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Ein Link extra nur für das Forum “Die Geschlossene Gesellschaft”, der die männlich schwule Trans- (Mann zu Frau) “Kinderfickerkultur” in einem literarischen Text zusammengefasst hat: Die Audienz

Lesbisch in Brasilien

Vor längerer Zeit habe ich mal mit einer brasilianischen Bekannten (dunkelhäutig) über den Unterschied zwischen deutschen und brasilianischen lesbischen Frauen diskutiert. Es wurde später und später und sie zeigte mir Homepages mit Partyfotos aus den zahlreichen Clubs, von Salvador über Rio de Janeiro, Sao Paulo, Curitiba bis Florianópolis. Ich selbst fand, dass die Frauen dort sehr attraktiv und sehr weiblich seien und verstand so gar nicht warum sie, die Bekannte, unbedingt nach Deutschland kommen musste. (Sie ist 33, der Liebe und ihrer Freundin wegen hier und hat in Brasilien sogar einen recht gut bezahlten Job dafür aufgegeben.) Und ich meinte dann zu ihr, dass die Frauen hier doch recht kerlig/männlich/unsinnlich seinen und das Wetter außerdem dort (in Brasilien) besser und die Leute insgesamt positiver drauf usw. Sie verzog aber nur angewidert das Gesicht und meinte, dass in Brasilien alles so oberflächlich sein, die Frauen immer eine nach der anderen abschleppen würden, (was mir wegen des guten Aussehens der Damen nicht so fürchterlich erschien…), und das es keine Treue nur Verrat geben würde. Wir redeten die halbe Nacht lang, ich beharrte auf die Kerligkeit der Deutschen und sie wollte nichts mehr mit der brasilianischen Sprunghaftigkeit zu tun haben. In einem eher mäßigen Englisch sprachen wir also aneinander vorbei.
Ich vergaß die Sache beinahe, bis ich aus Zufall auf eine sehr interessanten Blog über Brasilien gestoßen bin. Und je mehr ich darin las, desto mehr begann ich zu begreifen, warum meine Bekannte Basilien unbedingt verlassen wollte – und wo dort die ganz speziellen Problematiken der Lesben/Frauenszenen liegen können. Denn eine Sache ist wohl in jedem Land der Erde gleich, nämlich dass (lesbische) Frauen fast immer die Männer und ihre Lebens/Liebens und Sexualstrukturen und Verhaltensweisen kopieren. Und so dominiert in Lateinamerika eben weniger die äußerliche Vermännlichung der Frau, sondern mehr der sogenannte “Machismo”, (span. zu macho, ‘männlich’, ’stark’, ‘rauh’, von lat. masculus ‘männlich’, durch starke Überlegenheitsgefühle und Herrschaftsansprüche gegenüber der Frau gekennzeichnete Einstellung des Mannes). Bei oft beibehaltenem weiblichem Äußeren wird dennoch eine Art Frauenmissachtung/Verachtung inszeniert, der Mann hat Angst vor der Frau und vermeidet durch hohe Promiskuität eine wahre Beziehung mit ihr, oder so ähnlich. Die lesbische Brasilianerin ist dann sozusagen ein weiblicher Macho.

Und hier ein Text, der diese Geschlechterstrukturen sehr gut beschreibt und ich denke, dass auch zwischen lesbischen Frauen so ähnliche Verhältnisse herrschen. Jedenfalls ähnelten die Geschichten, die mir meine Bekannten erzählt hat sehr den Folgenden…)

Ehebruch, Geliebte, Ehefrau – Brasiliens Rapperinnen thematisieren offensiv ein heißes Eisen der Machogesellschaft.

In den riesigen Elendsvierteln brasilianischer Millionenstädte wie Rio de Janeiro und Sao Paulo geschieht derzeit kultursoziologisch Außergewöhnliches: Junge Rapperinnen und Rapper debattieren von der Bühne herunter offensiv und illusionslos-derb die komplexen, widersprüchlichen Geschlechterbeziehungen der Machogesellschaft, von den Älteren gewöhnlich tabuisiert. Daß es nämlich für einen Großteil der jungen Frauen völlig normal, völlig natürlich geworden ist, Geliebte eines verheirateten, in fester Beziehung lebenden Mannes zu sein. Und daß feste Partnerinnen von Unterschichtsmännern sich zwangsläufig daran gewöhnen müssen, wenn diese ständig fremdgehen bzw. eine oder mehrere Geliebte haben. Der bittere, dramatische Hintergrund sind Brasiliens entsetzliche Sozialkontraste: In den extrem gewaltgeprägten Armenvierteln herrscht enormer Frauenüberschuß, weil ein beträchtlicher Teil der jungen Männer bereits vor dem 25. Lebensjahr umgebracht wird. Mit anderen Worten – immer mehr Frauen teilen sich einen Mann, polygamieähnliche Strukturen entstehen, die Machos haben noch mehr Oberwasser.

mckatia Die dunkelhäutige MC Katia von Rios Slumperipherie, mit dreißig ein Shouting-Star unter den Rapperinnen Brasiliens, duelliert sich auf einer Hip-Hop-Massendisco vor tausenden jungen Leuten mit der neunzehnjährigen Mulattin MC Nem. Stärkster Tobak im Rio-Slang – das Duell liegt derzeit ganz vorne in der Rap-Hitparade. „Paß auf, Schamlose, du bist doch nur zweite, dritte Wahl – doch ich bin die zum Heiraten, das wirst du schlucken müssen. Dich nutzt er doch nur, um sich für mich aufzuheizen. Bild dir nicht ein, daß du unsere Beziehung knacken kannst – dieser Mann gehört mir.“ MC Nem, derzeit genauso berühmt, kontert ebenso bissig: „Ob du seine Feste bist, ist mir völlig egal, ich bin eine heiße wilde Hündin -hinter mir ist er her wie verrückt. Geliebte zu sein, ist einfach toll, ich bin stolz darauf – während ich deinen Ehemann küsse, schuftest du am Waschtrog, bügelst, stehst in der Küche!“Und dann schreit MC Nem in die Menge: „Wer ist hier eine Geliebte?“ Hunderte Frauen strecken ohne Zögern den Arm in die Höhe. Wozu verstecken, was doch ohnehin jeder weiß. MC Katia, verheiratet, eine Tochter: „Wenn wir uns oben duellieren, ist unten im Publikum ziemlich dicke Luft – zeigen die echten Geliebten, die echten Ehefrauen mit dem Finger aufeinander, ruft die eine, der Typ hier gehört mir -kontert die andere, aber ich küsse ihn, wann ich will! Und er, der Macho, amüsiert sich prächtig!

Wir übertreiben nicht ein bißchen, zeigen die Realität. Heutzutage ist es absolut normal und natürlich, daß der Mann eine feste, treue Frau hat – und Geliebte nebenher, auch wenn das seine Frau nicht akzeptiert. Ja, es fehlen einfach Männer, viele Frauen wollen denselben Mann. Ich glaube, hier in Rio hat ein Ehering Null Wirkung -wenn ein Mann den trägt, läßt sich keine Frau davon abschrecken. Welche Brasilianerin war denn nicht schon mal Geliebte, so wie ich und MC Nem. Man geht durch einen Prozeß, ist Geliebte, dann die Feste, halt eine Lebenserfahrung, ganz normal.“ In Sao Paulo sagen Frauen, daß verheiratete Männer beim Alleine-Ausgehen den Ehering extra nicht ins Portemonnaie stecken, sondern anbehalten, weil das sogar die Chancen erhöhe. Eine andere Rio-Rapperin vergleicht einen begehrten Schwarzen mit einem Stück Schokolade: „Wenn wir uns das gut teilen, reicht es für zwanzig von uns.

“MC Nem, Wortführerin der Geliebten, der Amantes, erklärt den Frauen jedesmal von der Bühne herunter ihre Philosophie:„Eine richtige Geliebte darf nie die Beziehung des Mannes zerstören, muß wissen, daß sie stets nur dessen zweite Frau sein wird, nie die erste. Ich habe unheimlich genossen, eine Geliebte zu sein – das war eine gute Zeit!“Daß die Männer heutzutage nebenbei Amantes hätten, sei Gesetz in Brasilien. MC Nem ließ sich von einem Macho-Rap namens „Lanchinho da Madrugada“ provozieren und inspirieren, der ebenfalls ganz vorn in der Rap-Hitparade rangiert: Meine Feste schläft zuhause auf dem Sofa, während ich hierin der Massendisco Frauen wie dich abgreife. Aber laß meine Feste in Ruhe, misch dich da nicht ein – du bist für mich doch nur der Sandwich im Morgengrauen. “Richtig – Lanchinho de Madrugada, Sandwich im Morgengrauen – inzwischen ein fester Begriff in Brasilien, sexuell und abwertend gemeint. Denn Liebe machen, heißt in brasilianischem Portugiesisch, comer alguem, jemanden essen, aufessen. Das wollte MC Nem so nicht stehen lassen, sie wollte, daß bitteschön ganz genau unterschieden wird. Und so rappt sie derzeit gemeinsam mit MC Katia:„Wir beide sind Freundinnen – aber wenn du da unten weder die Feste noch die Geliebte von jemandem bist, bleibt dir bis auf weiteres nur, als Sandwich im Morgengrauen herzuhalten.”

Paulinho ist Manager der beiden. „Ja, genauso läufts doch. Der Typ hat die Feste zuhause, die ihn bemuttert, bekocht – und wenn er nachts alleine ausgeht, gibts da eben immer diese Frau, die er will. Sie beginnt als Lanchinho da Madrugada und wird später dessen Amante gar für Jahr – oder ist eben nur Lanchinho für eine Nacht. Die Geliebte will eigentlich nicht Geliebte sein, die Feste will eigentlich nicht betrogen werden – wo wird es immer bleiben. “MC Nem: “Mit der Zeit versteht sich der Typ gut mit beiden. Weils ja so ist – die Amante zerstreut ihn mit Charme, wenn er frustriert von zu Hause kommt – und weiß, was dann zu tun ist…“Natürlich ist viel Lüge im Spiel, wie MC Katia erläutert: “Der Mann täuscht, trixt beide aus, Feste und Amante, sagt jeder, sie sei die einzige in seinem Leben. Und nach zehn, fünfzehn Jahren entdeckt die eine, daß sie nur Amante ist. Da kommt sie aus der Beziehung schon nicht mehr raus, hat eine Familie. “Fünfzehn Shows geben beide Rapperinnen jedes Wochenende, fünfzehnmal machen sie den Unterschichtsmädchen schonungslos klar, wie unromantisch ihr Liebesleben ablaufen wird. Doch die haben längst gelernt, mit den grausamen Slumrealitäten fatalistisch-pragmatisch umzugehen. In einem Land extremer Sozialkontraste zählen rund achtzig Prozent zur Unterschicht, in den Slums sind gerade mal zehn, fünfzehn Prozent der Paare fest verheiratet, sind die Familien extrem zerrüttet.

Daß eine Frau fünf bis acht Kinder hat – und jedes von einem anderen Mann, ist keineswegs eine Seltenheit, und auch für niemanden ein Problem. Durch Morde, bei den permanenten Gefechten rivalisierender Banditenmilizen oder durch Polizeigewalt kommt ein Großteil der jungen Männer lange vor dem 25. Lebensjahr um. MC Katia bedrückt das: “Deshalb gibt es ja so wenig Männer für so viele Frauen. Die Jungen lassen sich mit dem Verbrechen ein, geraten in das Gemetzel, so viele sterben. Die Frauen sagen, was ist los, die Männer gehen ja alle drauf. Wo wir auftreten, sind Frauen immer enorm in der Überzahl, das fällt sofort ins Auge. “Manager Paulinho stimmt zu, zitiert aus entsprechenden Statistiken: “Fünfundsechzig Prozent der Rio-Bewohner sind danach weiblich – da sieht mans ja. Und ein Teil der Männer wird auch noch schwul – wogegen ich überhaupt nichts habe. Es ist die Wahrheit – viel mehr Frauen als Männer. Bei unseren Amazonasindianern gibt es das ja auch – ein Indio gleich mit mehreren Frauen. “Die Kulturkritik, die Feuilletons thematisieren nur ganz, ganz selten diese Art von Musik und vor allem deren Texte. Doch Rio-Funk ist ein Massenphänomen. Und siehe da – inzwischen empfindet es selbst die Upperclass, die obere Mittelschicht teilweise als absoluten Kick, Stars des Rio-Funk auf ihren Festen, bei exclusiven Modenschauen auftreten zu lassen –und ebenso wild und hyperlasziv zu tanzen wie die Slumkids.

