„Du musst stets den Anfang machen, bei den Damen, sonst wird da nie was draus!“
„Auch bei ihr, ich glaube sie hat noch nie, mit Frauen, jedenfalls nicht so richtig mit allem Drum und Dran, hat auf jeden Fall nie was davon erwähnt?“
“Was war das mit dieser Inge, hat die nicht Ewigkeiten bei der gewohnt? Pah, nur Freundschaft, wer’s glaubt! Und außerdem wie lange soll das bitte noch so gehen? Ich meine, du triffst sie andauernd im Training, ihr flirtet, sie macht dir Komplimente und bla, bla – willst du etwa noch alt werden über dieser ganzen Sache. Aber echt – ran an die, und wenn nichts daraus wird, auf zur nächsten, das Leben ist zu kurz um es so zu verschwenden. Sei nicht so schüchtern, versuch’s einfach!“ Christiane lehnte sich in ihrem Stuhl zurück, die Zigarette in der einen, die Tasse Tee in der anderen Hand. Nah an das Fenster heran gerückt, Schneeflocken tänzelten in der Winterluft wie kleine Porzellanpüppchen, Kristalle in allen Formen und Farben, noch nicht kalt genug, ihre Leiber schmolzen und gefroren wieder, puderzart, grau, zerstäubt.
„Aber merke dir eines, du musst den Frauen sagen, wo es langgeht, echt, die verarschen dich sonst ohne Ende und sie tun es, glaube mir, immer und immer, wollen stets einen der die Richtung angibt, der sie anführt und heranführt!“
Sie nahm einen Schluck Darjeeling, stets mit reichlich Zucker, hielt abermals inne, blickte in das Schneegestöber empor, wieder zurück in das Zimmer und dann auf J. „Hm, und kaufe ihr noch was Schönes, ist ja gerade die passende Zeit für. Du weißt schon, was ich meine. Und nimm Blumen mit, das kommt immer gut an.“ Bei den Damen. Ihr Mund zuckte verächtlich und nach unten gezogen, volle Lippen mit einem Hauch von Verbitterung, zu früh eingetretene Erkenntnisse. Eine schöne Frau in der Blüte ihrer Jahre. Und auch beste Freundin. Zumeist hörte sie auf ihren Rat.
Unentschlossen hastete J. die Einkaufstraße hinauf und wieder hinab. Was nur, um Gotteswillen was? Hell beleuchtet und die Auswahl viel zu viel. Vorweihnachtszeit mit Lichterketten überall. Die Geschäfte waren mit allerlei Nützlichen und Unnötigen angefüllt, glitzernde Auslagen, die Kinderaugen und Erwachsenblicke gleichermaßen anzogen. Tand, Schmuck und der neueste Technikkram. Was nur, was? Eine Parfümerie lockte mit günstigen Angeboten, Seifen, Kerzen und auch Düfte. Sie verwarf sie wieder, denn etwas wahrhaftig Edles sollte es sein, für ihre Herzensangebetete.
Das Badeöl kam gerade richtig, intim und ausgesucht zugleich. Die perfekte Wahl, denn J. hatte sich in einem der teuren Läden beraten lassen, in einer Seitenstraße gelegen und mit Samtteppichen ausgelegt.
„Ich suche etwas für eine Freundin meiner Mutter, was Kleines und als Geschenk verpackt, sie wissen schon.“ Pochendes Herz und sich rötende Wangen. Die Verkäuferin lächelte professionell milde. „Folgen Sie mir, ich glaube, ich habe da genau das Passende für Sie.“ Geschickt leitete sie J. an den Regalen vorbei, gut gefüllt und „an welche Preiskategorie haben Sie denn da so gedacht …?“
Die edle Marke lag gut in den Händen, ein Flakon mit geschwungener Goldschrift darauf, pfirsichfarben wohltuend und glatt. Vanille mit einer Prise Orchidee oder auch Amber. Wieder und wieder ließ J. den Duft in ihre Nase strömen, entzückend, betörend. „Vielen Dank, ich bin sicher es wird ihr gefallen und bis irgendwann einmal.“ J. sprang die Samtstufen hinab und wieder in die Winterluft hinaus. Mit fliegenden Schritten eilte sie heimwärts. Und ja, sie hatte das Richtige getan für den morgigen Abend. Ja, ja und nochmals ja.
