mein Herz und in meine Seele hinein. Sie war gleichzeitig Primaballerina und Ballettdirektorin der Companie, die Rolle der Chefin füllte sie vorzüglich aus, eine weibliche Frau, die Macht und Einfluss besaß ohne allzu sehr zu männlichen Attributen greifen zu müssen – mit knapp 50 Jahren stand sie immer noch auf der Bühne, nicht mehr jung aber dennoch weiterhin sehr attraktiv. Marcia hat mein Leben und meine Vorstellungen über Frauen (rollen) am nachhaltigsten geprägt, mein Bild von Schönheit beeinflusst und die Gewissheit in mir gefestigt, dass eine Frau eine Frau bleiben kann – und dennoch Einfluss haben und Macht erlangen kann. Sie muss sich nicht den Kokon eines Mannes überstülpen, um in der Welt mitmischen zu können, sie kann es als Frau machen. Und sie hat mir gezeigt, dass im Alter die (sexuelle) Attraktivität nicht aufhören muss – ganz im Gegenteil – eine ältere Frau besitzt oft eine Magie, die den jüngeren noch nicht zugänglich ist – eine Art Symbiose aus Lebenserfahrung-Kraft und positiver Verzweiflung, sehr anziehend, vor allem für (lesbische) Frauen.
Vorbilder – und auch heute noch (mit über 40 Jahren) entdecke ich Frauen, die mich beeindrucken und das jüngste Beispiel ist Patricia Field. Eine (lesbische) New Yorker Modedesignerin, die sich durch die Filme: „Der Teufel trägt Prada“ und „Sex and the City“ einen Namen gemacht hat. Eine exzentrische Außenseiterin, und ich finde sie faszinierend, weil sie mir einen Weg aufzeigt, wie es möglich ist, mit weit über 60 noch sexy, lebendig und attraktiv zu sein, (sie ist 68 Jahre alt!), Leidenschaften auszuleben und zu leben.
Und hier zurück zu der Ausgangsfrage, brauchen lesbische Frauen Vorbilder, sollen sie Frauen sein und gar noch lesbische? Hm, das ist schwer zu beurteilen, ich persönlich denke schon – das mit den Frauen – weil wie sonst soll man das lernen, das Bestehen als Frau in einer Männerwelt, ein positives Selbstbild aufbauen, etwas zu erreichen, (beruflich, privat, oder wie auch immer) ohne dabei eine allzu billige Kopie vom „anderen Geschlecht“ zu werde und zu „vermännlichen“ (äußerlich wie innerlich). Denn Männer bestimmen nun mal den Lauf der Welt, sie haben den Großteil der Berufe inne (Wirtschaft, Technik), schreiben die maßgeblichen Bücher und haben auch in der Kunst und Kultur die Nase vorne. Es ist ein von ihnen geschaffenes Universum, im dem der Frau nur ein Platz am Rande zugestanden wird, nämlich Geliebte und Mutter.
Frauen also definitiv ja- aber lesbische? Zugegeben lesbische Vorbilder sind (vor allem im deutschsprachigen Raum) immer noch recht rar gesät, wir kennen ein paar aus Politik und Fernsehen, über einige wird nur gemunkelt – ist sie es, oder ist sie es nicht – denn ein öffentliches Coming-out wird noch allzu oft mit einem frühzeitigen Karriereknick bezahlt. Die Suche gestaltet sich also eher schwierig, aber vielleicht ist es gar nicht zwingend nötig, dass die Frau lesbisch ist, wohlmöglich sind ganz andere Dinge von Bedeutung, wenn man sich an einer Person zu orientieren versucht.
Wir haben uns daher entschlossen in diesem Blog (unter der Kategorie Vorbilder) Frauen vorzustellen, die nicht unbedingt offen lesbisch sein müssen, aber etwas in ihrem Leben gemacht haben, eine Sache für, die sie „brennen“, und daher die aus den weiblichen Klischees herausstechen (passiv, nur für die Liebe und Familie lebend ect) – dabei aber nicht allzu sehr ihre Identität als weibliche Wesen zu verlieren. Frauen also, deren Energie uns gefällt.
Ich glaube, dass es auch wichtig ist als lesbische Frau, lesbische Vorbilder zu haben, denn Vorbilder machen Mut und geben Hoffnung und vermitteln einem, dass man auch als vermeintliche Minderheit erfolgreich sein kann. Leider wurden in der Vergangenheit und werden auch heute noch Biographien berühmter, eindeutig lesbischer Frauen verschandelt. Lebenslange Partnerschaften mit einer Frau werden ignoriert und dafür die kurze Verlobung mit einem Mann aufs Höchste dramatisiert und als die Liebe ihres Lebens abgetan. Besonders perfide ist das bei Schriftstellerinnen getan worden, die in Tagebüchern oder Werken ihre Liebe zu Frauen verewigt haben. Da werden auch schon mal Briefe oder andere Schriftstücke eliminiert. Es ist eben, wie ihr sagtet, eine Männerwelt, da kann man keine starken Frauen gebrauchen, die noch dazu ohne Männer leben und lieben können.
Hallo Robbe,
lesbische Vorbilder zu haben wäre natürlich der Idealfall nur leider, wie du ja selbst schon geschrieben hast, sind diese rar gesäht. Ich wollte mit meinem Text einen kleinen Ausweg aus diesem Dilemma aufzeigen, wie es dennoch möglich sein kann, sich positive Eigenschaften von Frauen anzueignen, auch wenn sie hetero sind.
Und das mit dem “Leugnen von lesbischen Beziehungen” bei z.B. Schriftstellerinnen ist leider allzu wahr. Ein Beispiel, das mir einfällt ist Simone de Beauvoir, ihre Beziehung mir Sartre wurde öffentlich ohne Ende breitgetreten, dass sie auch Frauen liebte aber komplett verschwiegen. Selbst in den Interviews, die Alice Schwarzer mit ihr führte (1971 – 1982) und in einem Buch herausgab, wurde es in keinster Weise erwähnt. Erst in der letztes Jahr erschienenen Neuauflage wird im Vorwort diese Tatsache vermerkt.
Sylvie le Bon, hieß ihre ehm. Studentin, letzte Lebensgefährtin und Adoptivtocher- mit der sie sicherlich mehr als eine platonische Beziehung führte – auch ist sie, so glaube ich zumindest, aus dem Schuldienst suspendiert worden, da sie sich mit einer Schülerin eingelassen, die Mutter es bemerkt und sie angezeigt hatte.
Sogar Alice Schwarzer, die Ikone des Feminismus, hat das unter den Teppich gekehrt? Ich verstehe immer nicht, wie Frauen, die für die Unabhängigkeit der Frau vom Mann stehen, solche Details einfach weglassen können und damit eigentlich indizieren, dass Frauen eben doch nur mit Männern zusammen gehören.
Ich glaube Simone de Beauvoir hat es Alice Schwarzer in den Interviews nicht so direkt gesagt, hatte immer Angst als lesbisch “abgestempelt” zu werden, da sie schon als Schriftstellerin genug kämpfen musste. Alice selbst ist ja eigentlich auch nicht so richtig geoutet, habe sie aber schon ca. 1987 auf einem Lesbenfest in Köln samt Freundin getroffen;)
Oh, Alice Schwarzer ist auch lesbisch? Meine Güte, wusste ich so gar nicht. Ich dachte irgendwie immer, sie wäre verheiratet, mit einem Mann. Aber gut zu wissen ;) .