In einem verspäteten Sommer fuhr Elena auf eine Chorfreizeit ins europäische Ausland und teilte ihr Apartment mit einer etwa 10 Jahre älteren Dame, die genauso wie sie, sich für den Gesang und die Musik begeisterte. Laura war Anfang 30 und hatte lange rotblonde Haare, die sie immer mit einer kristallglitzernden Spange zu einem Dutt befestige. Sie hatte etwas divenhaftes an sich, weswegen Elena sie erst für eine Gesangsstudentin gehalten hatte. Nach einem mit Auszeichnung bestandenen Kirchenmusikstudium hatte sie in verschiedenen Gemeinden als Kantorin gearbeitet und ihren Job noch nicht lange ausgeübt, als sie auf Grund von seelischen Problemen krank geschrieben wurde. Laura hatte vor allem mit dem Neid ihrer männlichen Kollegen zu kämpfen gehabt, denn sie komponierte und inszenierte Opern und das mit nicht wenig Erfolg. Sie wurde als fast einzige Frau in einem traditionellen Männerberuf, nicht akzeptiert. Dies lag nicht nur daran, dass sie eine Frau war, es war ihr ganzes Bild, ihre Erscheinung die nicht passte. Ein Pastor hatte einmal zu Laura gesagt: „Frau Krämer, sie sind der Teufel, die Sünde, die Versuchung in einer Person. Sie sind zu schön für die Kirche.“
Elena war damals, als sie Laura kennenlernte, selbst in einer kritischen Phase, da sie gerade entdeckt hatte, dass sie Frauen liebte, dass sie nur Frauen geliebt hatte, ihr ganzes Leben lang und nun brach ein lange in Zaum gehaltenes Feuer durch sie hindurch, es war von nichts und niemand mehr aufzuhalten.
Sie verliebte sich heftig in Laura, nicht nur, weil sie schön war, sondern, weil sie die erste Person war, die Elena wirklich verstand. Sie teilten sich ein rustikales Apartment in einem kleinem altertümlichen Dorf, welches hoch oben auf einem Hügel lag, mit einem Blick über die gesamte Umgebung: Weinberge durchzogen von kleinen, grünen, duftenden Tälern mit Kirchen, die zu jeder Stunde zur Hochzeit zu läuten schienen. Sie kauften morgens in der Stadt am Fuße des Hügels ein, bereiteten sich leckere Mahlzeiten mit den Delikatessen der Region zu, machten Ausflüge in die umliegende Umgebung und saßen abends zusammen bei Kerzenschein und einem guten Glas Rotwein in den Cafés des Ortes. Elena wechselte, obwohl sie Sopran war, zu Laura in den Alt, sie lernte durch sie in der Mittellage mit viel Stimme zu singen und wenn sie neben ihr sang, dann übertrug sich ihre Energie, sie hatte noch nie so viel Freude daran gehabt in einem Chor zu singen.
Von Abend zu Abend wurden ihre Zungen lockerer, sie öffneten sich mehr und mehr füreinander, sie erzählten von ihrem vergangenen Leben, von ihren Traumata, von ihren Liebschaften und sie begannen immer mehr miteinander zu verschmelzen, eine Art von seelischer Einheit zu bilden. Sie dachten und fühlten oft dasselbe, wenn es der anderen schlecht ging, dann übertrug sich das und umgekehrt. Laura hatte sich schon mehrmals das Herz von Männern – sie bezeichnete diese Männer immer als „Löwen“ – brechen lassen, sie war aber auch sexuell den Frauen nicht abgeneigt. „Ja, mit einer Frau, dass kann man ja auch nicht vergleichen oder? Wenn ich die Wahl habe, mit einer Frau, oder einem Mann, dann nehme ich die Frau, ist doch klar…“ Elena erzählte ihr davon, dass sie eben das getan hatte, mit einer viel älteren Frau, das sie verheiratet war und ihr Herz gebrochen hatte.
Laura erklärte Elena, dass sie mit den Frauen, die sie wirklich liebte, nicht schlief, dass sie freundschaftliche Beziehungen mit ihnen führte und sie lehnte es auch ab, mit Elena zu schlafen. „Ich will dich nicht verletzen, denn es ist dir schon so oft passiert, ich werde dir so etwas nicht antun.“ Sie begann mütterliche Gefühle für sie zu entwickeln, wollte sie beschützen, ihr Nähe geben, denn sie war ja die Ältere. Fast jeden morgen stand sie vor Elena auf, welche nicht aus dem Bett kam, da sie wegen ihrer Identitätskrise starke Medikamente verschrieben bekommen hatte (die Therapeuten waren mit ihrem „Problem“ überfordert gewesen), brachte ihr Croissants und Kaffee ans Bett, sorgte sich für und um sie.