(www.ila-web.de/lateinamerika/home.htm)

Hier ein sehr schönes Beispiel dafür, dass Frauen und Männer in der Liebe und im Sein oftmals kaum zusammenfinden können:

Film: Poem von Ralf Schmerberg
Text: Erich Kästner
Sprecherin: Anna Thalbach

Wie verführe ich als Frau eine Frau? Inspiriert an den 25 Regeln über Frauen“, die ein sehr verzweifelter Hetero-Mann in einem Forum gepostet hat – habe ich versucht ebenfalls einen kleinen Regelkatalog aufzustellen (es geht dabei um “Klemmlesben”, Heterofrauen, die eigentlich Frauen lieben, sich aber aus konventionellen Gründen, wirtschaftlicher Abhängigkeit u.ä. schwer damit tun). Die Regeln, die ich eins zu eins vom Hetero-Mann übernommen habe, sind blau markiert, die grundsätzlichen Verschiedenheiten sind fett markiert.

  • Regel 1: Es liegen Welten zwischen dem was Frauen tun und dem was sie sagen. Wenn dir eine Frau von der ach so „magischen“ Liebe zwischen Frauen vorschwärmt, sei grundsätzlich misstrauisch. Je mehr sie über Sex redet, umso weniger tut sie es ;-)
  • Regel 2: Die weibliche Todsünde Nr.1 ist die Sucht nach Anerkennung und Bestätigung. Dabei geht es selten um das eigene Schaffen, sondern um das bloße (Schön-)Sein. Gebe niemals einer Frau zu viel Aufmerksamkeit und Komplimente, denn sonst drehst du dich mit ihr im Kreis – gebe aber auch nicht zu wenig, sonst ist sie endlos mit ihren Komplexen beschäftigt, besonders, wenn sie dich für attraktiver hält und mag.
  • Regel 3: Im Verlauf der Zeit, nach vielen, vielen mehr oder weniger gescheiterten Romanzen, stellt man fest, dass es sich auf Dauer nicht lohnt, sich nur mit einer einzigen Frau zu beschäftigen. Es kann unter Umständen Jahre dauern, bis sie sich auf dich einlässt – Frauen sind wie Baustellen, die nie zu Ende gehen, deswegen kann ein wenig Abwechslung nicht schaden. Beachte aber: wenn möglich nichts von den anderen Damen erzählen, denn Frauen wollen stets die einzige sein…
  • Regel 4: Versuche möglichst die dominante Rolle zu übernehmen, auch wenn sie älter ist. Frauen wollen geführt werden, da sie es von Männern nicht anders gewohnt sind.
  • Regel 5 (vielleicht die wichtigste aller Regeln): Sei nicht bedürftig bei den Frauen, die du begehrst, denn sie sind es genauso wie du, wenn nicht viel mehr. Keine Frau kann dich halten, sie kann dir höchstens positive Energie geben, aber nicht mehr. Das bedeutet nicht, dass du dich einer Frau nicht öffnen sollst, du solltest ihr nur nicht alle deine Probleme auflasten.
  • Regel 6: Nachdem Du die Telefonnummer einer Frau bekommen hast, warte zumindest eine Woche mit dem Anruf, um einen verzweifelten Eindruck zu vermeiden.
  • Regel 7: Benutze das Telefon nur, um Verabredungen auszumachen. Rede nicht über das Wetter, aktuelle Geschehnisse, wie ihr Tag verlief, etc. Hebe diese Konversation für das Treffen auf.
  • Regel 8: Wenn Du ein Mädel anrufst und einen Anrufbeantworter bekommst, hinterlasse keine Nachricht. Versuch es einfach zu einem anderen Zeitpunkt nochmals. Frauen – als generelle Regel – rufen nicht zurück.
  • Regel 9: Das erste Treffen sollte kurz und kreativ sein. KEIN „Abendessen und ins Kino“. Dinge, die Aktivität beinhalten, sind am besten: Billardspielen, Bowling, Rollerbladen, Mini-Golf, Tanzen, etc. Halte es SPASSIG. Anmerkung dazu: Diese Regel gilt nicht für “Dates” zwischen Frauen, es kann beim ersten Treffen ruhig romantisch sein. Da viele Frauen sich von der männlichen Sexfixiertheit abgestoßen fühlen, müssen Männer das erste Treffen gezwungenermaßen “spaßig” halten, sonst ist die von ihnen Angebetete schnell vergrault.
  • Regel 10: Mache einer Frau nur dann Geschenke, wenn sie wirklich originell und persönlich sind – ansonsten läufst du Gefahr, dass sie dich wie eine Mann behandelt und du ein wahres Rollenproblem mit ihr bekommst.
  • Regel 11: Lass dich von einer Frau niemals unterwerfen, sonst verliert sie den Respekt vor dir und behandelt dich schlecht. Da die wenigsten Frauen Beziehungen auf Augenhöhe kennen, wirst du sehr oft einen Autoritätskonflikt mit ihnen haben. Übernehme die Führung, aber auf eine mütterliche/weibliche Art und Weise – sag ihr die Wahrheit und rede ihr nichts schön, dann wird sie dich respektieren.
  • Regel 12: Eine Person kann Dich nur soviel ausnutzen, wie Du bereit bist mitzumachen.
  • Regel 13: Es gibt starke Seelenverwandtschaften unter Frauen, das sind Beziehungen, die ein Leben lang dauern können – wenn du eine wirklich „Nette“ gefunden hast, dann halte auch zu ihr, du wirst nicht so schnell eine neue finden.
  • Regel 14: Idealisiere Frauen nicht übermäßig – es ist ein langer Prozess, bis man feststellt, dass Frauen keine Menschen sind, dass sie nur so tun als ob. Frauen sind oftmals wie Kinder, die versuchen, wie die Erwachsenen zu reden, darin sind sie sehr gut geübt und sie sind die besten Schauspielerinnen. Lasse dich also nicht von eingeübtem Gehabe und Posiererei blenden. Frauen bellen nur und die wenigsten sind daran gewöhnt, Verantwortung für ihr Handeln zu übernehmen.
  • Regel 15: Wenn eine Frau versucht ständig in deinem Leben die Nr. 1 zu sein und dir deine Leidenschaften, was auch immer du gerne tust, schlechtredet, mach ihr klar, dass es auch andere Dinge als die Liebe gibt. Versuche ihr, wenn du dazu in der Lage bist, Möglichkeiten der eigenen Selbstverwirklichung aufzuzeigen. Frauen sind nicht daran gewöhnt, sich selbst Aufgaben zu suchen, da sie seit Jahrtausenden nur auf die Bedürfnisse von Mann, Kind und der patriarchalen Gesellschaft ausgerichtet sind.
  • Regel 16: Fixiere dich nicht so sehr auf das Wort „Beziehung“, denn ursprünglich bedeutet dies einfach nur Gefangenschaft (Abhängigkeit der Frau vom Mann). Lesbische Liebe ist etwas neues, deswegen müssen auch neue Modelle des Zusammenlebens und Seins erfunden werden. Eine Beziehung kann nur in Gleichheit und Freiheit existieren.
  • Regel 17: „Ich liebe dich“ sagt man nur dann, wenn man es wirklich meint, vielleicht nur einmal im Leben.
  • Regel 18: Laufe einer Frau nicht übermäßig nach, denn das ist sinnlos. Du würdest dich im umgekehrten Falle auch nicht so wohl fühlen. Ein bißchen Distanz macht dich außerdem interessanter, aber spiele nicht mit ihren Gefühlen und lasse nicht mit dir spielen.
  • Regel 19: Wenn eine Frau ständig von Männern redet, mach ihr klar, dass es sinnlos ist, über diese fremde Spezies großartig seine Gedanken zu verschwenden, denn Männer verstehen Frauen aus den gleichen Gründen nicht – sie sind einfach zu anders.
  • Regel 20: Wenn eine Frau dich nur zum ausheulen missbraucht, sei vorsichtig, dann ist sie höchstwahrscheinlich nicht an deiner Person interessiert.
  • Regel 21: Frauenbeziehungen und Arbeit – ein schwieriges Thema: kann nach vorne und nach hinten losgehen, ist also ein Glücksspiel. Grundsätzlich durchbrechen aber Frauen durch ihre Beziehungen untereinander das starre patriarchale hierarchische Berufssystem – das ist die Zukunft.
  • Regel 22: Nehme es in Kauf, dass 90 % deiner Erfahrungen mit Frauen eher nicht gut enden werden. Jüngere Frauen lassen sich mehr auf dich ein, da sie die Realität noch unterschätzen, das bedeutet aber auch, dass du von ihnen nicht ernst genommen wirst. Die meisten haben wenn sie jung sind ihre „wilde Phase“ und heiraten, wenn es ernst wird.
  • Ältere Frauen sind sehr schwer zu kriegen, aber wenn man sie hat, dann hat man sie.
  • Regel 23: Gehe nicht davon aus, dass Frauen bewusst wissen, was sie tun. Sie werden, wenn es darauf ankommt, immer alles leugnen.
  • Regel 24: Was Frauen betrifft, schenke mehr Aufmerksamkeit ihren Handlungen als dem was sie sagen.
  • Regel 25: Sei dir darüber im Klaren, dass Frauen Sklavinnen sind – sie sind durch die Gesellschaft seit Jahrtausenden dazu gemacht worden. Liebe sie trotzdem und zeige ihnen neue Wege des Seins, des Frei(Frau)Seins.

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Schwule Männer (offen lebende oder eben Klemmschwule) haben schon immer Kunst gemacht und sie entscheidend geprägt – und ich wage sogar zu behaupten, dass die Mehrzahl der Künstler schwule Männer waren und sind. Stets ließen sie die Dynamik/Thematik der Männerliebe in ihre Werke fließen, meist versteckt und auf Umwegen, wie z. B. in dem Roman und der gleichnamigen Oper “Tristan und Isolde”, den Fernsehserien “Six Feet Under”, “Desperate Housewifes” und “Sex and the City” (die Produzenten sind mehrheitlich schwul) oder sie lassen weibliche Popstars ihre Texte singen, die dann oftmals zweideutige Anspielungen enthalten. Sokrates, Michelangelo, Leonardo da Vinci, William Shakespeare, Peter Tschaikowsky, Franz Schubert, Marcel Proust, Thomas Mann, W. Somerset Maugham, Oscar Wilde, Tennessee Williams, Frederico Garcia Lorca, Andy Warhol – sind nur einige in der endlos fortzuführenden Liste mit prominenten Namen und ihren, die Menschheitsgeschichte maßgeblich prägenden Werken.

Die Kunst und Kultur ist also männer- homoerotisch geprägt, auch wenn sie sich mit scheinbar heterosexuellen Themen beschäftigt und auch mit solchen Protagonisten besetzt ist. Dieses versteckte Begehren “Mann sucht Mann”, zieht sich wie ein roter Faden durch die Werke, es ist die Hauptantriebkraft und der ungelöste Lebenskonflikt vieler Künstler. Und da Künstler nicht isoliert vom Rest der Welt zu betrachten sind, sondern die Befindlichkeiten/den Zustand einer Gesellschaft in Worte oder Bilder fassen, das Unbewusste sozusagen ans Tageslicht holen, die Zukunft erfinden und vorausahnen können, zeigen sie auch die Richtung auf, in die sich die Menschheit entwickeln wird. Weg von der Heterosexualität (Natur) und hin zu dem gleichgeschlechtlichen Begehren (Kultur) nämlich.

