„Was Sie Sünde nennen, dass nenne ich den großen Geist der Liebe und der hat tausend Formen.“ (Zitat aus „Mädchen in Uniform“ von 1931)
Ich möchte hier einen Film vorstellen, der mich tief bewegt hat und mich zum Nachdenken über die Darstellung der lesbischen Thematik (Schülerin verliebt sich in Lehrerin) vor und nach dem zweiten Weltkrieg angeregt hat. Es gibt von „Mädchen in Uniform“ nämlich zwei Versionen, eine von 1931 mit Herta Thiele und Dorothea Wieck in den Hauptrollen und eine von 1958 mit Lilli Palmer und Romy Schneider. Die erste Version ist meiner Meinung nach die bessere, auch wenn die Darstellerinnen der zweiten Version bekannter geworden sind und ebenso gut geschauspielert haben. Hier eine kurze Zusammenfassung des Inhalts:
„Die vierzehnjährige Manuela von Meinhardis, Tochter eines Offiziers, wird nach dem Tod der Mutter auf ein Stift für verarmte höhere Töchter nach Potsdam geschickt. Die Zeit ist die vor dem Erster Weltkrieg, der Erziehungsstil des Internats ist von preußischem Drill und dem Fehlen menschlicher Nähe geprägt. Die Soldatentöchter sollen dort zu Soldatenmüttern erzogen werden. Die Oberin der Schule geht, wie Friedrich der Große, am Stock und erlässt Tagesbefehle wie in den glorreichen Zeiten des Siebenjährigen Krieges. Die Auswirkungen dieses Preußentums auf das zärtlich und fantasievoll veranlagte, sensible junge Mädchen sind verheerend, sie hat Schwierigkeiten, sich den Verhältnissen anzupassen, und fällt in ihren Schulleistungen ab. Wärme und Verständnis geht allein von der jungen Lehrerin Fräulein von Bernburg aus, in die Manuela sich glühend verliebt. Als Fräulein von Bernburg ihr als Ersatz für ihre zerschlissenen Sachen eines ihrer eigenen Unterhemden schenkt, ist Manuela berauscht. Die Katastrophe bahnt sich an, als Manuela nach einer erfolgreichen Schultheateraufführung – glücklich über ihren Bühnenerfolg und von heimlich gepanschter Bowle ein bisschen beschwipst – öffentlich erklärt, wie lieb sie die Lehrerin hat. Die Folgen sind schrecklich. Die Internatsleiterin droht Fräulein von Bernburg, der sie alle Schuld zuschreibt, zu entlassen und Manuela wird in ein Isolierzimmer gesperrt. In ihrer Verzweiflung darüber, dass sie nun offenbar auch von der geliebten Lehrerin im Stich gelassen wird, versucht sie, sich vom obersten Absatz des Treppenhauses in den Tod zu stürzen. Durch das beherzte Einschreiten aller Mitschülerinnen kann das Unglück im letzten Augenblick verhindert werden. Die unmenschliche Oberin, die nun offen ins Unrecht gesetzt ist, trägt die Niederlage davon – zumindest in moralischer Hinsicht. Denn der Zapfenstreich, mit dem der Film musikalisch ausklingt, deutet die Rückkehr in die Kasernenverhältnisse unmissverständlich an.“
Quelle: Wikipedia: Mädchen in Uniform (1931)
Wer kennt sie nicht, die Liebe zur Lehrerin, ich denke, dass fast jede lesbische Frau, nein, ich würde sogar sagen fast jede Frau hat einmal für eine ältere Frau „geschwärmt“, für die Klassenlehrerin, die Sportlehrerin oder die Deutschlehrerin. Manchen bleibt diese meistens unausgelebte Phantasie ein Leben lang erhalten, andere werden „erwachsen“, es gehört sich ja nicht, eine Frau zu lieben, es ist „unreif“ und man möchte ja nur so werden wie sie oder sucht eine „Ersatzmutter“ (so wurde es mir jedenfalls immer vermittelt und ich glaubte daran). Dies ist die Thematik von „Mädchen in Uniform“, aber nicht nur, denn der Film von 1931 war auch eine soziale Kritik der preußischen Verhältnisse, Soldatenmütter sollten sie einmal werden, bestimmt dazu bedingungslosen Gehorsam zu leisten, der einzige Sinn des Lebens eine Gebährmaschine für das deutscher Kaiserreich zu sein. Der Film wurde im Nationalsozialismus verboten und die lesbische Drehbuchautorin Christa Winsloe und Leontine Sagan, welche für die künstlerische Leitung des Films verantwortlich waren emigrierten ins Ausland. Interessant ist, das „Mädchen in Uniform“ der erste deutsche Film war, der zu kommerziellen Zwecken produziert wurde und das durch die Zusammenarbeit zweier Frauen. Er feierte vor seines Verbotes große Erfolge im In- und Ausland und spielte bis 1934 sechs Millionen Reichsmark ein, eine für damalige Verhältnisse sehr hohe Summe.