Eines Abends lagen sie beide aneinander geschmiegt in Lauras Bett, Elena hatte den Kopf an Lauras Brust gelegt, spielte mit ihren seidigen roten Haaren, atmete ihren Duft ein. „Hast du dich denn nie in eine Frau richtig verliebt, ich meine, wenn du mit ihnen schläfst oder sie so magst, wie du mich z. B. magst, warum hast du nie an eine Beziehung mit ihnen gedacht?“ „Ich habe eine Arbeitskollegin, die älter ist als ich, wir sind Lebensgefährtinnen, immer für einander da, wenn es der anderen schlecht geht, ich rufe sie an und sie mich… du musst dir auch so etwas suchen, so eine Lebensgefährtin.“ „Hmm ja, aber warum nur Lebensgefährtin und ihr lasst euch beide also trotzdem mit Männern ein, ist das nicht irgendwie kompliziert und du willst auch keine Beziehung mit einem Mann?“ Laura schob Elena etwas von sich weg, damit sie sie anschauen konnte. „Die Männer haben mich verrückt gemacht, mittlerweile schlafe ich nicht mehr mit ihnen, denn es läuft nie gut, sie betrügen und belügen dich, mein letzter Freund hatte Angst vor mir, denn als ich erfuhr, dass er eine andere hatte, habe ich auf ihn eingeschlagen, ihn angeschrien, ich bin durch die Stadt gelaufen, ich wusste nicht mehr wo ich war, mir fiel einfach der Name der verdammten Stadt nicht mehr ein, alles um mich herum schien nicht real zu sein, eine andere Dimension, eine fremde, mir feindlich gesinnte Welt. Sie haben mich dann eingewiesen…“ Sie hielt inne und wurde nachdenklicher. „Aber bist du dir denn wirklich sicher, dass du ausschließlich Frauen begehrst, ich meine, du hast mir mal erzählt, von dieser Geschichte mit dem Kerl, der dich nicht in Ruhe lassen konnte, dass muss ja schlimm für dich gewesen sein.“ Elena spürte, wie sich ihr Körper innerlich zusammen zog und verhärtete. „Hmm, meinst du wirklich, dass ich vielleicht auch Männer mögen könnte, auch, wenn ich mich noch nie in einen Mann verliebt habe? Ja, dieses Erlebnis, das war wirklich nicht so schön, aber dass ich nur deswegen Frauen mag, ich weiß nicht so recht.“
Elena schlief in dieser Nacht, trotz oder vielleicht auch wegen der Medikamente, sehr schlecht, sie war verwirrt, hatte sie doch etwas in Laura gesehen, dass ihr ähnlich war und es war diese Ähnlichkeit, welche am Anfang ihr Herz hatte höher schlagen lassen, die sie jetzt verwirrte und beunruhigte.
Am nächsten Morgen machten sie gemeinsam mit dem Chor einen Tagesausflug nach Rom. Elena und Laura waren die letzten, die den Reisebus betraten, sie mussten die übriggelassenen Plätze auf der Rückbank einnehmen. Die Gruppe bestand zum größten Teil aus hageren, bebrillten Jungs, die Kirchenmusik studierten und die es vermieden, während der gesamten Reise mit Laura und Elena zu reden. Man hatte Frauen von außerhalb des Kirchenmusikstudiums hinzukommen lassen, da es sonst nicht genügend Sopräne und Altistinnen im Chor gegeben hätte. „Schau sie dir an“ sagte Laura verächtlich, „jetzt weißt du, was ich in diesem Studium und auch danach durchmachen musste. Die sind frauenfeindlich ohne Ende.“ „Hmm, mir ist aufgefallen, dass die wenigen Frauen, die dieses Studium studieren ziemlich graue Mäuse sind, sie sind ganz anders, als du es bist. Aber ich habe den Eindruck, dass sie akzeptiert werden.“ „Ja, die werden aktzeptiert, weil sie hässlich und unscheinbar sind, unsere werten Herren haben ja auch nur Angst vor den schönen Frauen. Die stellen für sie eine Art Bedrohung dar. Ich glaube, sie haben mich damals als eine Art „Hexe“ gesehen. Die meisten von denen sind übrigens schwul, sie hassen Frauen vielleicht auch deswegen. Weißt du, es sind nicht die Sorte von den „normalen“ Schwulen, die, die einem sofort ins Auge fallen, sie sind eher unaufällig und sich oft ihrer Neigung gar nicht bewusst. Schau, wie linkisch sie sich bewegen, wie sie uns nicht in die Augen schauen können, man hat den Eindruck, dass sie sich immerzu für etwas schämen. Sie haben ein Problem damit, wegen Glaube und so, und manche merken es erst, wenn sie schon verheiratet sind. Der eine Professor, der war auch verheiratet, als der die Stelle bekommen hat, hat er sich sofort scheiden lassen und er wohnt jetzt bei einem ehemaligen Studenten von ihm. Das wissen alle, aber keiner spricht darüber. Die wenigen, die dazu stehen sind meistens die etwas „Netteren“.“