Ein sehr schönes Beispiel dafür wie sehr dieses “Mann liebt Mann Ding” einen Künstler bestimmt, habe ich neulich in einem Artikel über den Choreographen und Hamburger Ballettchef John Neumeier gefunden. “Le Pavillon d ´Armide” heißt sein neuestes Stück, das sich mit dem Leben und Wahn des russischen Tänzers Vaslav Nijinsky (1889-1950) beschäftig. Und hier zitiere ich einfach mal einige Stellen aus dem Text:

Das zehnte Lebensjahr ist ein empfindlicher Wendepunkt. Das Kind ist nicht mehr klein und nicht mehr groß, und was ihm jetzt entgegentritt, brennt sich fürs Leben ein. Auch John Neumeier hatte in diesem Alter eine schicksalshafte Begegnung, die ihn fortan wie ein Schatten begleitete. Daheim im Milwaukee ging der Schuljunge an einem Buchladen vorbei und sah dort ein Band über Vaslav Nijinsky liegen. Obwohl knapp bei Kasse kaufte, er das Buch und hatte damit seine Mission gefunden: einerseits Tänzer und Choreograph zu werden, andererseits dem Phänomen Nijinsky auf den Grund zu gehen, also Aufstieg und Fall jenes Idols nachzuspüren, dass Anfang des 20. Jahrhunderts wie ein Komet die “Balletts Russes” des Serge Diaghilew erleuchtete, um danach in die ewige Nacht des Wahnsinns zu verschwinden.

Seit fünfunddreißig Jahren amtiert Neumeier als Ballettchef im Hamburg, und regelmäßig ist ein neues Nijinsky- Opus fällig. Manche halten das für einen Spleen und meinen mit “Waslaw” (1979) und “Nijinsky” (2000) habe der Amerikaner doch alles gesagt.

Nachdem der premier danseur (Vaslav Nijinsky) 1913 eine ungarische Verehrerin, Romola de Pulszky, geheiratet hatte, verstieß ihn sein Mentor und Liebhaber Diaghilew aus der Kompanie, und bald darauf verirrte sich der Exkommunizierte im Labyrinth der Geisteskrankheiten. Von Halluzinationen geplagt, saß Nijinsky im noblen Sanatorium “Bellevue”, wo Neumeiers choreographische Anamnese beginnt.

Zwischen Wahn und Wirklichkeit hin- und hergerissen. Was er will – leben, lieben, tanzen – erweist sich als verrückte Illusion. Diaghilews Portrait und die Erinnerungen an ihre einstmals strahlende Liebe treiben Neumeiers Helden in den Zusammenbruch. Am Ende legt er alles ab, was Zivilisation und kulturelle Tünche ist, Kleider wie Charaktermasken, und bleibt auf der leeren Bühne allein und mit sich und dem fernen Klang des “Sacre” zurück.

Soweit so gut. Aber der wahre  Grund, warum ich dieses Thema  samt Beispielen hier herein genommen habe ist folgender. Wenn das schwule Begehren so sehr die Menschheitsgeschichte, Kunst und Kultur geprägt hat (und der Mann ist eben der Mensch) – so ist es doch nur folgerichtig anzunehmen, dass wenn die Frau sich zu einem Menschen (oder eben zu etwas völlig Neuen und noch nicht Vorhersehbaren) zu entwickeln beginnt, sie das ebenso über das lesbische Begehren tun wird. Künstlerinnen (die wenigen Authentischen, die es gab und gibt) bestätigen diese Vermutung: Frida Kahlo, Colette, Tamara de Lempicka, Djuna Barnes, Virginia Woolf, Greta Garbo, Judy Garland, Isadora Duncan, Simone de Beauvoir, Joan Baez, – auch nur eine kleine Auswahl in einer sicher noch viel längeren Liste. Das die meisten Ausführende und keine im eigentlichen Sinne (Werke) Schaffenden sind, liegt wohl an den Begrenztheiten, die die Frauenrolle ihnen bis heute noch auferlegt. Denn erst wenn Frauen massiv auch in die erschaffenden Bereiche (Schriftstellerin, Stückeschreiberin, Choreographin, Philosophin usw.) hineindringen und dort dann authentisch (also nicht als innerer Pseudomann) ihre Sicht auf die Welt zeigen/erschaffen- erst dann wird das lesbische Begehren* in dem gleichen Ausmaß die Welt bestimmen wie seit jeher das schwule/männer-homoerotsiche es getan hat. Und es wird die Welt massiv verändern und ihr eine völlig neue Perspektive geben, denn es wird die Frau sichtbar machen, sie zum ersten Mal in der Menschheitsgeschichte überhaupt existieren lassen. Und daher sind schwule und lesbische KünstlerInnen nicht nur eine kleine sonderbare Untergruppe, sondern wegbestimmend.

*Unter lesbischem Begehren verstehe ich nicht das, was heute im Allgemeinen unter dem Label Lesbisch” gelebt und öffentlich gezeigt wird. Es hat auch kaum etwas mit der doch sehr schwulendominierten/orientierten Szene zu tun und kann am ehesten noch mit “Klemmlesbentum” übersetz werden. Es ist jene (auch erotische) Anziehung, die immer zwischen Frauen besteht, eine Welt unter der Welt, die noch aufgedeckt und geschaffen werden muss. Eine neue Kultur eben.

P.S.: Der Roman “Orlando” von Virginia Woolf ist übriges ein sehr gutes Beispiel dafür wie auch die  lesbische Thematik versteckt in ein Werk einfließen kann.  Verfremdet wird dort nämlich die Beziehung zwischen der englischen Aristokratin und Gartengestalterin Vita Sackville-West und der Schriftstellerin und unehelichen Tochter König Edwards VII, Violet Trefusis (=Orlando) dargestellt.

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Der Mann liebt die Frau und die Frau will den Mann – das ist die übliche Lovestory an die wir alle gewöhnt sind. Wir sehen sie jeden Tag im Fernsehen, im Kino und Hollywood hat daraus einen regelrechten Kult gemacht. Keine Geschichte (mag sie auch so vielversprechend anfangen), die ohne dieses obligatorische “Boy meets Girl” Ding auskommt, ja regelrecht auf sie hinsteuert, der finale und alles beherrschende Höhepunkt. Vorhersehbar und ohne Platz für alternative Beziehungsmuster und überraschende Wendungen. Wie gesagt, wir alle sind daran gewöhnt und auch daran, dass selbst historische Persönlichkeiten nach diesen Maßstäben gemessen und gesehen werden. Jüngstes Beispiel ist der von Julie Delphi gedrehte Film “Die Gräfin”, über das Leben der Gräfin Erzébet Báthory. Und wie kaum anders zu erwarten, wird auch sie nur auf das angebliche “Blutbaden des Jugenderhalts wegen” reduziert, ihr (in den historischen Quellen kaum erwähnter) Ehemann wird in den Mittelpunkt des Geschehens gehoben, und noch ein männlicher Diener hinzugepackt, der eigentlich eine Dienerin war (Dorkó), mit dem sie quasi im Rahmen einer Affaire dann zusammen alle Mädchen gefoltert haben soll. Der doch so offensichtliche lesbische Hauptaspekt ihres Tuns und Seins wird gänzlich außer Acht gelassen, denn eine Frau kann nur mit einem Mann zusammen zu solch grausamen Taten fähig sein (wenn überhaupt), sie wird zwangsheterosexualisiert und somit machtlos gemacht. (Wer mehr dazu lesen will: “War die Blutgräfin Báthory lesbisch?” unter der Kategorie “Frauen”)

Und so ergeht es wohl einigen weiblichen historischen Persönlichkeiten, sie werden rein heterokonventionell gedeutet, und wenn da etwas nicht in den Rahmen passt, wird es einfach ignoriert und passend gemacht. Ein schönes Beispiel sind hierfür auch die beiden Herrscher der K. und K. Monarchie, König Ludwig von Bayern (1845-1886) und Kaiserin Elizabeth von Österreich-Ungarn (1837-1898) – besser bekannt als Kaiserin Sissi. Und ja Sissi wer kennt sie nicht, und wer denkt da nicht sofort an schöne Frauen in fantastischen Kleidern, an rauschende Bälle und galante Herren, die Liebe und natürlich an Romy Schneider. Aber an Frauenliebe denkt da wohl kaum einer. Ganz im Gegenteil zu König Ludwig, der mittlerweile fast schon zu einer schwulen Kultfigur geworden ist und ganze Busladungen zu Schloss Schwanstein und in das gleichnamige Musical gekarrt werden. Aber war Kaiserin Elizabeth denn wirklich so Männerliebend wie immer angenommen? Ich habe mich mal ein bisschen “schlau gelesen” und bin teilweise auf Erstaunliches gestoßen:  (Quelle: “Elisabeth. Kaiserin wider Willen”, von der Historikerin Brigitte Hamann)

Der Kaiser Franz Joseph hatte, mit feschen 23, die 16jährige Bayern-Prinzessin Sisi ins Habsburger Reich geholt – eine Liebesheirat? Der Wechsel vom fidelen Bayern-Hof in die starre Traditionsgruft Wien nagte rasch an der Jungmädchenblüte. Sisi, die Heine liebte und unentwegt dichtete, schrieb: “Ich bin erwacht in einem Kerker, / und Fesseln sind an meiner Hand.”

Die Ehe war erst in der dritten Nacht vollzogen worden, der Degout gegen Sex blieb und floss in Reime: “Für mich keine Liebe, / für mich keinen Wein; / die eine macht übel, / der andere macht spei’n!”

Sisi ging bald eigene Wege, kutschierte in der Welt umher. Nach der Geburt des vierten Kindes schloss sie den Ehehafen; der Kaiser kratzte nächtens vergebens an ihrem Boudoir.

Und es wird über sie auch berichtet, dass sie (nachdem sie ihren Gatten endgültig von der Bettkante gestoßen hatte) sich vollkommen dem Dichten, dem Diätwahn, Schönheitskult (vor allen ihre Haare), dem Reiten und Sport gewidmet hat. “Um ihre Figur zu erhalten und wegen ihrer inneren Unruhe unternahm sie täglich kilometerlange Gewaltmärsche im Eiltempo, bei denen ihre Hofdamen regelmäßig kaum mithalten konnten. Außerdem gab es in jedem ihrer Domizile Turnzimmer mit verschiedenen Geräten, mit Ringen, Reck und Hantel. In den Räumlichkeiten der Wiener Hofburg sind die Turngeräte auch heute noch zu besichtigen.” (Quelle: Wikipedia)

So weit so gut. Ob sie jetzt wirkliche und ausgelebte lesbische Affairen (z. B. mit ihren Hofdamen) hatte, geben die Quellen (Briefe und Gedichte) zwar nicht unbedingt preis, dafür offenbaren sie aber den großen Drang nach einem selbstbestimmten Leben und die eher geringe Begeisterung für das andere Geschlecht. Und das ist für eine Frau der damaligen Epoche schon recht viel. Aber was wir hier finden, ähnlich wie bei Gräfin Báthory, ist die ewig gleiche und konventionelle Deutung ihres Tuns. Alles, das besinnungslose Reiten, der ewige Sport und Diätwahn, der Schönheitskult und die leidenschaftliche Pflege ihres Körpers und Haars, wird narzisstischen Beweggründen zugeordnet. Sie ist eine Frau und will eben gefallen. Aber wem will sie eigentlich gefallen, den Männern von denen sie nichts mehr wissen will? Sich selbst, in endlosen Stunden vor dem einsamen Spiegel? Und wozu? Wohlmöglich wollte sie in ihrem eigenen Antlitz und der Schönheit – nur das schöne Gesicht einer anderen Frau erkennen, die sie real sich nicht zu begehren traute. Diente gar das Reiten, der Sport und der Diätwahn, der Bestätigung ihrer neu gewonnen Freiheit und der Bannung der Dämonen jener aufgezwungenen Schwangerschaften? (Denn wenn eine Frau sich das Kind in ihrem Inneren nicht wünscht, wird sie von fremden Mächten angefüllt, ihr Leib schwillt grausam und scheint ihr nicht mehr richtig zu gehören. Und was ist da folgerichtiger, als Diät zu halten, um ein erneutes Anschwellen für immer zu verhindern.)