Die U-Bahn rauschte in die Station ein, harscher Gegenwind und ein Geruch von verschmorendem Gummi. Türen auf, Türen zu, Plakatwände und Passanten, die rasch davon zu eilen begannen. Die Dunkelheit floss vorbei wie ein schwarzes Tuch, Köpfe und Leiber spiegelten sich in dem von Graffiti zerkratzten Glas. Die nächste Station, Türe auf, Türe zu. Noch mehr Menschen drängten hinzu. Schützend hatte J. ihre Arme vor den Körper gelegt, sie schirmte die Blume ab, hoch aufragend, silberweiß hell und in eine Zellophanhülle verpackt. Ihr Blütenkelch schimmerte durch das Gewebe wie ein noch ungeborgener Schatz. Jungfräulich verschlossen war sie die Amaryllis und so schön, wie sie schöner nicht sein konnte. Noch in letzter Minute hatte J. sie in einem U-Bahnkiosk erstanden, klamm und mit abgezähltem Geld.
Ihre Station rauschte ein und J. stieg aus. Die Treppenstufen zur Erdoberfläche empor erklomm sie mit wattegefüllten Lungen und Knien. Herzensangebetete, nie war sie ihr so nahe gewesen wie jetzt. Eine Straßenbiegung noch und sie war da. Ihr Haus kam in Sicht und J. blieb stehen. Dämmerlicht hatte sich auf seine Fassade gelegt und ein Hauch von Apricot schwebte über dem Giebel wie glimmend warme Engelsflügel. Noch nie war J. ihr so nahe gewesen, noch nie.
„Hallo da bist du ja, Mensch und auf die Minute pünktlich.“ Ute streckte ihren Kopf hinaus und winkte J. hinein. „Leg erst mal deinen Mantel ab, hier auf den Stuhl am Besten und komme dann gleich weiter in die Küche oder das Wohnzimmer, da ist es am angenehmsten.“ Blond gelockt und grauäugig. Vorderhaus Hochparterre, innen kunstvoll ornamentierte Stuckdecken und ein karminrot sich erstreckender Läufer. Die Türe schloss sich mit einem sanft tönenden Knall.
„Ich stelle deine Blume mal gleich in eine Vase hinein sonst verdirbt sie noch, diese edle Schönheit.“ Ute eilte voran, durch das Wohnzimmer in das Schlafzimmer hinein. „Musst mich entschuldigen, bin leider etwas durcheinander, mein Ex hat gerade angerufen und wir haben uns Morgen zu einer Ausstellungseröffnung verabredet. So was Modernes mit Buffet, spielt auch ne Band.“ Sie kramte umher und kam mit venezianisch geschliffenem Glas wieder. „Ach übrigens, ist ein hochintelligenter Mann, musst ihn unbedingt auch mal kennen lernen!“
„Du musst nur richtig rangehen bei der Dame, sonst wird nie was draus.”
„Und wenn sie nicht will …?!“
„Die wird schon irgendwann wollen, traut sich nur nicht. Und außerdem, wer nicht wagt, der nicht gewinnt!“
Das Geschenk ruhte noch in J.’s Tasche, sicher verwahrt und unter Bergen von Taschentüchern verborgen. Sie angelte nach ihm. „Übrigens, ich habe dir noch etwas anderes mitgebracht, was Kleines, habe es zufällig gesehen und dachte vielleicht freust du dich darüber, an kalten langen Winterabenden – oder so.“ Atemlos der Blick, zu tief und zu weit vorbei. Ute packte es mit schnellen Fingern aus. „O …“, ein kurzer Laut aus gespitzten Lippen ausgestoßen. „Ja, hm das ist ja edel, wirklich sehr, sehr schön. Vielen Dank auch, was mache ich nur damit, ach ich stelle es gleich auf meine Anrichte im Bad, da vergesse ich es nicht so leicht.“
Konversation, zuerst in der Küche und später dann im Wohnzimmer. „Hast du schon gehört, von dieser und von jeder. Gerüchte. Und ja, der Jacques, der hat sein Training vorverlegt auf Mittwochabend, da finde ich es aber viel zu spät. Nicht wahr? Und ach und oh, die ist ja ganz schön aus dem Leim gegangen, diese Bettina, hat jetzt auch ‘nen Neuen und auch ‘nen neuen Job.” Erwidernd. „Ja, finde ich auch und nein wirklich, wenn du es so meinst. Dein Afrikaaufenthalt war sicher sehr erweiternd für deinen Horizont gewesen, so lange in der Fremde. Und ach, für einen Wassergeist haben die Kinder dich dort gehalten, wegen deiner so sehr hellen Haare? Nein, das ist ja lustig …“ Und so weiter und so fort …
Auf dem Tisch hatte sich die Blüte weit geöffnet, in der Wärme des Zimmers, dottergelbe Blütenstängel wölbten sich empor, prall gefüllten Duftoasen, sich ihnen entgegenstreckend.