Die Atmosphäre, die ihnen entgegen schlug, war durchzogen von Kälte, was nicht nur an der Klimaanlage des Busses lag, die ihnen auf der Rückbank zu schaffen machte. Sie wurden während der Fahrt wegen der vielen Kurven hin- und hergeschmissen, Elena schmiegte sich in Lauras Arme, sie hielt sich an ihr fest, sie lag mit ihrem Kopf genau auf ihren vollen Brüsten. Wie gerne hätte sie diese berührt, sie waren so anders, soviel größer als ihre eigenen, die Frauen, mit denen sie ihre flüchtigen sexuellen Erfahrungen gesammelt hatte, waren immer eher etwas knabenhaft von der Figur her gewesen, Laura aber war eine richtige Frau. Auch wenn Laura nur 10 Jahre älter war – Elena hatte sich davor schon in deutlich ältere Frauen verliebt – umgab auch sie diese mütterliche Aura. Sie durfte nicht entweiht werden.
Elena schrak hoch, als das schrille Klingeln von Lauras Handy sie aus dem Schlaf holte. „Sie ist jetzt in der Klinik…? In welcher? Was bekommt sie für Medikamente? Frau Weidemann, jetzt beruhigen sie sich doch mal! Nein, Sie sollten sie jetzt erst einmal in Ruhe lassen. Wenn sie sie jetzt besuchen kommen, dann wird es für sie nur noch schlimmer werden. Glauben sie mir, ich kenne mich da aus. Sie möchte mich sehen? Aber ich bin im Moment in Italien, ich kann jetzt nicht schon nach Hause fahren… Ja, ich rufe Sie zurück. Nein… um Gottes Willen, an mir wird es nicht gelegen haben, wie kommen Sie bitte darauf? Nein, sie muss jetzt erst einmal alleine klar kommen, das müssen wir alle, ok? Auch Sie, Frau Weidemann, jetzt weinen sie doch nicht! Es wird alles gut, ich verspreche es. Nein, sie haben nichts falsch gemacht… Nein, ihr Mann auch nicht. Hören Sie, ich muss jetzt auflegen, ich rufe Sie heute abend zurück.“ Lauras Hände zitterten, als sie ihr Handy zurück in ihre Handtasche steckte. Sie starrte stumm auf den Vorderstitz. Ihre helle Haut schien jetzt noch blasser geworden zu sein. „Was ist los? Was ist denn passiert?“ Wie in Zeitlupe wand sie sich Elena zu. „Ja… meine Untermieterin. Sie ist gestern in der Disko gewesen und jemand hat ihr eine Tablette in die Cola geworfen. Sie hat darauf eine Psychose bekommen und ist jetzt in der geschlossenen Psychatrie. Ich habe mich immer um sie gekümmert. Ich habe sie bei mir aufgenommen, weil ich gesehen habe, dass sie Probleme hat und ich ihr helfen wollte. Ich kenne die Geschichten ja. Probleme mit Männern und so. Und natürlich mit den Eltern. Sie hat bei Männern immer Geborgenheit gesucht und sie hat versucht diese mit Sex zu erkaufen. Mir tat sie so leid, ich habe sie oft nachts bei mir in meinem Bett schlafen lassen. Wir lagen eng aneinander gekuschelt und haben die ganze Nacht geredet. Und jetzt fragt sie die ganze Zeit nach mir. Aber was soll ich tun, ich kann jetzt nicht zurückfahren.“
Und dann Rom. Das sagenumwobene Rom. Die erste Station war der Petersdom. Touristen traten sich gegenseitig auf die Füße, Aggressivität schwelte in der Luft, ein Rudel zivilisierter Ratten wälzte sich durch seine Tore, zwischen den gigantischen Säulen hindurch. Innen prunkte barocke Überfülle, man wusste nicht, wohin man schauen sollte, eine Kathedrale so groß wie ein Flughafen. Amerikanerinnen mit farbigen Kappen und umgehängten Riesenkameras waren besonders angetan, sie wirkten wie weggetreten, am Ziel/Ende ihrer Reise und sie sogen erfürchtig die Stimmung in sich auf, die Atmosphäre einer gigantischen Wartehalle. Laura war still geworden neben Elena, sie sprach seit dem Anruf nicht mehr viel, ihre Gedanken schienen sich in Endlosschleifen zu drehen. „Komm, lass uns hier raus gehen, ich halte es hier drin nicht mehr aus.“ Draußen empfing sie die blendende Mittagssonne.