Was mich persönlich stutzig macht ist, das der Film von 1931 erst 1977 wieder öffentlich in Deutschland gezeigt wurde, obwohl es 1958 eine Neuauflage zu „Mädchen in Uniform“ gegeben hat. Vergleicht man die beiden Filme, so wird klar, dass die neuere Version eine entschärfte Auflage des Filmes von 1931 ist, denn in der alten Version gibt es Andeutungen, dass die Liebe Manuelas zu ihrer Lehrerin auch eine Erwiederte ist (die Lehrerin ist diejenige, die Manulea auf den Mund küsst und nicht umgekehrt) und das die Gefühle auch sexueller Natur sind, nicht nur in Bezug auf Manuela, sondern auch bei den Mädchen untereinander (es gibt eine Szene im Waschraum, wo ein Mädchen in anderes Mädchen präsentiert: „Das ist ein Körper, was?“). Selbst die Oberin bewundert während des Theaterstückes die ganze Zeit nur Manuelas „schönen Beine“.
Während in der neueren Version Fräulein von Bernburg das Internat am Ende doch verlässt „Manuela wird ihren eigenen Weg finden. Ich muss gehen. Ich würde ihr jetzt nur im Weg stehen.“, auch wenn die Oberin sie nun anfleht da zu bleiben, so bleibt dies in der Version von 1931 offen. Der Film von 1958 ist dennoch sehr sehenswert, was vor allem an den beiden Schauspielerinnen liegt, die eine sehr intime Atmosphäre entstehen lassen. Nur leider ist die Aussage des Films wie die der meisten Filme mit lesbischer Thematik, dass die lesbische Liebe im Grunde keine Chance hat ausgelebt zu werden, da die Umstände es verbieten.
Durch den Vergleich beider Filme ist mir klar geworden, dass es vor Hitler und dem Nationalsozialismus mehr Offenheit bezüglich sozialer Kritik und der Darstellung lesbischer Themen, bzw. Themen, die Frauen betreffen, gegeben haben muss, denn eine Entwicklung, die in den zwanziger und dreißiger Jahren in Berlin begann, ist durch den zweiten Weltkrieg so gut wie zerstört worden. Die Goldenen Zwanziger Jahre, eine politische und wirtschaftliche Entspannungsphase nach dem Ersten Weltkrieg brachten neue Blüten künsterischen und kulturellen Schaffens und führten zu gesellschaftlichen Umwälzungen. Das Bild der Frau war im Begriff sich zu wandeln, da es u.a. nach dem Krieg einen Frauenüberschuss gab und Frauen erstmals die Möglichkeit hatten, in neue Berufsfelder, wie z. B. der Theater- und Filmregie vorzudringen. Christa Winsloe, die das Drehbuch zu „Mädchen in Uniform“ geschrieben hat, war damals Teil einer lesbischen Kultur, die vor der NS-Zeit ihr Zentrum in Berlin hatte.