„Und ja dann, hm.“ Fragende Augenblicke, weinselig und nah. „Die Inge, wo hast du sie denn kennengelernt? Beim Training aha, ihr seid da beide zusammen gewesen und sie hat dir erzählt, dass sie gerade keine eigene Wohnung mehr hat, musste raus aus ihrer WG und dann auf die Schnelle nichts gefunden. Zu viel zu tun gehabt mit der Uni-Karriere und so.“ Erkennend.
J. nahm sich noch einen Schluck von dem Pinot Blanc, ihre Finger strichen über den gewölbten Glasrand. Zögernd.
„Aber ab wann ist denn die Inge hier eingezogen und wieder ausgezogen und warum?“ Schweigen, Reden, Schweigen, dann war es spät geworden, zu spät für die letzte Bahn noch. „Ich bleibe hier, bei dir, bitte, bitte.“ BITTE.
Du musst rangehen bei den Damen …
Im Badezimmer dicht neben Ute, J. schaute ihr beim Abschminken zu, sich glättende Wangen und hell bewimperte Augenränder. Ein Mädchengesicht, auch in späten Jahren. Eine ganz und gare Lady.
„Du siehst sehr schön aus, wenn du so ganz ohne was bist.“
„Ja meinst du echt! Aber ich tue auch was dafür, immer viel cremen und wenig Alkohol, keine Zigaretten und immer ausreichend Schlaf. Na ja in meinem Alter, da muss man schon ein wenig auf sich achtgeben, aber wenn man da genügend Disziplin aufbringt, dann geht das schon. Oder meins du etwa nicht?“ Gefälliges Wenden vor der beschlagenen Spiegelfläche, hin und her, her und hin. „Ja, du siehst sehr schön aus, ja, ja, und bitte, bitte lass mich.“ Bettelnde Blicke die genügend Härte in sich bargen, dann ein Kompliment, noch eines, noch und eine Umarmung schräg von hinten. Sie landeten im Gästebett mit Schichten von Nachtbekleidung um sich. Auftrag ausgeführt, überredet- mit und gegen ihren Willen.
Schulter an Schulter nebeneinander und dann kein einziges Wort mehr, nur noch leises Atmen in der Dunkelheit. Befangenheit und Augenblicke, die sich zogen und zu Unendlichkeiten wurden. Keinen Laut, kein Laut und ein Anflug von Schnupfen bei J., eine leichtes Beben bei ihrer Herzallerliebsten. „Was ist denn los, geht es dir nicht gut?“, J. wendete sich und Ute drehte sich der Wand zu. Die Lippen aufeinander gepresst und bleich. Aufgewühlt erstarrt, ihr ganzer Körper begann jetzt zu zittern, die Schultern, der Rücken und dann der Bauch, aufwärts und wieder hinab. „Was ist los, was, was. Los sag es mir doch schon.“ J. versucht sie zu küssen, auf die Wangen und in das weiche Haar hinein. Weizenähren, die den Sommer schon längst verlassen hatten, wohlig duftend, genährt. Einatmen, ausatmen, einatmen. Ute presste ihr Gesicht in die Handflächen hinein.
„Ich kann nicht, nein, ich kann das einfach nicht!“ Es brach aus ihr heraus, laut verstummende Zeit und eine Dunkelheit, die Augenlichter bekam. Weiter entfernt, im Raume dann: Spitzen, Krägen und viktorianisch gerüschte Kleiderberge. Das Kanapee war von Puppenleibern bewohnt, nebeneinander, übereinander, daneben. Zart rosa die Handgelenke und dunkelsamtene Schuhberge, nebeneinander übereinander. Sie türmte sich empor und starrten sie aus ihren hell klaren Glasaugen an J.`s Schnupfen verstärkte sich und drang bis in die hintersten Stirnlappen hinein. Stille und nur noch Stille. Ich kann das einfach nicht.