„Da gibt es noch die vielen Kirchen, die kleineren, sie sind ganz anders als der Petersdom, nicht so anonym. Lass uns sie anschauen, in der einen, da gibt es einen echten Carravagio und wenn du erst die vielen Madonnenanlitze gesehen hast, es wird dir das Herz aufgehen.“ Elena zog Laura mit sich in die ruhigeren Straßen und Gassen, fernab der touristenüberfluteten Alleen. Sie war im letzten Jahr zur selben Zeit in Rom gewesen und kannte sich ein wenig aus. Aber genauso wie damals fühlte sie sich überfordert, Rom war für sie eine einzige Reizüberflutung, sie hatte das Gefühl, dass der Prunk und Protz, die überbordenden Fassaden der Kirchen und Paläste, die vielen Menschen, der Verkehr und die Hitze, jedesmal die Grenzen ihrer Wahrnehmung sprengten. Wie benebelt eilten sie von Kirche zu Kirche, sogen die Bilder in sich auf, ertranken in Schnörkeln und Farben.
„Warte, ich muss mal meine Fröhlichkeitstablette nehmen.“ Laura kramte in ihrer Tasche und holte ein kleines Päckchen mit der Aufschrift „Citalopram“ heraus. Laura konnte es nicht fassen. „Du nimmst Antidepressiva? Warum hast du mir das nicht gesagt?“ „Ich dachte, du hast es schon mitbekommen. Ja, ich nehme die, sonst bin ich hochgradig depressiv. Aber ich würde an deiner Stelle versuchen, von diesen Neuroleptika runterzukommen. Die sind viel zu stark. Versuch es doch auch mal mit Antidepressiva, die bringen es viel mehr und haben nicht so viele Nebenwirkungen.“
Nun war es Elena, die hinter Laura herstolperte, die Hitze, die sich auf der Piazza del Popolo staute, war kaum auszuhalten. Der Obelisk in der Mitte des Platze erschien als einzige Silouette weit und breit, er stach in das Blau des Himmels. Es war ein perfekter Tag.
Sie beeilten sich, um wieder in eine der Gassen zu gelangen und bewegten sich auf die Spanische Treppe zu. Dann bogen sie noch einmal ab und gelangten in eine Labyrinth von schmalen zweigten Straßen. Sie wussten bald nicht mehr, wo sie sich befanden und irrten ziellos umher. Elena wurde schwindelig, alles schien sich um sie zu drehen, sie hatte wie immer zu wenig getrunken. Sie machten an einer der kleineren Kirchen halt und Laura gab Elena den Rest aus ihrer Flasche.