Darüber könnte mal nachgedacht werden und auch darüber, dass man an historische Frauengestalten oft nicht mit den gleichen Kriterien rangehen kann wie an Männer. D. h., man wird dort viel weniger eindeutige Beweise für das Frauenlieben finden, denn Frauen sind/waren immer noch viel zu sehr damit beschäftigt sich als menschliches Wesen zu behaupten (also nicht dauernd schwanger zu sein und so) – um die Freiheit einer lesbischen/gleichgeschlechtlichen Liebe in jedem Falle auszuleben zu können, wie es z. B. König Ludwig tat. (Und auch für ihn war es schwer.) Aber eines ist zumindest sicher, als heterosexuelle Projektionsfläche und Vorzeigekaiserin taugt Sissi auf keinen Fall. Dazu war sie viel zu widersprüchlich und lehnte sich, wenn auch nicht so auf den ersten Blick ersichtlich, zu sehr gegen das Gefängnis des FrauSeins auf.

Ich habe hier eine Kurzgeschichte von Marlene Stenten aus ihrer Erzählungensammlung “Die Brünne” hereingebracht, da sie sehr schön das lesbische Kontinuum aufzeigt.
“Grünkohl” handelt von dem jungen Mädchen Therese, welches jahrelang die Hausärztin Minna Bretteis verehrt, die die ganze an Tuberkulose erkrankte Familie behandelt. Auch die Mutter schwärmt für die apparte ältere Dame und wird eifersüchtig, als sie spürt, dass zwischen ihrer Tochter und der Ärztin mehr als nur ein ärztliches Verhältnis besteht.
Als Therese eines Tage wieder zur Behandlung bei Minna in der Praxis ist, fällt diese unter dem Einfluss von Morphium über sie her…
Therese ist außerdem eifersüchtig auf die langjährige Freundin von Minna, der Tochter einer schwerreichen Geschäftsfamilie, Vera Wast-Sogel-Perenboom, mit der Minna jeden Sonntag zusammen malt – zwischen beiden existiert aber scheinbar kein sexuelles Verhältnis.
Ich denke, dass Minnas Übergriff auf Therese ein Akt der sexuellen Frustration ist, da sie an ihre Freundin Vera nicht herankommt, welche sie ebenso sehr verehrt. Es geht in dieser Geschicht also nicht nur um das Verhältnis zwischen Therese und der Ärztin, sondern es werden mehrere Frauenbeziehungen dargestellt, die miteinander zusammenhängen.


Grünkohl

Wenn Minna kam, zog meine Mutter mir immer Seidenwäsche an, die mein Vater aus dem Feld geschickt hatte. Das Feld war das 257. Divisionsverpflegungsamt in Perpignan, 1943-45. Mein Vater sagte Perpischnan. Also zog von 1946 bis etwa 1949 meine Mutter mir ihre seidenen Nachthemden, Unterhemden und Unterröcke und Schlüpfer über. Wenn Minna ihren Hausbesuch angemeldet hatte, vormittags oder nachmittags, und die Klingel ging, schrien wir alle: „Et Minn kommt!“ Im fünften Stock wohnten wir, und es dauerte, eh Minn’ oben war. In dieser Zeit konnten wir die Stühle leerfegen von unseren Kleidungsstücken, von möglichen Essensresten. Wir warfen Schuhe und etwas Unrat aus dem Weg unter die Couch und den Schrank, wir fuhren uns mit dem Reiniger unter die Fingernägel.
Minna war eine hochinteressante Frau. Sie hatte eine tiefe Stimme, war dürr und knochig. Noch 1946 trug sie ihr gelbweiß gekrolltes Haar als sogenannte Alles-nach-oben-Entwarnungsfrisur unter einem purpurnen Turban. Ein Relikt aus dem Krieg. Schön, meine Mutter und andere Frauen sind auch noch eine Weile so gegangen. Das, was mir immerzu nachging, waren Minnas blaue Augen. Und sie hatte auch tatsächlich nur Augen für mich. Elf Jahre war ich da alt. Minna war unsere Hausärztin.
Es war gut, dass meine Mutter damals eimerweise Blut spuckte, so musste Minna oft ein paarmal die Woche kommen, auf jeden Fall aber durchweg einmal die Woche. Ich lag auch manchmal danieder, hatte einen hartnäckigen Husten. Ach, war ich selig, wenn ein Herbst- oder Frühlingswind ging, denn dann riss es mich meistens auf der Brust. Lag ich dann da, war im allgemeinen meine Mutter auf. Meine um sechs Jahre jüngere Schwester aber lag zumeist mit mir gemeinsam flach, wohingegen meine um zwei Jahre ältere Schwester sich allzeit wacker hielt. Als sie aber zwanzig war, stellten die Ärzte durch Zufall auch bei ihr diverse Kalkschwarten, d. h. Vernarbte Tuberkelprozesse fest. Die ganze Familie war da mal ein bisschen verseucht.

Stand Minna also vor meinem Bett und horchte mir an der Brust und Lunge. Berührte flüchtig mein blaublasses Seidennachthemd, das abgelegt neben mir lag, und dann aber, sorgfältig meinen Bauch. Fuhr dort, mit ihren Sensefrauhänden noch etwa verstecktem Husten suchend?, nein beschwichtigend rauf und runter. Und meine Mutter, chronisch asthmakrank seit ihrem ersten Kind, meiner älteren Schwester, schaute zu und rauchte dabei. Eine amerikanische Zigarette zu vier Reichsmark. „Ach, Frau Schwedt“, sagte Minna, „müssen Sie denn nun immer piefen? Das ist doch Gift für Ihre Bronchien.“ Und pieft aber selbst dabei. Während sie mich durchwalkt, zieht sie zwischendurch an ihrem Glimmstengel. Minna hatte übrigens selbst mal Asthma und hat sich das selbst ausgetrieben.
Meine Mutter schwärmte für Minna. „Et Minn ist eine tolle Frau“, sagte sie. „Aber ich möchte nur mal wissen, wie alt sie ist. Schon die achtzigjährige Fräulein Brock, Bebchens Haushälterin (Bebchen war die ältere Schwester meines Vaters), hat Minn etwa dreißig Jahre lang als Leibärztin gehabt. Und die sagte immer, sie habe Minna kennengelernt, als diese in mittleren Jahren war. Verjüngungsspritzen, irgendwelche von unsereins nicht zu bezahlenden Präparate, wird sie sich verschafft haben!“ Minna sah aus wie zwischen fünfundreißig und fünfzig.
„Therese ist aber schon gut entwickelt“, sagte Minna und blickte von meiner Mutter weg zu meinen Brüsten. Ich genierte mich. Meine Mutter grinste. „Ja, Therese ist ein richtiger Brocken!“ Manchmal sagte meine Mutter auch: „Aber sie hatte ja schon mit sechs Jahren so viel Brust, dass sie nicht ohne Hemd schwimmen gehen konnte!“ Ach, was redete meine Mutter für einen Quark! Meine Altersangabe hätte sie sich sparen können, denn Minna war doch auch unsere Kinderärztin gewesen, und schwimme konnte ich erst ab dreizehn!
Die Minna tastete also Bauch und Brust ab, und ich empfand weder Lust noch Schmerz, wohl eine Art von Frösteln, von verlangendem Erschrecken. Legte Minna ihren Oberkörper arbeitenderweise, an mir, an meinen kranken Organgen arbeited, etwas schräg über meinen, das heißt, beugte sie sich über mich, so wünschte ich, dass sie so geblieben oder noch um einiges näher gerückt wäre. Die Distanz zu meinem Körper sollte endgültig aufgehoben werden!- Stattdessen hob sie sich wieder hinweg und veriebt mir Hustensaft.
War aber ich nicht bettlägerig und wohl auf der Brust, so lief ich, hörte ich Minn die Treppen raufkommen, schnell ans Fenster und blickte, um sie nicht gleich anschauen zu müssen, in den Morgen oder in die dunkle Nacht hinaus. Minna aber sprach mich auf der Stelle an oder aber nachdem sie die anderen Familienmitglieder schnell angesehen hatte. „Tag, Therese“, tönte sie, „na, wie geht’s?“ Sprach sie mit mir, so war es besser, ich hatte vorher am Fenster gestanden und konnte mich von da aus ihr zudrehen. Ich wirkte dann vielleicht nicht ganz so elend verkrampft und musste nicht ganz so blöde strahlen, wie wenn Minna mich gleich an der Tür erwischte. Wir hatten keine Diele, dafür aber einen großen Speicher mit Fledermäusen und Regensärgen. Meine Mutter hatte einen Spucknapf. Der stand meistens offen, jedoch, wenn Minna kam, wurde er zugedeckt. Minna flirtete mit mir. Blicke hin, Blicke her. Was wollte Minna von mir? Ich wusste noch nicht, was sie meinte!

Ich befriedigte mich selbst, einige Male täglich, aber ich dachte dabei nie an Minna. Wohl dachte ich den ganzen Tag fast an sie, in der Schule, bei den Schulaufgaben und wenn ich meiner Mutter bei der Hausarbeit half, aber wenn ich mich entspannte, war ich nur mit mir selbst zugange. Wenn ich auf dem Heimweg von der Schule irgendwo Minnas Wagen sah, blieb ich, mit Mitschülerinnen im Gespräch, meist mitten im Satz stecken. Im Angesicht Minnens blieb mir oft die Sprache weg.
Nie, nie blieb ihr Wagen einmal neben mir stehen: „Komm steig ein, Therese, ich fahr dich schnell heim!“ Nie, nie hat sie mir bei der Heimfahrt über den Arm gestrichen oder übers Haar. Warum sagte sie dann zu meiner Mutter: „Das schöne, wellige Haar hat die Therese ja von Ihnen, Frau Schwedt, ausgenommen die Farbe! Ihr Mann hat doch helles Haar!“ „Ja“, antwortete meine schwarzhaarige Mutter, „aber jetzt hat er ja einen Halbmond!“
Als mein Vater aus Kriegsgefangenschaft zurückgekehrt war, 1948, da war Minna seine Ärztin genausogut wie unsere – er hatte ihr auch schon vor dem Krieg vertraut. Mein Vater sagte: „Minna, das Mannweib!“ Einmal, als Minna zu meiner Mutter kam, jagte mein Vater grade Mickie, unsere Katze, wegen eines gestohlenen Herings um den Schrank. Minna sage: „Schluss jetzt, verdammt noch mal, Herr Schwedt, sonst muss ich Ihnen eine Beruhigungsspritze geben!“ Da konnte die Katze in Ruhe weiter Gräten knacken.
Die Minna hat mir, als ich noch klein war, eigenhändig die Senfpackungen gemacht. Da meine Mutter sie nicht richtig machen konnte, kam die Minna eine zeitlang jeden Abend vorbe und wickelte mich. Als ich nach einer Nierenbeckenentzündung plötzlich Angst vor Fliegen und Schatten hatte, sagte die Minna zu meiner Mutter: „Ja, liebe Frau Schwedt, die Therese müssen Sie zu sich ins Bett nehmen, damit sie die Angst verliert, und da muss ihr Mann solange weichen!“ Da zog mein Vater brummend um, und ich schlief mit meiner Mutter SS, d. h. Kuschelte meine Knie in ihre Kniekehlen! Und tatsächlich zog die Angst von mir ab. Aber als ich wieder heil war, da wurde mein Vater eingezogen, und so schlief ich mit meiner Mutter weiterhin SS.
Die Minna hat schon mit mir geflirtet, als ich noch ein Kleinkind war. „Sie hat sich immer für dich interessiert!“ erzählte meine Mutter. „Sie brachte dir zu Ostern Schokoladenhasen, überlebensgroß!“ „Keine Pelzhasen?“ fragte ich. „Nein, keine, aber dafür Bilderbücher!“ „Überlebensgroß?“ „Nein, aber einen Brummkreisel!“ – Ich erinnere mich, dass Minna sagte: „Der Therese kann ich ja Spritzen setzen, die verzieht ja keinen Muskel dabei, die zuckt ja nicht zusammen!“ Aber ich spürte es, wenn Minna mir die Spritze in den Arsch jagte, und ich wäre gerne zusammengezuckt und hätte brennend gerne „Aua“ geschrien. – Ich wollte von Minna bewundert werden. Ich brachte sie gerne zum Lachen. Kam sie einmal rein, mit einem hellgrünen Hut, der mich an ein übergroßes Schokoladencremehütchen denken ließ. Ich feixte: „Da hast du aber einen leckeren hübschen Cremehut auf, Minna, kann man den essen?“
Als wir in der Evakuierung waren, wurden wir auseinandergerissen. Ich dachte oft an Minna. Wenn sie mich dereinst wiedersähe, würde sie staunen, wie groß ich geworden war.