Ute richtete sich auf, zog brüsk die Decke von ihrem Leib. „Und dann diese Hitze hier, unerträglich und kaum zum Aushalten. Ich brauche Luft, dringend frische Luft!“ Sie schnellte empor, rannte zum Fenster und riss seine beiden Flügelhälften auf. Ein, aus, ein, ihre Nasenlöcher weiten sich. „Ja, so ist es besser, viel, viel besser sogar!“ Weiter hinaus, Kerzengrade und mit wirrem Haar, ihr Hinterkopf wurde dunkel gläsern und versank tief in der Sternenkulisse. Nachteisig, wolkendurchzogen, entfernt.
Sie bezog ihr Nachtquartier in einem Nebenzimmer und bei weit geöffneten Fensterscheiben. „Was machst du da, willst du nicht lieber zurückkommen und holst du dir nicht den Tod davon?“ J. hatte nun ernsthafte Schwierigkeiten durch ihre Nase den Atem zu hohlen, die Schleimhäute geschwollen und rot wund. „Nein, nein, mache dir keine Sorgen ich schlafe immer so, hat nichts mit dir zu tun, von der Kälte da wird mein Kopf nur so schön von frei. Und habe ich übrigens auch mit meinem Ex so gemacht und er, der Jochen, der hat sich dann schon daran gewöhnt mit der Zeit, musste sich halt noch eine Decke zusätzlich holen und in Afrika war das eh alles kein Problem, nur die Moskitos, die waren da echt eine üble Plage gewesen.“ Die Stimme eine Spur zu hoch, alleine aus dem Nebenzimmer heraus, dem allzu kalten.
Unter Kissenbergen vergraben, Schneeflocken wehten herbei und setzten sich auf den metallenen Simsen fest, Kristall zarte Winde, Verwirbelungen und das Aufbrummen eines Wagens. Mit bereits gedämmten Lichtern bog er in eine Seitenstraße ein, stoppte, wendete und fuhr dann erneut davon und in die Nacht hinaus.
J. hatte sich auf dem Bettrand aufgesetzt und blickte mit geweiteten Augen in der Dunkelheit des Zimmers umher. Das Puppenkanapee, die verlassenen Laken, der Tisch mit den Weingläsern darauf, halb geleert, und weiter hinten dann das Rechteck der Küchentüre. Sie stand auf, ging zu ihrer Tasche und kramte ein Päckchen Taschentücher hervor. Schnäuzte, kehrte zurück, setzte sich, stand auf und setzte sich abermals. Verwirrt, verwoben, zu jung, zu jung und ohne Sprache. Ein redseliger Abend war es gewesen, den sie und Ute da verbracht hatten, mit Hintergedanken begonnen und nur halbherzig ausgeführt. Und mit Geschenken beladen. Sinnlos, nutzlos. Die Amaryllis, in der Kristallvase gefangen wie ein selten schönes Tier, ihre Blütenblätter immer noch weit geöffnet, in der Wärme des Zimmers waren sie herangereift, zu ihrer vollste Pracht, die nun nicht mehr war. Niemals gewesen, oder. Pochend pralles Blütengeflecht. Über Nacht dann wieder verwelkt.
An Schlaf war mehr nicht zu denken, doch in frühen Morgenstunden versank J. dennoch in eine Art von Schlummer, unruhig und mit zahlreich wirren Traumbildern bevölkert. Aus Utes Zimmer drang kein Laut, mit starrem Blick musterte sie das Deckengewölbe, die Lippen gepresst, lautlos, leise, traumlos. Zungenlos über Jahrtausende hinweg, keine Klauen für die Beute und kein Maul für das Fleisch.
Der Morgen kam und das Frühstück nahmen sie mit gesenkten Blicken und klammen Kiefern zu sich. Konversation. „Bis zum nächsten Training dann. Komme gut nach Hause. Danke für deinen Besuch. Und die Blumen. Nichts für ungut. Gerne geschehen.“ J. betrat die Straße mit gesenkten Lidern und die Taschentücher griffbereit in der Manteltasche.
Das Badeöl brachte Ute ihr eine Woche später vorbei, unangetastet und wieder in das glänzend sternenornamentierte Weihnachtspapier eingeschlagen. „Tut mir leid, aber das ist mir als Geschenk irgendwie viel zu intim. Behalt du es lieber, kannst sicher noch irgendwie anderweitig damit machen, war ja teuer genug.“ „Ja wenn du meinst. Schade eigentlich, aber da kann man nun nichts machen.“ J. warf es in einen Müllcontainer, nahe der am nächstgelegenen U-Bahn Station.
(Erzählung von Claudia)

Wie ist das traurig! Bekannt und vertraut! Aber es kann auch anders werden. Die Hoffnung nicht aufgeben!