„Ah, ich erkenne sie wieder, das ist die Kirche, die ich meine.“ Sie betraten dunkle Kühle, die Luft war erfüllt von Weihrauch und an den Wänden prunkten mittelalterliche Fresken. Es war eine Kirche, geweiht der heiligen Jungfrau Maria. Sie trennten sich das erste Mal voneinander, beschritten den Rundgang in entgegengesetzter Richtung. Elena spürte, dass sich ein Teil von ihre abtrennte, wie eine Blase, die sich in zwei neue Blasen aufteilte, oder war es nur ihre Einbildung, ihre Verrücktheit, die sie seit Monaten versuchte zu unterdrücken? In Siena hatten sie den Dom der Stadt besichtigt, auch eine Marienkirche. Auf dem Boden gab es dort ein beeindruckendes Marmormosaik – „Die Tugend auf dem Felsenberg.“. Die Gestalten auf diesem Bild hatten sie nicht besonders interessiert, es waren alles Philosophen und Gelehrte aus der Zeit der Römer, doch am Fuße des Berges gab es eine Figur, die Elena verstörte: Die einizige Frau im Bild, völllig nackt. Der linke Fuß von ihr stand auf einer Kugel, der rechte auf einem kleinen Bot, dessen Mast abgebrochen war. Zusätzlich hielt sie in der linken Hand ein Segel über ihren Kopf, dessen Tuch flüchtig ihre Scham bedeckte. „Das ist die Fortuna, die Kugel, das Bot und das Segel symbolisieren ihre Unbeständigkeit. Sie könnte jederzeit in die eine oder andere Richtung fallen.“ „Laura, sind wir die Fortuna?“ fragte Elena von weit, weit her. „Was ist mit dir los? Du darfst dich nicht immer so reinsteigern… ist alles in Ordnung mit dir?“
„Seid ihr lesbisch?“ hatten die hageren Jungs sie eines Abends gefragt. Der Alkohol hatte sie wenigstens diesmal in redseelige Geschöpfe verwandelt. „Nein, ich mag auch Männer, so ist das ja nicht…“ Ein besonders Unscheinbarer von ihnen legte seine verschwitze Hand auf ihren Arm, seine Augen bargen kein Leben in sich und seine Bewegungen glichen denen eine Lurches, nicht in seinem Element. „Dann bist du also bisexuell?“ Seine Stimme schwang in einer Mischung aus Bewunderung und Verachtung. „Ach, jetzt lass doch mal diese Kategoriesierungen, ich lasse mich nicht einordnen.“ Sie zog Elena an sich heran und umfasste ihre Taille. Versuchte Provokation, beherzt angefangen aber nur halbherzig ausgeführt. „Dann bist du ja gar nichts.“, flüssterte Elena ihr beschwipst ins Ohr. „Du bist alles und nichts, nichts und alles. Soll ich dich jetzt anbeten dafür, das willst du doch, oder?“ Ihr Atem glitt über ihren Hals, sie versuchte sie zu küssen, doch Laura drehte ihren Kopf zur Seite, sie starrte in bebrillte Phantomgesichter, sie beäugten sie fasziniert, untersuchten sie wie Tiere in einem Versuchslabor. Sie waren in der Überzahl.
Nein… sie drehte sich abrupt herum und steuerte dem Ausgang zu. Dort vorne, dort stand sie, eine Marienfigur aus bemaltem Holz und um sie herum nichts als Kerzen. Ihr Blick war schräg nach oben gewandt, ihr Gesicht ein Puppengesicht, beseelt und leer. „Tote Göttin, mit beseeltem Puppenblick, ich klammere mich an deinen Blick in diesem NICHTS, ich flehe dich an, hilf mir, hilf mir, so hilf mir doch.“ Und wie durch einen Spiegel hindurch erblickte sie Laura und auch sie starrte auf die Figur, mit tränengefüllten Augen. Sie riss sich los und rannte nach draußen.
„Du kannst mich ja mal besuchen kommen. Ich habe eine sehr schöne Wohnung, mit Blick auf den Rhein. Sie wird übrigens bald wieder freiwerden, vielleicht gefällt sie dir.“ Auf der Rückfahrt. Auch diesmal wieder auf der Rückbank, die Alpen rollten gerade am Fenster vorbei und wieder war die Strecke kurvenreich. „Hmm, ja, mal sehen. Was ist denn jetzt mit deiner kleinen Freundin?“ „Die wird wahrscheinlich bald ausziehen. Sie kommt in eine betreute WG. Da ist sie wahrscheinlich auch besser aufgehoben als bei mir.“ „Du hast sie scheinbar schon ein bißchen verwirrt. Ich finde, du solltest dich nicht um jemanden kümmern, wenn du selber noch nicht in Ordung bist. Damit belastest du dich nur.“ „Allerdings…“
Sie machten eine Verschnaufspause in Ulm und hatten ein bißchen Zeit, einkaufen zu gehen und die Stadt zu besichtigen. Laura erstand für Elena eine glitzernde Spange, die so ähnlich war, wie ihre eigenen, die sie Elena während der letzten Tage immer geliehen hatte. „Du hast schöne Haare, ich würde sie noch länger wachsen lassen. Dann kannst du sie immer hochstecken, so wie ich.“
Als Elena endlich zu Hause angekommen war, entfernte sie die Spange aus ihrem Haar und legte sie in eine kleine Schatulle, welche mit Frauenbildern, Parfumproben, Briefen und Ähnlichem gefüllt war, kleine Andenken an große Gefühle. Sie verschloss sie und stellte sie zurück auf ihren Schrank.
Elena hat Laura noch ein paar mal angerufen – besucht hat sie sie allerdings nie.
(Erzählung von Sophia)