Als wir uns nach der Rückevakuierung Januar 1946 wiedersahen, hatte Minna erst mal Schwierigkeiten mit meiner Mutter. Weil die Wasser in den Beinen hatte, Blut spuckte und zusätzlich angab, oft beim Stuhllassen ein nicht zu definierendes Gefühl, eine Art Luftbildung zwischen Milz und Zwerchfell wahrzunehmen, wehrte sich Minna dagegen, meine Mutter wieder als Patientin zu nehmen. „Seien Sie nicht so wehleidig, Frau Schwedt“, knurrte sie. Oder als sie einmal abends kam: „Was denken Sie, was jetzt um diese Zeit auf den Straßen los ist, die reißen den Ärzten die Spritzen aus den Koffern, die entreißen ihnen alles! Medikamente und Instrumente! Ganze Horden sind unterwegs! Ich habe mir extra einen Chauffeur genommen! Und Lungenblut ist das auch nicht, was da bei Ihnen herausgekommen ist! Irgend etwas ist aufgebrochen, wir haben es untersucht, aber nicht von der Lunge, von der Lunge ist es nicht!“
Später war es dann doch die Lunge, aber die Minna wollte eben nicht diese durch und durch kranke Frau! Womit hatte sie das denn verdient? Ihre Ruhe hätte sie gerne gehabt. Um mit ihrer Freundin…! Als mein Vater aus Gefangenschaft zurück war, trafen wir sonntags nach dem Kirchgang häufig Minna mit ihrer Freundin. Minna wagte ich da gar nicht anzuschauen: Ich konnte sie einfach nie ausmachen neben ihrer tiefschwarzen, großen Schatten werfenden, stets hochelegant gekleideten Begleiterin. Mein Vater kannte sie namentlich, sie sei in der ganzen Stadt bekannt, sie sei Frau Wast-Sogel-Perenboom, Tochter des bekanntesten Pelzgeschäftes der Stadt. Bekannt sei auch, dass Vera Wast-Sogel-Perenboom male, mit Minna gemeinsam. Jeden Sonntag, habe Minna selbst erzählt, malten sie zusammen. Mein Vater wußte doch eine ganze Menge! Warum aber sah ich nur einen hellen Flecken, einen Schatten an der Stelle, wo, wie mein Vater behauptete, Minna doch ging? Minna malte also auch! Und sie hatte eine Freundin! Warum konnte ich das nicht sein? Ich die Freundin von Minna Bretteis? Dr. med. Fachärztin für innere Leiden. Aus Düsseldorf gebürtig diese Bretteisfamilie.
Damals begann meine Mutter aufzubegehren: „Minna kümmert sich nicht um mich! Der ist doch ganz egal, ob ich krepiere!“ Trotzdem blieb Minna unsere Hausärztin! Vielleicht auch, weil sie sich gerne mit mir unterhielt? Weil meine Mutter Minna wichtig für mich fand? – Ach nein, das war meiner Mutter wohl ganz egal. Bequem war nur, dass Minna ihr alle gewünschten Medikamente verschrieb und mit ihrem Bronchialasthma vollkommen vertraut war. Und ich hatte die Aufgabe, durfte nach der Schule oft in ihre Praxis, um die Rezepte abzuholen. Meistens waren die Rezepte schon unterschrieben, lagen auf dem Schreibtisch und wurden mir von der interessant aussehenden Sprechstundenhilfe (ob sie auch mit der Sprechstundenhilfe gemeinsam malte, die Minna?) herausgereicht. Von Minna war dann nichts zu sehen. Ließ sie sich aber blicken, so schaffte ich es meist nicht, mich vollkommen in das Anschauen Minnas zu versenken. Ich verharrte mit geschlossenen Augen: „Schau mich doch an, mein Mädchen“, sagte Minna. Ach nein, das nicht. Aber: „Was macht denn die Schule?“ So, immer eine Eins im deutschen Aufsatz? Da wird vielleicht mal eine Goethin aus dir! – Eine reiche Phantasie hast du immer schon gehabt! Ach und in Mathematik bist du nicht so gut! Oder gar nicht gut!“ „Ja, sehr schlecht. Der Lehrer hat gesagt, dass ich eine glatte Null sei in Mathe, dass das aber nicht so tragisch sei…“ „Ja, du bist eben einseitig begabt! Wer dichten kann, braucht nicht zu rechnen!“ Und dann stand ich ganz eingepackt in Minnas blauen Blick. Und machte „hm“ und „ha“ feixte verklemmt und bekam nicht beigebracht, wie das denn geht, auf Angesprochenwerden richtig zu antworten. Wollte sie das denn überhaupt, mir das Mich-selbst-Artikulieren beibringen? – Weil bei uns zu Hause das ausgesprochene Miteinandersprechen als überflüssig galt, überhaupt Wortemachen verpönt war, konnte ich ja gar nicht recht, was ich dringend hätte lernen müssen: eben mich selbst auszusprechen im Gespräch.
Lag bei uns zu Hause also mittags der Stock neben dem Teller meiner Mutter. Zuweilen ging das wochenlang so, meistens zog es sich aber nur über ein paar Tage hin, dass meine Mutter während des Essens kein Wort von uns Kindern hören wollte. Meine Mutter drohte schweigend, hinter einer Zeitung oder einem Roman versteckt, ihr Essen löffelnd: Die Blagen sollen ihren Rand halten! Alle sollen nur reden, wenn sie gefragt werden – und Fragen an uns hatte meine Mutter grundsätzlich über lange Perioden hinweg nicht. Die Minna aber fragte wenigstens. Sie war jahrelang die Sonne, die meine Lippen wärmte. Vermutlich aber hörte die Minna nicht, was ich antwortete, so wie ich sie nicht sah in ihrem Glanz, wenn sie fragte. Naturgemäß verfehlten wir uns aus entgegengesetzten Gründen.
„Ach, seien Sie doch nicht so pingelig, Frau Gräfin!“ sagte die Minne zu meiner Mutter. „Und haben Sie nicht solchen Bammel vor ein bißchen Schmerz! Ich tippe schon seit langem bei Ihnen auf Stirnhölenvereiterung! Woher sonst sollen diese dauernden eiterigen Absonderungen, dieser Auswurf bei Ihnen rühren! Also am Donnerstagfrüh um punkt acht Uhr bei Professor Greifenstein im Luisenhospital. Ich bin auch zugegen! Und da werden wir mal gewissenhaft sondieren!“ Mein Vater musste meine Mutter regelrecht hinschleppen, sonst wäre sie nicht! Meine Mutter weinte: „Minna ist ein sadistisches Schwein! Müsste sie nur durch einen Bruchteil aller Schmerzen hindurch, die ich schon ausgestanden habe! Frau Gräfin tituliert sie mich!“ – Meine Mutter war als Waisenkind in Klöstern bei frommen Schwestern, teils bei ihrer Großmutter herumgestoßen worden. Mit sechzehn hatte sie den ehrlichen, aber unehrenhaften Beruf der Friseuse erlernt. Jetzt noch, 25 Jahre nach ihrem Tod, würde meine Mutter nach mir latschen, wenn sie hören könnte, dass ich ihren Beruf preisgebe. In der Schule und überall bei Nachfragen hatten wir als Beruf der Mutter immer nur „Hausfrau“ angeben dürfen. Meine arme, arme Mutter. Mit schmerzverzogenem Gesicht am Arm meines Vaters schwankend, kehrte sie von der Untersuchung bei Professor Greifenstein zurück. Der Greifenstein habe erst ihre Stirnhöhlen durchleuchtet. „Da ist nichts, Minna“, bemerkte er, „gar nichts. Guck doch noch mal mit, genau hin, Minna!“ Und Minna: „Das hat nichts zu sagen! Ich will jetzt endlich wissen, woher der Eiter kommt! Und darum muss ich darauf bestehen! Bitte durchstoßen! Wenigstens ein paar Proben!“ Wenn jeder so klare Stirnhöhlen zeigte wie diese Frau, wäre ich arbeitslos, habe der Greifenstein noch gemurmelt. Und dann habe meine Mutter nur noch laut gebrüllt vor Weh und Ach, als ihre Stirnhöhlen durchstoßen wurden. Mein Vater, der meine Mutter gegen ihren Willen dahingelotst hatte, zeigte daraufhin auch Ressentiments gegen Minna. „Wenn der Greifenstein selbst für diese Schmerzensprozedur gewesen wäre, aber er sagte doch, wenn alle so klare Stirnhöhlen hätten wie meine Frau“, sagte mein Vater.
Meine Mutter spuckte also weiter aus, was ihr so rauf und unter kam. Wir waren ja an ihre Spucknäpfe gewöhnt. Sie wollte nun auf keinen Fall weiter bei Minna bleiben. Jedoch es gelang mir, sie zu beschwatzen. Viel Kraft, etwas Neues zu beginnen, hatte meine Mutter da eben nicht mehr. Hatte sie übrigens nie groß gehabt, wenigstens als wir, die Kinder, gekommen sind, ganz schön depressiv ist sie durch uns geworden. Die chronische Bronchitis meiner jüngeren Schwester. Ich hatte zwischendurch mal einen bösen Daumen, einen Umlauf. Da stand ich dick vor Schmerzen und übermüdet von einer durchjammerten Nacht. „Da musst du mit zum Chirurchgen!“ sagte die Minna. Und sprach das „Chirurgen“ so aus, dass es sich wie „verrucht“ anhörte. „Gehst du also zum Luisenhospital, fragst nach Dr. Friedhelm Czaja! Zeigst ihm deinen schlimmen Daumen und sagst ihm, er soll nett damit umgehen, du seist eine alte Freundin von mir!“ Und lächelte mich bodenlos dabei an. Ich spürte meine Ohren rot werden. Etwa zwei Jahre hat es gedauert, bis der im Luisen-Krankehaus abgerissene Daumennagel wieder nachgewachsen ist.
War ich also plötzlich „Minnas alte Freundin!“ Langsam wurde ich ja auch älter. Froh war ich, dass Minna nie nach rheinischer Art „Tres“ oder „Treschen“ zu mir sagte. Ein erwachsener Mensch will auch einen erwachsenen Namen haben.