Für mich ist die lesbische Liebe nicht nur etwas Körperlich/Sinnliches, sie ist auch eine Art von Gegenkultur zur reinen „Männerkultur“, die für mich im übrigen latent schwul ist, denn sie schließt Frauen aus, in dem sie verlangt, dass Frauen werden wie Männer, eben „Mädchen in Uniform“.
Ausschnitt aus der Version von 1931:
Kussszene aus der Version von 1958
Eine Weiterführung von Mädchen in Uniform findet man in Loving Annabelle, aber da wurde jegliche politische Thematik weg gelassen und die Liebe der Schülerin wird explizit erwidert. Auch ein sehr schöner Film, aber nichts geht über Mädchen in Uniform, wobei ich die Version von 1958 wegen Lilli Palmer bevorzuge :)
Mädchen in Uniform 1958…
Vor 50 Jahren, am 28. August 1958, ist der Film Mädchen in Uniform in der Lichtburg in Essen zum ersten Mal aufgeführt worden. Zumindest gilt dies für die Version mit Romy Schneider und Lilli Palmer……
das ist einer der schönsten filme den ich je gesehen hab..ich habe beide versionen gesehen, die erste basiert zwar mehr auf das buch, aber ich bevorzuge die zweite version, da lilli palmer und romy schneider so ein wundervolles schauspiel abliefern
Also ich finde den ersten Film (1931) um Klassen besser.
Es wird ziemlich deutlich, dass Manuelas Gefühle erwidert werden (wie im Buch) – die erotische Spannung ist förmlich greifbar!!
Außerdem finde ich Dorothea Wieck als Frl. von Bernburg unübertroffen. Ist aber Geschmacksache.
Das ganze politische Drumherum ist mir eigentlich ziemlich egal. Jedenfalls ist die erste Version um einiges mutiger.
Hab vielen Dank für diese Ausführungen! Es war sehr interessant, das zu lesen! Ich persönlich fnde zwar die Verfilmung von 1958 besser, aber du hast schonn recht:Die Verfilmung von 1931 greift die Probleme etwas besser auf als der andere!
Hallo Franzy,
ja klar war die Version von 1958 toll, weil die beiden Schauspielerinnen Romy Schneider und Lilli Palmer sehr authentisch gespielt haben und Lilli Palmer in der Rolle als müttlerliche und dennoch sinnliche Lehrerin ein absoluter Traum für alle jungen Mädchen (und auch älteren Frauen) ist.
Die ältere Version ist insofern interessant, da sie in einer Zeit spielt, in der es eine Blütezeit lesbischer Liebe gab, die es nie wieder so in der Art gegeben hat. Sehr berühmte Schauspielerinnen hatten damals (geheime) lesbische Affären, in Deutschland und vor allem in den USA, dazu gehören z.B. Greta Garbo, Marlene Dietrich, Jean Crawford, Barbara Stanwyck und noch viele weitere. Auch die Hauptdarstellerinnen im Film von 1931 waren lesbisch.
Hier noch ein interessantes Interview mit Lilli Palmer in welchem sie von ihrer jugendlichen Verliebtheit in ihre Lehrerin erzählt……… ziemlich krass, finde ich, in der Zeit und in dem Alter als „Heterofrau“ das von sich preis zu geben…
Hallo Franzy und Sophia,
ja klar, Lilli ist auch super..
Woher weißt Du (Franzy), dass die 31er Hauptdarstellerinnen lesbisch waren? Schöne Vorstellung, aber die waren doch beide verheiratet (..) Ja ja, das muss nichts heißen.
Hat jemand von Euch „Loving Annabelle“ gesehen, der wohl nach Motiven von MiU gedreht wurde? Lohnt sich das, oder ärgere ich mich nur?!