Endlich hatte ich wieder einmal den Husten, dass es der letzte große Husten gewesen war, bläute sich mir erst später ein. Meine ältere Schwester Lisbeth litt da unter Menstruationsbeschwerden und ging mit zu Minna. Mir schien, als habe die Sprechstundenhilfe alle Patienten, die nach uns gekommen waren, uns vorgezogen. Als ich endlich aufgerufen wurde, machte Minna einen ganz abwesenden Eindruck und bewegte sich so extrem langsam, dass ich später immer dachte, hätte Minna damals nicht eine falsche Menge Morphium intus gehabt, dann hätte nie diese blitzschnelle endliche Wendung in dieser Beziehung zwischen Minna und mir eintreten können. Aber, dass sie süchtig war, erfuhr ich erst fast ein Jahrhundert nach meiner Verwunderung. Ganz stutzig wurde ich bei ihrem Anblick – was war mit ihr? Und hatte sie mich bewusst als letzte drangenommen? – „Zieh dich schon aus“, sagte sie und half mir plötzlich dabei. Zog mir das Hemd über den Kopf und strich mir dann über Arme und Hals. Ich zitterte am ganzen Leib. Ich hörte im Nebenraum die Sprechstundenhilfe hantieren. Warum hatte Minna sie nicht vorher weggeschickt? Aber das war wohl nicht nötig gewesen, denn die Minna tat nichts weiter als mich streicheln. Unendlich langsam hat sie dann immerzu mit der Innenfläche ihrer Hand über meine rechte Brustwarze gestrichen. Und ich habe keine Lust empfunden, nur Angst, weil Minna so einen ungeselligen Blick hatte. Da trat die Sprechstundenhilfe ein, und Minna hatte im Nu das Stethoskop auf/an meinen Bronchien und Rippen. Und setzte es auch fast gleichzeitig wieder ab. Sie ging zum Waschbecken und von da aus in den Nebenraum. Die Sprechstundenhilfe sagte: „Nu, zieh dich an Therese! Und vergiss nicht, dir einen Schal umzubinden bei diesem Wind! Und sag deiner Schwester Lisbeth, sie soll morgen noch mal wiederkommen. Die Frau Doktor muss jetzt weg!“ „Und brauch ich nicht wiederzukommen?“ „Nein, erst mal nicht! Hustensaft hast du ja noch zu Hause, nicht wahr?“ „Ja“, murkste ich heraus.-
Natürlich hatte ich da vor Lisbeth ein großes Geheimnis. Sie murrte: „Was lief denn heute bei Minna groß? Du bist ja eine Ewigkeit da drinnen geblieben? Und mich hat sie gar nicht mal erst…“ „Sie sorgt sich eben wegen meiner Lungen, die ganze Familie hat doch Tb, außer dir!“
Den halben Nachmittag masturbierte ich dann auf der unteren Haustoilette, wo mich keiner meiner Angehörigen je vermutete. Ich presste zig-Male die Schenkel zusammen und stellte mir dabei Minnas Fingerringe vor: einen silbernen schweren und einen goldenen mit rosigem Stein. Ich verpackte meine rechte Brustwarze in die Innenfläche meiner Hand. „Minna, Minna“, dachte ich. Ich hätte ihren Namen gerne geflüstert, aber wenn nun einer vor der Klotür gestanden hätte? Ich musste dann auch aufpassen, dass ich ungesehen von Hausbewohnern mit meinem feuerrotem Gesicht an die Luft kam. Die Röte verzog sich dann aber, wie immer, schnell, ausgesprochen blass sah ich etwa eine Stunde nach meinen Exzessen aus. Elend, mit schwankenden Knien, kerhte ich wieder in unsere Wohnhöhle zurück. Wir alle hatten unsere Selbstbefriedigungsecken: Mein Vater im Keller, dann zusätzlich sonntagnachmittags auf der Couch, Lisbeth neben mir im Bett. Und meine Mutter und meine jüngere Schwester wahrscheinlich auch in ihren Betten. Was dachten die anderen in dieser Beziehung über mich?
Einmal an einem frühen Sonntagmorgen sah ich meinen Vater mit schrecklich verzerrtem, teuflischem Gesichtsausdruck einen Augenblick lang über seinem Betthaupt auftauchen. Er fickte meine Mutter. „Et Tres“, sagte er halblaut und duckte sich. Ich rannte gleich wieder aus dem verdunkelten Schlafzimmer heraus. Das Keuchen meines Vaters hing mir noch nach.

Eines Morgens fröstelte ich ziemlich und fiel dann um. Und meine Mutter rief nun nicht Minna, sondern einen Herrn Dr. Helleweg herbei. Endlich los von Minna! „Et Minn’ lässt mich doch einfach krepieren!“ sagte meine Mutter. Ich lag eine ganze Nacht und bekam keine Luft, obwohl meine Mutter mir alle verordneten Medikamente eingab. Am Vormittag darauf kamen zwei starke Feuerwehrmänner zu uns in den fünften Stock. Packten mich in Decken und in einen festen Stuhl und setzten mich, nachdem sie mich die Treppe hinuntergeschafft hatten, was mir nicht unlustig vorgekommen war, in einen weißen Wagen vor der Tür. Wir fuhren ins Luisenhospital, wo man mir die Lungenentzündung austreiben wollte. Als ich nach sechs Wochen herauskam, wollte ich zur Nachbehandlung nicht zu Dr. Helleweg, sondern wieder zu Minna. „Du kannst ja bei Helleweg bleiben“, sagte ich zu meiner Mutter, „nicht aber ich!“ „Wohin du gehst, bestimmen wir“, brüllte meine Mutter. Und: „Da stecken wohl andere Sachen hinter! Warte, wenn ich dir dahinterkomme!“ „Was denkst du denn? Was?“ fragte ich gelassen und spuckte grün, leider nicht fleckig rot, in den Waschkumpen. „Tu was du willst, aber gegen meinen Willen“, schrie meine Mutter. Da nahm ich die Krankenhausentlassunspapiere und ging in die Promenadenstraße.
Als kleines Kind an der Hand meiner Mutter bin ich oft in die Promenadenstraße, in dieses Haus mit dem weißen Emailleschild: Fachärztin f. Innere Krankheiten, Dr. Minna Bretteis. – Das Wartezimmer war wie immer voller Wartender. Minna hatte einen guten Ruf! Trude rief mich herein. Schwester Trude war die älteste Sprechstundenhilfe Minnas. Ich sagte: „Ich war, glaub ich, noch gar nicht dran!“ Trude nahm mir das mitgebrachte Röntgenbild ab. Sie schaute mich ganz streng und lang an, dass ich rot wurde und mir vorhielt: Sie weiß dass ich mich immer selbstbefriedige! Ich beichte es zwar alle vierzehn Tage in der Elisabethkirche, aber weil ich es täglich tue, ist es eine immerwährende Sünde! Als Minna dann von ihrem Schreibtisch aufsah und „Tag, Therese“ sagte, nickte Trude mit einem Gesichtsausdruck wie jeman, die ausdrücken will: Das habe ich ja kommen sehen. Tatsächlich sagte Minna dann: „Eben schaute ich zum Fenster raus und sah dich herkommen!“ „So“, sagte ich und lächelte wieder geniert.
„Bring doch den Kakao, Trude!“ Minna schob den Stuhl zurück und rieb sich die Hände. Trude setzte einen großen Becher heißer Schokolade vor mich hin. „Danke“, murmelte ich und trank. „Kein Telefon, keine Störung“, sagte Minna kurz angebunden zu Trude. Trude ging darauf ins Nebenzimmer und schloss die Tür nicht ganz hinter sich. Ich hatte noch nicht ausgetrunken, da fordert Minna mich auf: „Leg dich auf das Bett und mach mal die Beine auseinander!“ Während sie das sagte, öffnete sie ihren Ärztekittel, und ich sah eine fingerartige gelbe Spritze an ihrem nackten Bauch hängen. Ich ließ gehorsam, neugierig, aber nicht geil, geil war ich da nicht, die Beine auseinander. Da legte Minna sich auf mich und stieß mir dabei geschickt die Spritze in meine Scheide. Nun hatte sie jahrelang meine Beherrschung beobachten können und gelobt, aber jetzt weinte ich vor Schmerz, ja schrie ziemlich durchdringend. Minna sagte: „ Du dumme Gans! Musst du denn so schreien!“ Gleichzeitig allerdings streichelte sie mich heftig. Und ich, die ich mich nach diesen anschließenden Berührungen, nichts anderem als solchen Berührungen von ihr, gesehnt hatte, hörte auf zu schreien. Sie drückte die Zigarette, an der sie bis dahin noch gesogen hatte, aus und führte dieSpritze nun in regelmäßigen Abständen, schneller werdend, in meiner Vagina auf und ab. Das Bewegen der Spritze in mir schmerzte eigentlich nicht mehr, oder es lag auch daran, dass der erste Schmerz des Eindringens mich da noch ganz ausfüllte. Minna verdrehte aber jetzt die Augen, und ihr sonst bleiches mageres Gesicht wurde rot und dick. Minna fickte mich, endlich. Und weil ich mir das alles anders ausgemalt hatte, weinte ich wieder ein bißchen. Kurz danach kam Minna auf mir zur Ruhe und zog auch fast gleichzeitig die Spritze heraus. Ich wunderte mich, wie dieses Ding mir hatte derartig weh tun können, denn es war aus angenehm weichem Gummi. Vielleicht lag es an seiner Dicke: Es hatte etwa den Durchmesser von vier stabilen zusammengelegten Mittelfingern. Diese Spritze sah aus wie ein gewaltiger Mittelfinger oder Riesendaumen. Als sie aus mir heraus war, machte es richtig: plups! Es klebte Blut daran.
Ich hatte ganz schnell hingeblickt, als ich merkte, wie Minna das Instrumen stiekum meinem Blickfeld hatte entziehen wollen. „Blut“, sagte ich, „mein Blut.“ „Nu plärr nicht schon wieder“, sagte Minna und küsste mich liebevoll auf den Mund. „Das musste ja mal sein, diese Anusuntersuchung! Du littst doch von Kind auf an elender Verstopfung, Hämorrhoiden! Aber du brauchst das nicht groß deiner Mutter zu erzählen! Die machte ja dann ein großes Trara! Ist doch wohl klar, nicht?“ „Ja“, antwortete ich und genoss es, dass Minna mich nach diesem Versprechen nochmals küsste. Eben waren ihre Lippen noch glühend, nun fühlten sie sich kalt an. „Jetzt gehst du schön heim und hütest unser Geheimnis, ist doch ein Geheimnis jetzt zwischen uns!“ sagte Minna und ließ wieder ganz stark ihren blauen Blick auf mir. „Und wenn du irgendein Problem hast, kannst du mich anrufen oder kommst vorbei! Da rufst du aber auch vorher besser an. Da bin ich immer für dich da! o.k.?“ „Ja“, sagte ich. – „Aber warum sehen wir uns denn nun nicht schon mal am Sonntagnachmittag – oder vormittags? Da könnten wir vielleicht ein wenig rausfahren in deinem Wagen, Minna?“ Aber diese Frage brachte ich ja nicht über die Lippen.

So ging ich weg! – Auf der Straße, dem Nachhauseweg dann vielleicht sogar beschwingt, glücklich: Endlich war ich zusammengewesen mit der Freundin meiner Seele. Ich hatte ein Geheimnis zu bewahren. – Ermutigend war auch, dass mich meine Eingeweide nicht mehr so brannten.
Bald darauf hatte ich ein schwieriges Problem. Mein Vater wollte mich einfach von der Schule nehmen, weil er ein Geschäft eröffnete. Rief ich Minna an und sagte: „ Ich habe ein Problem! Mein Vater…“ und so weiter. Da antwortete sie: „Aber deine Familie, ihr habt doch immer Geschäfte gehabt! Die Schwedts sind eine alteingessene Aachener Geschäftsfamilie. Mach das jetzt mal und hilf schön deinem Vater, und später siehst du dann weiter!“ Ich wurde ganz starr vor Schreck, oder mir wurde ganz flau im Magen, ganz weich in den Knien, weil ich der Minna so gleichgültig war. Vor allem wurde ich dadurch mir selbst auch so egal: Wie sie mir, so ich mir! Weil ich selbst am besten wusste, wie ich es mir am schlechtesten gehen lassen konnte.
Ließ ich mich also von der Schule runternehmen und von meinem dicken halbglatzköpfigen Vater ins Geschäft hineinnehmen. Spirituosen, Obst, Gemüse und Kartoffeln verkauften wir dann gemeinsam in seinem selbst während der eisigsten Kälteperioden ungeheizten Ladenlokal. Da bekamen Lisbeth, die mein Vater aber nicht von der Schule hatte herunternehmen müssen, damit sie für ihn schuften konnte, weil sie schon runter gewesen war, und ich schmerzhaft spannende und ja nach Witterungseinflüssen juckende, sich öffnende und wieder schließende Frostbeulen. Es ging uns allen gar nicht gut an der Seite unseres Vaters. Er sparte, wo er konnte. Weil er sein im Krieg zerstörtes Haus aus fremden zurückzahlenden Geldmitteln wieder hatte aufbauen müssen, durfte unser Leben nichts kosten. Nur die Küche, die auch unserAufenthaltsraum war, wurde zur kalten Jahreszeit geheizt. Wir liefen in Lupen herum, wir hatten nichts, was uns recht freute, bis auf die Festtage der katholischen Kirche. An denen pflegte aber meine Mutter regelmäßig ihre chronischen Krankheiten akut werden zu lassen: also Rippenfell-, Lungen- und Halsentzündung. „Unterm Christbaum liegen“ nannte sie ihr Verhalten zu Weihnachten. Zu Ostern fröstelte sie unter dicken Federbetten, und um Pfingsten meistens schwitzte sie in abgedunkelten Räumen ein Frühsommerfieber aus.
Zeitweise musste ich auch in unserem verkommenen Haushalt helfen. Zeitweise, zwei Jahre lang, hatte ich eine trübselige Bürostelle. Jahrelang war alles ein großer Scheiß! Obwohl ich auch Glück gehabt habe und eine Krankenschwester, an die ich mich verloren hatte, mal fast eine ganze Nachtwache ihre Arbeitspausen an meinem Bett versaß und mich tätschelte, karessierte, ohne dass es mich gleich bis aufs Blut aufgerissen hätte! Aber wir mussten uns trennen, weil ich gesund geworden bin. Das war mein ganzes Unglück, dass ich immer zu schnell gesund geworden bin.
Als Schwindsüchtige wäre ich bei Minna lebenslänglich ein- und ausgegangen. Ich hätte sie einfach angesteckt. Meine Probleme ließ sie sich einfach nicht stecken. Oft wählte ich ihre Telefonnummer, und sobald ich sie rauchig und tief mit ihrem „Hier Praxis Dr. Bretteis…“ hörte, legte ich atemlos auf. – Inzwischen hätte ich ihr gerne mal eine meiner Erzählungen gezeigt. Nachdem wir uns Jahre nicht gesehen hatten, wollte ich ihr Kunde geben: Siehe, ich bin nun doch eine Dichterin geworden! Endlich würde sie von dieser Wast-Sogel-Perenboom ablassen. Dass sie eine Künstlerin zur Freundin haben musste, war verständlich, aber es braucht nicht immer eine, ein und dieselbe Malerin zu sein! Minna würde sich selbst weiterhin verjüngen, begänne sie nun eine Liaison mit einer, der jungen Dichterin Therese! Ach!

Als meine Mutter tot war, spürte ich oft ein Reißen in den Schultern und beschloss, Minna wieder einmal aufzusuchen. Sie wiederzusehen. Ich spuckte auch hin und wieder schon mal ein bißchen Blut. Aber das kam, wie später von einem tüchtigen Facharzt festgestellt wurde, durch ein Loch im Nasenbein.
Leider sah ich gar nicht schön, ja nicht einmal leidlich aus. Ich war ziemlich übergewichtig geworden, mein Gesicht war verpickelt. – Da mein Vater sein ganzes Leben lang über zu sparen haben würde, trugen wir, besonders ich, da ich ohnehin kein Interesse an Männern und damit auch nicht an der Mode zeigte, abgelegte Kleidungsstücke von oft älteren Personen aus unserem Bekanntenkreis. Sah ich ehemalige Schulkameradinnen daherkommen, machte ich mich um ein paar Ecken davon. Und so, schwerfällig, ungeschickt, tapsig von Missgeschicken, stolperte ich eines Tages, zur eben Neunzehjährigen erblüht, bei Minna rein: Sieh, Minna, hier das Kind, das du gewickelt und damit vor frühzeitigem Kleinkindsterben behütet hast! Hier Minna, sieh mich an! Ich habe schwere Kreislaufstörungen und Stechen in der Brust und den Rippen. Minna klopfte und horchte mich aufmerksam ab. „Es ist alles o.k. Bei dir“, meinte sie. „Du hast vielleicht a bisserl Rheuma in den Knochen – die Mandeln sind auch leicht geschwollen und übergroß. Möglich, dass der blutige Auswurf von deinen Mandeln stammt. Geh mal damit zum Hals-, Nasen-, Ohren-! Und wie geht’s dir sonst? Schmeckt’s noch immer gut? Du hast ja ganz schön Speck auf die Rippen bekommen!“ „Doch, es geht nicht schlecht!“ druckste ich. „Rauchst du?“ „Nein!“ – Minna steckte sich nach wie vor eine an der anderen an. „Und was machst du sonst so?“ „Ich arbeite als Büroangestellte in einer belgischen Speditionsfirma! Aber die Arbeit kotzt mich an!“ „So, das ist ja interessant!“ Sie lächelte mich an. „Weißt du, du solltest mal zum Psychiater!“ Ich erstarrte vor Schreck! Psychiater war gleichbedeutend mit Irrenhaus! „Im Grunde genommen fühle ich mich doch wohl!“ „Was macht dir denn eigentlich so Spaß?“ Ich zitterte vor Aufregung: endlich die große Frage! „Ich schreibe.“ Blass wurde ich bei diesem Geständnis. Und als ich sah, dass Minna nicht recht verstand: „Erzählungen und Novellen und so…“ „Ah!“ Und ganz schnell, weil sie nichts weiter zu fragen hatte: „Wollen Sie mal was von mir lesen?“ Sie nickte gnädig. Und zeigte mir dann, indem sie aufstand vom Schreibtisch, dass ich entlassen war.

Ein paar Tage später bin ich gleich mit zwei kurzen Erzählungen, die gerade fertig geworden waren, zu ihr hingerannt. „Monotonie“ hieß eines dieser Trauerbilder. Spielte in einer Nervenklinik: Der Kassierer Münz hatte eines Tages grundlos einen Kollegen umgebracht, war darauf in die Klinik eingeliefert worden und brachte sich dort um. Die zweite Erzählung handelte von einem Marionettenspieler, der am Zusammenleben in einer Kommune leidet und sich immer hinter seinen Puppen versteckt. „Ich komme selten zum Lesen! Aber sobald ich Zeit habe! Kannst ja zwischendurch mal anrufen!“ Sie bekundete sogar kurzes, heftiges Interesse, schlug kurz den Deckel des Schnellordners zurück und las halblaut die Titel vor.
Es vergingen einige Wochen. Ich fragte an, ob sie es schon gelesen habe! Nein, ich solle mich gedulden, sie sei dauern im Stress! Sonntags aber ging sie mit Wast-Sogel-Perenboom. Ich sah sie schreiten im Schatten dieses schwarzen Pfaus.
Dazu hatte sie Zeit!
Nach zwei Monaten fragte ich wieder an. Sie selbst war gleich am Telefon. „Ja, ich habe die Sachen gelesen! Soll ich sie dir zurückschicken?“ „Ach, ich kann sie selbst holen!“ Ich wollte wissen, wie sie die Texte fand. Ich fragte aber nicht am Telefon danach. Am Telefon war Minna stets barsch. „Wann soll ich kommen?“ „Kommst am besten gegen zwei Uhr. Schwester Roswitha kann sie dir rausgeben!“
Als ich ankam, wischte die Putzfrau grade das Treppenhaus. Das werde ich nie vergessen, weil das das letzte Mal war, dass ich das Haus in der Promenadenstraße betrat. Schwester Roswitha unterbrach meinetwegen ein Telefongespräch. „Hier“, sagte sie und „Tschüss!“ Ich steckte den Schnellhefter mit meinem Scheiß in einen Umschlag und fuhr ins Büro zurück.
Abends blätterte ich alles sorgfältig durch, ob Minna mir vielleicht auf einem beigelegten Blatt etwas zu mir mitgeteilt hatte? Da war nichts von ihr Geschriebenes. Allerdings klebte auf einer Seite der „Monotonie“ zwischen einigen Zeilen etwas grüner Mist. Ich kratzte daran: Es waren Reste von gekochtem Grünkohl. Minna hatte, während sie ihr Mittag- oder Abendessen verputzte, auch meine Erzählungen mit verputzt.

Magermodels

London – Die Chefin der britischen Vogue rebelliert gegen Modehäuser wie Prada, Yves Saint Laurent und Versace. Trotz der Debatte um abgemagerte Models würden auf Drängen führender Designer immer mehr spindeldürre Models in Magazinen landen – die Mädchen würden immer dünner. Das habe die Vogue-Chefin Alexandra Shulman in einem Brief an die Modehäuser geschrieben, berichtet die britische Times. In einem Brief rufe sie die Designer zum Umdenken auf. Modezeitschriften seien gezwungen, Models mit “hervorstehenden Knochen und ohne Busen oder Hüfte” zu engagieren, weil die Kleidungsstücke, die die Designer den Magazinen für Shootings zuschicken, winzig seien, schrieb sie weiter. Die Maße der Kleidung seien “deutlich kleiner” geworden. Die Vogue retuschiere nach den Fotoaufnahmen am Computer regelmäßig die Körperfülle der Mädchen, damit sie dicker und gesünder aussehen. “Wir sind jetzt an einem Punkt, wo viele Probegrößen nicht einmal mehr den etablierten Star-Models mehr passen, schreibt Shulman.

Ja dieses Phänomen ist hinlänglich bekannt (das mit den zu dürren Models) und wir haben hier auf unserer Seite auch schon Artikel darüber geschrieben (z. B. Modeblogs oder auch Frau=Tod). Meine ursprüngliche Meinung zu dem Thema war, dass die Mädchen deswegen immer dünner werden, weil die überwiegende Mehrzahl der Designer schwule Männer sind, die einen gewissen Frauenhass haben, bzw. die Frau aus ihrem System heraushaben wollen und sie durch eine Art queeren Jungen/Mann ersetzen wollen. Im Prinzip stimme ich dem noch zu, habe aber noch eine Ergänzung hinzuzufügen. Wie schon in “Unerfüllte Männerliebe” geschrieben: [...] Die Bedrohung ist größer, wenn das Patriarchat mit männlicher Homosexualität konfrontiert wird, weil es dann Männer sind, die sich der Heteronormativität entziehen. Wenn sich das Patriarchat selbst als eine Art Männerbund versteht, ist es auf der anderen Seite aber auch so, wie Eve Sedgwick gesagt hat, dass das Bindemittel des Patriarchats ein männlich-homosoziales Begehren ist. Das bedeutet, dass Affekte jedweder Art als Bindemittel zwischen Männern zirkulieren. Es wäre dann so, dass in dem, was man als Homosexualität versteht, das zutage tritt, was ansonsten hinterm Tabu verborgen bleiben muss. [...] Wohlmöglich ist also dieses “immer dünner und somit immer geschlechtsloser werden” (kein Busen, Hüfte; Po) der FrauenModels eine Art mehr oder weniger unbewusst ausgeführte Akt der Schwulen Modeschöpfer? Weil: Wen begehren schwule Männer? Den Mann. Was sind/leben die meisten Männer nach außen hin? Klar heterosexuell. Was ist das (un- ausgelebte/tabuisierte) Bindemittel des Patriarchats? Wie gerade gelernt: Das männlich homosoziale Begehren.

Nun vielleicht macht viele schwule Designer einfach nur diese Diskrepanz verückt  zwischen dem – was ganz unbewusst in der Gesellschaft da ist und nur ganz tief in der Nacht und nur heimlich ausgelebt wird und dem, was  in der Realität und am Tageslicht dann wirklich gelebt wird. (Und das sie dann, am hellen Tage, an die Heteromänner nicht rankommen können). Und sie versuchen deshalb die Frau dem Mann immer ähnlicher zu machen (Mann light sozusagen) um sie/ihn so besser, nach und nach, dem gewöhnlichen Hetero(mann) unterzujubeln zu können. So wie wenn man jemanden vom Kaffetrinken (=Frauen lieben) abbringen will und ihm dann jeden Morgen ein wenig mehr Malzkaffee (=Männer wollen) in seine Koffeindroge mischt, bis er den Unterschied kaum mehr bemerkt. Ja vielleicht könnte das auch ein Grund für die Zunahme der Magermodels sein – und nicht unbedingt immer nur das üblich vorgebrachte Argument der sogenannten Überflussgesellschaft. (In Afrika hungern sie – und hier ist so ein Knochenkörper doch nur ein herrlich dekadentes Luxusspiel…). Vielleicht – wer weiß – quergedacht eben.

Schöne Frauen machen Männer dumm – lautete heute Morgen die Überschrift einer kurzen Zitungsnotiz in der Kategorie Vermischtes:  Attraktive Frauen machen Männer dümmer. Das jedenfalls glauben Wissenschaftler der Radboud Universität im Niederländischen Nikmegen. Sie beobachteten die intellektuelle Leistungsfähigkeit von Studenten kurz nachdem sie mit besonders attraktiven Kommilitoninnen zusammengebracht wurden. Fazit: Ein Mann kann während und kurz nach der Begegnung mit einer schönen Frau nicht klar denken. Für Frauen galt das ungekehrt nicht, sagt der Sozialpsychologe Johan Karremanns. Die Versuchspersonen seinen bei Begegnungen mit attraktiven Frauen “stark damit beschäftigt gewesen, Eindruck zu schinden”. Das habe vermutlich ihre geistige Leistungsfähigkeit erheblich in Anspruch genommen.

Aha -  überlegte ich verwundert, wollen denn heterosexuelle Frauen bei attraktiven Männern keinen Eindruck schinden? Also ich will das bei Frauen schon und wenn ich einer (für mich) attraktiven Frau gegenüberstehe, bin ich auch nicht mehr gerade zu mathematischen Höchstleistungen fähig;) Komisch, komisch – aber wohlmöglich kann es auch daran liegen, dass die durchschnittliche männerliebende Frau kein so starkes Begehren hat, d. h. den Mann an sich gar nicht so richtig will? Jedenfalls scheint sie seine körperliche Anwesenheit nicht sonderlich aus der Fassung zu bringen, sie bleibt cool und gefasst. Was mich wundert, denn reden Frauen nicht dauernd über Männer, wie und wo sie den Traumprinzen finden können, ob sie ihm gefallen werden, wie sie sich für ihn Anziehen, Schminken und im Bett verhalten sollen und ob er gar familientauglich ist. Und über die Hochzeit, soll sie nicht angeblich der schönste Tag im Leben einer Frau sein? Ganz in Weiß und ein rauschendes Fest – und danach soll ER SIE mit seinen starken Armen über die Schwelle und in ein gemeinsam zu erleidendes Leben tragen. Undsoweiterundsofort.

Hm überlegte ich ein zweites Mal, vielleicht sehnen sich Frauen gar nicht so sehr nach dem realen Mann, seinem biologischen Körper, dem etwas rauen Geruch und der greifbaren Gegenwart, sondern nur nach einer Art Fiktion von ihm? Sie schätzen wohl seine (immer noch) bessere gesellschaftliche Position und die sichere Rolle, die sie selbst durch ihn bekommen (Ehe, Familie, Kinder). Aber ihn selbst? Begehren sie ihn wirklich? Und als ich ein drittes Mal nachdachte, fiel mir eine Untersuchung ein, die neulich mal veröffentlicht wurde. Eine nicht unerhebliche Anzahl von lesbisch und heterosexuell lebenden/liebenden Frauen wurde dort befragt und miteinander verglichen. Fazit: Den einzigen markanten Unterschied, den sie zwischen den beiden Gruppen feststellen konnten war, dass die lesbisch/frauenliebend lebenden Frauen ein “wesentlich schärferes emotionales Profil” aufwiesen. Sie begehren also stärker.

Und da schließt sich der Kreis zu meinen eigenen Beobachtungen und Lebenserfahrungen nämlich das Frauen, die eine starke (sexuelle) Lebensenergie haben und  damit Frau bleiben wollen sehr oft auch zu Frauen hintendieren. Sie wollen ein Objekt besitzen, wie sie selbst eines sind, anfassen und angefasst werden, Sinnlichkeit, Wärme und seelische Verschmelzung erleben, ohne Angst haben zu müssen dabei sich selbst und ihre Identität zu verlieren. (Und die intensive Begegnung/das Zusammenleben von Mann und Frau ist fast immer mit einem Identitätsverlust verbunden, entweder für sie oder für ihn, meisten für sie. Man denke an die vielen Frauen, die im Alter ihrem Ehemann immer ähnlicher werden, beide kurzes graues Haar, Rucksack und Sportjacken, fast schon schwul) Ja und beinahe scheint es also, dass dieses “Mann will Frau” nicht unbedingt umgedreht werden kann, die Frau will nämlich sehr oft nicht den Mann, was sie aber dann will, weiß sie leider auch nicht so genau. Fehlendes Begehren eben.

P.S.: Hier habe ich übrigens ein sehr interessantes Beispiel dafür gefunden, wie das (sexuelle) Begehren einer heterosexuellen Frau aussehen kann:
Dianne`s Erotisches
Es ist ein Blog und sie, Dianne die Autorin, beschreibt darin sehr ehrlich ihre sexuellen Begegnungen mit Männern. Und fast ein wenig schwul, denn sie wird sehr stark in seine körperlich männliche Welt hineingerissen, lässt sich komplett darauf ein, wird sein bester Kumpel und verliert auch ein wenig ihre eigene Identität und Welt. (So erschein es mir jedenfalls) Sie  ist sozusagen das genaue Gegenteil von einer “Tussi”, die ihre Weiblichkeit/die feminine Inszenierung auf die Spitze treibt – wohl als Ausgleich für die raue MännerKörperWelt in der sie als heterosexuelle Frau leben muss.

Tristan_unt_IsoldeWarum wird unsere westliche/abendländische Kultur so sehr von Schwulen dominiert, warum begeistern sich besonders schwule Männer für Modedesign, das Ballett oder den erz-heteronormativen Bereich der Oper? Warum identifizieren sie sich mit Diven und all den leidenden Frauen, deren Schicksal es meistens ist in unerfüllter Liebe zu sterben?“ Ein Auszug aus einem Text zum Thema „Queer Studies“ von Prof. Dr. Andreas Kraß – »Die Heteronormativität aufbrechen. Anderes denkbar machen.« – öffnete mir regelrecht die Augen:

„Ein schönes Beispiel für diese affektive Dynamik (Mann liebt Mann), die in Texten zirkuliert und die das Prinzip der Heteronormativität in Frage stellt, ist in der Tat Tristan und Isolde von Gottfried von Straßburg. In diesem Roman ist deutlich zu erkennen, dass unter und letztlich auch wieder auf der Oberfläche eine Form der Liebe vorgestellt wird, die sich dem Patriarchat in gewisser Weise entzieht bzw., wenn man sie näher betrachtet, das Prinzip des Patriarchats infrage stellt. Denn die Liebe zwischen Tristan und Isolde wird ja vermittelt über eine dritte Figur, König Marke, den Ehemann von Isolde. Hier kann man gut beobachten, dass die Liebe zwischen König Marke und seiner Frau nur in der Dreieckskonstellation funktioniert, also nur in dem Dreieck von zwei Männern und einer Frau besteht. Das heißt, die Frau wird hier zum Schauplatz eines Begehrens, das ein Mann auf den anderen richtet. Diese trianguläre Konstellation findet man häufig wieder.”

Es gibt also in vielen Opern (vor allem von deutschen Komponisten wie Richard Wagner oder Richard Strauss) versteckte homoerotische Motive, jedoch geht es dabei nie um lesbisches/weibliches Begehren, sondern um das männliche, welches dann auf die Frau projeziert wird. Die Frau funktioniert sozusagen nur als Bindemittel und kaschiert dadurch die latente Homosexualität zwischen den männlichen Figuren. Ich denke aber, dass dies nicht das Patriarchat in Frage stellt, sondern dieses gerade bestärkt und spiegelt, denn es ist ein Männerbund/eine Männergesellschaft in der authentische Weiblichkeit nicht vorkommen darf und in der Frauen nur die Funktion einer den männlichen Bedürfnissen entsprechenden Projektionsfläche haben.

„In der Tat gibt es noch einmal eine Hierarchisierung in der Homosexualität. Das ist etwas sehr Vertracktes. Ich glaube, dass in einer patriarchalen Gesellschaft die männliche Homosexualität noch einmal anders betrachtet wird als die weibliche Homosexualtiät, weil die patriarchale Gesellschaft eine männliche, homosozial strukturierte Gesellschaft ist. Wenn eine Gesellschaft so konstruiert ist, dass die Männer einen privilegierten Zugang zur Macht haben, ist die Anfrage an die Männlichkeit, wenn sie von schwuler Seite gestellt wird, anders, als wenn sie von lesbischer Seite kommt. Die ablehnende Haltung gegenüber weiblicher Homosexualität ist in mancher Hinsicht Teil der allgemeinen Frauenfeindlichkeit. Sie wird oftmals als heterosexuelle Männerphantasie vereinnahmt. Die Bedrohung ist größer, wenn das Patriarchat mit männlicher Homosexualität konfrontiert wird, weil es dann Männer sind, die sich der Heteronormativität entziehen. Wenn sich das Patriarchat selbst als eine Art Männerbund versteht, ist es auf der anderen Seite aber auch so, wie Eve Sedgwick gesagt hat, dass das Bindemittel des Patriarchats ein männlich-homosoziales Begehren ist. Das bedeutet, dass Affekte jedweder Art als Bindemittel zwischen Männern zirkulieren. Es wäre dann so, dass in dem, was man als Homosexualität versteht, das zutage tritt, was ansonsten hinterm Tabu verborgen bleiben muss. Männliche Homosexualität ist also einerseits eine Bedrohung. Auf der anderen Seite kann sie in gewisser Weise in das übergreifende Prinzip der Homosozialität wieder eingebunden werden. Doch kann man mit gleichem Recht argumentieren, dass die weibliche Homosexualität eine besondere Bedrohung ist, weil sie sich noch stärker dem Prinzip des Patriarchats verwehrt, indem sie sich dem männlichen Begehren entzieht. Das ist eine ganz schwierige Konstellation.”

Der Autor des Textes ist sich an dieser Stelle nicht sicher, ob denn nun die männliche oder die weibliche Homosexualität für das Patriarchat eine größere Bedrohnung sei. Aus meiner weiblichen Sicht sage ich, dass es auf jeden Fall die bei Frauen allgemein verbreitete emotionale und sexuelle FrauenBezogenheit (lesbische Liebe) ist, die das Gefüge und die Machtstrukturen des Patriarchats untergraben wird. Denn die Frau braucht weniger den Mann, als der Mann die Frau braucht.

Doch um eine eigene Kultur zu schaffen dürfen Frauen sich nicht mehr mit den männlichen Projektionflächen identifizieren und müssen eigene Geschichten und Frauencharaktere erfinden. Dies geht auch nur dann, wenn Frauen ehrlich über ihre sexuelles Begehren und Erleben sprechen – denn oft bedienen sie sich eines männlichen Blicks auf die Frau, um so die Verantwortung für ihre Sexualität abzugeben.

Und die gesellschaftliche Homosozialität wird weil sie auf der Unterdrückung der Frau basiert unerfüllt und sublimierend bleiben, denn sonst würde der ganze „Betrug“ an den Frauen ja aufgedeckt werden. Auch die Verknüpfung der beiden Motive „Liebe“ und „Tod“ (die es ja fast in jeder Oper, jedem Drama gibt) hat rein gar nichts mit dem Begehren von Frauen zu tun. Eher die Verbindungen von „Liebe“ und „Leben“, „Liebe“ und „Geburt“, „Liebe“ und „Sex“, „Sex und „Mutterliebe“/ „mütterlicher Liebe“ stehen für ein reales weibliches Begehren/Lieben.

Eine interessante Beobachtung, die ich selbst gemacht habe ist übrigens, dass auch viele „klemmlesbische“ Frauen die Oper besuchen und dass Opernsängerinnen generell ein stärkeres sexuelles Begehren als die normale Durchschnittsfrau haben – d.h. sie begehren oft Frauen. (Siehe dazu den Text „Klemmlesben“) Nur sind sich diese Frauen der schwul geprägten patriarchalen Kultur leider fast nie bewusst und bleiben in der Anbetungsphase stecken – die Frau als Göttin zu sehen (oft von Schwulen dazu stilisiert) ist eine weitere Falle, die weibliches Bewusstsein verhindert…

Hier noch eine sehr “lebendige” Interpretation von Isoldes “Liebestod” gesungen von Waltraud Meier – einer Opernsängerin, die vor allem von Frauen verehrt wird und die sehr viel weibliche/sexuelle Energie besitzt.

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